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Streitkultur : „Gutmensch“ oder „besorgter Bürger“

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Streitkultur in Deutschland liegt darnieder und konzentriert sich auf die Ausgrenzung des jeweilig anderen. Jan Philipp Hein sieht Parallelen zu Weimar.

shz.de von
erstellt am 17.Jan.2016 | 14:13 Uhr

Kann es sein, dass die Wahl zum „Unwort des Jahres“ keine linguistische Veranstaltung ist, sondern ein geschmackloses karnevalistisches Vorglühen von Sprachwissenschaftlern? Dieses Jahr teilte die Jury um die Darmstädter Wissenschaftlerin Nina Janich mit, dass man sich für den Begriff „Gutmensch“ entschieden habe.

Das Wort erinnere an die NS-Zeit und die damalige „Diskursstrategie“, andere sprachlich zu „diffamieren und zu isolieren“, erklärte Margarete Jäger, Leiterin des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung. Auch ein Linguist der Universität Münster fühlt sich an die „diffamierende Rhetorik aus der NS-Zeit“ erinnert.

Die Venus von Milo. Foto: imago
Die Venus von Milo. Foto: imago
 

Dann könnte man freilich auch die Venus von Milo für eine hardcore-pornographische Skulptur halten. Vielleicht sollten Sprachforscher ihren Kontakt zu Historikern intensivieren und sich darüber aufklären lassen, mit welchen Begriffen Nationalsozialisten Juden belegten, um sie erst aus dem „Volkskörper“ zu isolieren und etwas später zu vernichten. Dieser Ausflug aus verbalpolizeilichen Gefilden würde die Linguisten in die Wortwolke der Kammerjägerei führen. Dass Silberfische oder Kakerlaken als „Gutmenschen“ bezeichnet werden, wäre mir neu.

Janichs und Jägers Jury stört sich daran, dass im vergangenen Jahr insbesondere Flüchtlingshelfer mit dem Begriff „Gutmenschen“ als naiv oder dumm beleidigt und ausgegrenzt worden seien. Das stimmt sogar. Aber müssen sie deswegen wirklich in die Bresche springen und im Gegenzug über diejenigen, die diesen Begriff nutzten, die diskursive Höchststrafe verhängen und sie in die Nähe der Nazis rücken? Entweder ist das fortgeschrittene Dialektik oder einfach nur Schwachsinn.

 

Schwachsinn trifft wohl zu. Der grauenhafte Jahresauftakt 2016, die gesamtgesellschaftliche Radikalisierung nach der Kölner Silvesternacht, und die damit einhergehende Spaltung des Landes in „Gutmenschen“ auf der einen und „besorgte Bürger“ auf der anderen Seite legt einen ganz anderen Schluss nahe als den, den die Unwort-Juroren gefunden haben: Die Zeit der Ausgrenzungen ist vorbei. Da sie sich an den Universitäten und den angeschlossenen Sprachinstituten für klüger halten, hätten sie auch gerne damit beginnen können. Leider wurde diese Chance verpasst.

Wir – und damit meine ich Journalisten, Politiker, Wissenschaftler, Betroffenheitspromis und jeden anderen, der das Privileg besitzt, die öffentliche Meinung mitformen zu dürfen – müssen uns dringend fragen, ob wir diesen Hauch von Weimar, der seit ein paar Wochen über dem Land liegt, wirklich damit wegblasen können, indem wir eine immer lauter und offenbar auch größer werdende Menge von Zweiflern und Skeptikern des Ausspruchs „Wir schaffen das“ einfach stigmatisieren. Ich glaube das nicht. Nicht mehr.

Zwar bin ich auch davon überzeugt, dass dieses Land über alle Ressourcen verfügt, die Herausforderungen der Migration zu bewältigen und am Ende sogar davon zu profitieren. Doch das wird uns nicht gegen eine lautstarke Sperrminorität der Bevölkerung gelingen, die nicht nur bei Pegida-Demos und AfD-Parteitagen rebelliert, sondern auch an den Rändern der gesellschaftlichen Mitte präsent ist – etwa beim Bier am Abend, beim Italiener, wenn die Kinder aus der Krippe geholt werden oder nach der Elternversammlung. Und vielleicht bin ich sogar zu optimistisch, diese Skeptiker nur am Rand der Mitte zu verorten.

 

Als „Pack“ bezeichnete SPD-Chef Sigmar Gabriel im Spätsommer Fremdenfeinde aus dem ostdeutschen Heidenau, die dort einen Bürgerkrieg gegen neuankommende Flüchtlinge in einem Baumarkt inszenierten und sich dabei darauf verlassen konnten, dass ihnen keiner der anderen Bewohner der Ortschaft in die Arme fallen würde. Doch wir alle, auch ich, wären schlau gewesen, nicht sofort zu schreiben, dass das richtig war, was Gabriel da sagte. Vielleicht hätten wir ihn daran erinnern müssen, dass er Vize-Kanzler aller Deutschen – also auch dieser Heidenauer – ist.

Dass die vielen ostdeutschen und nicht so wenigen westdeutschen Fremdenfeinde sich von der Gesellschaft entfernt hätten, schreibt sich flott. Dass sich lange vorher vielleicht auch diese Gesellschaft und ihre Meinungsführer von ihnen entfernten und so ihren Weg in die Radikalisierung bahnten oder wenigstens erleichterten, liest man hingegen seltener.

 

Diese Demokratie muss um jeden kämpfen. Während für zugewanderte Minderheiten ein Integrationsprogramm nach dem anderen aufgelegt wird, lässt man die Opfer der SED-Diktatur – wozu heute in aller Dialektik auch die Profiteure von einst gehören – mit der Nachfolgepartei ihrer einstigen Peiniger allein. Parallelgesellschaften in westdeutschen Großstädten werden mit Sozialarbeitern überschwemmt, bei denen man bisweilen nicht sicher sein kann, ob sie ein Problem lösen oder konservieren wollen. Parallelgesellschaften in der ostdeutschen Provinz überlässt man hingegen Sahra Wagenknechts Linkspartei, die zwar vorgibt, gegen Rechts zu sein, aber damit noch lange nicht Pluralismus, Meinungsfreiheit und gruppenunbezogene Menschenfreundlichkeit im Sinn hat.

Auch die Grünen – im Osten und im Westen – haben nicht verstanden, worum es jetzt geht. Kurz nachdem die Sprachpolizei ihr Unwort-Votum verkündete, posteten grüne Abgeordnete, Funktionäre und Sympathisanten „Wir sind Unwort“ und setzten damit fort, was sich womöglich irgendwann als Kardinalfehler herausstellen wird.

Mittlerweile sind „die da oben“ so weit weg von denen, die als „besorgte Bürger“ verniedlicht und lächerlich gemacht werden, dass sie kaum noch unterscheiden können, ob die Grünen zur Regierung gehören oder die Opposition bilden. Für die da unten sind solche Tweets und Facebook-Meldungen nur noch Hohn. „Das Volk hat das Vertrauen der Regierung verscherzt. Wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?“, fragte Bertolt Brecht anlässlich des 17. Juni 1953. Das war die größte Staatskrise der DDR vor dem Mauerfall 1989.

Die DDR scheiterte daran, nie demokratisch gewesen zu sein. Noch ist die Bundesrepublik weit davon entfernt daran zu scheitern, dass sich kaum noch einer für seine Rechte als Bürger in einer Demokratie interessiert. Aber die stetig sinkende Wahlbeteiligung sollte als Alarmsignal ausreichend sein. Und es wird auch kein Wunder sein, dass die neuen Bundesländer Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen dieses Negativ-Ranking anführen (mit Ausnahme des Failed-Townships Bremen auf Platz drei) und von dort die derbsten flüchtlingsfeindlichen Exzesse vermeldet werden.

Es geht also darum, das „Pack“ zurückzuholen und davon zu überzeugen, dass es auch seine Stimme hat und dass diese gehört wird. Da ist nicht nur die Politik gefragt, die sich quer durchs demokratische Spektrum anhören muss, sie sei „linksgrün versifft“.

Hier sind auch wir Journalisten gefordert. So schwer es fällt: Auch wir müssen um jeden kämpfen, der uns „Lügenpresse“ entgegenbrüllt. Abschieben bleibt hier nämlich nicht als Ultima Ratio. Überzeugen wir sie! Übrigens auch die Skeptiker unter den Migranten. Egal wie lange sie bereits in Deutschland leben.

 

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