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Christian Ulmen : Gute Shitstorms, schlechte Shitstorms

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Schauspieler Christian Ulmen erzählt im Interview, wie er am digitalen Feminismus verzweifelte.

von
erstellt am 03.Aug.2014 | 14:48 Uhr

Herr Ulmen, für eine McDonald’s-Kampagne sind Sie in die Rolle einer Bio-Apfeltüte geschlüpft. Ist das nicht ein klassisches Alibi-Produkt?
Die fetten Rollen waren leider schon weg. Ich kam ganz zum Schluss dazu, als es nur noch Obst und Gemüse gab.

Hinterher soll es einen Shitstorm gegeben haben, weil Sie und andere Promis Fast Food beworben haben.
Davon ist mir nichts bekannt. Es gab 40 oder 50 Leute, die sich auf den Facebook-Seiten von Jürgen Vogel, Moritz Bleibtreu oder mir beschwert hatten, es gab einen tatsächlich tollen Song von Simon & Jan zu dem Thema und auch ein paar E-Mails mit Beschimpfungen. Das war doch aber kein Shitstorm. Da haben sich ein paar nostalgische Anhänger von Feindbildern aus den 80er Jahren zu Wort gemeldet. Dazu die üblichen „wie kann man nur Werbung machen, Ihr Nutten“-Gesänge von ein paar Einkommenskritikern. Das war langweilig, da habe ich schon wesentlich kontroversere, spannendere und vor allem große, also echte Shitstorms erlebt. Solche, wo man sogar gern zurückschreibt.

Welche Proteste haben Sie denn zur Diskussion genutzt?
Zum Beispiel den Shitstorm zu meiner Show „Who wants to fuck my girlfriend?“. Nicht nur, weil er so viel stürmischer war. Es hat mich auch inhaltlich interessiert.

Dazu muss man erklären: In der Show lassen Sie in der Rolle des Prolls Uwe Wöllner zwei Paare gegeneinander antreten. Mal punktet die Frau, die am Autostrich höhere Gebote von Freiern kriegt, mal geht es darum, beim Sex-Chat möglichst viele Männer zum Ausziehen zu bewegen.
Viele Kritikerinnen hatten übersehen, dass die Show eine Satire ist. Die waren schnell zu beruhigen. Es gab aber auch eine Fraktion mit der Auffassung: Auch in satirischer Form darf man Sexismus nicht abbilden. Die Frage, was Satire darf, finde ich spannend; leider war kein so richtig erhellendes Gespräch darüber möglich.

Was ist denn passiert?
Wir hatten einige Frauen feministischer Vereine, die sich so erbost zeigten, zu uns ins Büro eingeladen. Manche kamen nicht, weil sie dahinter sofort eine böse PR-Strategie vermuteten. Dabei wollten wir wirklich nur reden. Ich konnte nicht verstehen, was ausgerechnet Feministinnen so auf die Palme bringt, denen unser Format doch aus der Seele sprechen müsste. Die einen haben mir die satirische Absicht geglaubt – die Show aber trotzdem für gefährlich erklärt, weil die Welt voller dummer Männer sei, die Satire nicht verstehen und sich von „Who wants to fuck my girlfriend?“ bestätigt fühlen. Ich will aber kein Fernsehen für den kleinsten gemeinsamen Nenner der Doofen machen. Die nächsten behaupten, ich sei selbst ein Sexist, der Ironie als Vorwand nimmt, um Frauen auf den Strich zu schicken. Ich hatte am Ende der Debatten den Eindruck: Das Männerbild der meisten Feministinnen ist unverrückbar. Die wollen gar keinen einsichtigen, reflektierten Mann, die wollen einen Punch Bag zum nimmermüden Draufhauen. Ich habe zwei Kinder, ich habe Vaterjahre und Tausende gewechselter Windeln hinter mir, eine Ehefrau, die fast mehr arbeitet als ich, ich habe Kolumnen pro Wickelkommoden auf Herrenklos geschrieben und eine Satire auf frauenverachtende TV-Shows gemacht. Von niemandem wurde ich in meinem Leben krasser beschimpft als von Feministinnen. Es kann nur so sein: Denen geht es nicht um Gleichberechtigung oder Frauenrechte. Die haben Bock auf Krawall und ein großes Problem mit dem Mann per se.

Ich finde Ihre Show übrigens nicht nur auf der satirischen Ebene lustig. Beim Sex-Chat-Battle zum Beispiel musste ich auch ganz unironisch lachen. Finden Sie das bedenklich?
Mir ging es genauso. Wir wollten keine Besserwisser-Satire machen, sondern auch eine wahnsinnig lustige Show. Und natürlich ist es komisch, wenn zwei Frauen die Männer im Sex-Chat als Spielautomaten benutzen, den man im Rekordtempo sexuell reizbar machen muss. Ich finde das auch gar nicht frauenfeindlich. Wenn hier einer ein schlechtes Bild abgibt, dann die Männer, die im Bistro-Spiel dabei gefilmt werden, wie sie Frauen auf die Brüste gucken, oder die im Puff um den Preis feilschen.

Sind das denn alles echte Freier? Die Männer werden bei Ihnen nur halbherzig mit einem Balken über den Augen anonymisiert. Wieso haben die der Ausstrahlung zugestimmt?
Zu dieser juristischen Frage, möchte ich nur sagen: Wer einer Ausstrahlung widerspricht, hat das Recht auf Stimmverzerrung und eine Verfremdung des Gesichts. Wer allerdings sagt, dass er mit einem Balken einverstanden ist, der bekommt einen Balken.

Verstehen Sie Menschen, die den „Bachelor“, „Topmodel“ oder „Bauer sucht Frau“ gucken?
Ich verstehe, dass man zu Raab geht, ich verstehe es bei „The Voice“ und bei allem, das den Wettbewerb ernst meint. Alles, was auf Demütigung abzielt, verstehe ich nicht – weder die Teilnehmer noch die Zuschauer. Sehr unangenehm sind mir Formate über Frauen, die so hohl sind, sich von einem Bachelor betatschen zu lassen, oder Castings, die Teenies als Schwachmaten vorführen.

Stimmt es, dass Sie mal für Theologie eingeschrieben waren?
Ja, aber nur um meine Eltern zu beruhigen, die Fernsehen als Berufswunsch zu unseriös fanden. Weil ich so ein schlechtes Abi hatte, standen mir als Bluff nur Theologie oder Gebärdensprache offen. Drei Wochen vor Semesterbeginn hat MTV mich erlöst.

Im ARD-Sommerkino sind Sie in der Komödie „Wer’s glaubt wird selig“ zu sehen, wo Sie die Heiligsprechung einer toten Schwiegermutter betreiben – wenn auch nicht aus allzu frommen Gründen.
Das stimmt, es ist auch kein allzu frommer Film. Aber ein wirklich lustiger! Manchmal dreht man Filme, mit denen man dann unglücklich ist. Diesen mag ich wirklich sehr!

Auch sonst funkelt das Thema Gott bei Ihnen immer mal wieder auf. Als Oberproll Knut Hansen diskutieren Sie mit Zeugen Jehovas; als Schüler Jonas befragen Sie die Religionslehrerin zur Existenz Gottes.
Aber nicht, weil ich ein metaphysisches Anliegen in die Parodien mogeln will. Ich möchte spannende Figuren verkörpern, und dafür müssen sie Sachen vorbringen, die überraschend sind – zum Beispiel eine theologische Frage. Das hat nichts mit mir selbst zu tun. Ich bin religiös erzogen worden, konfirmiert und mit dem Gefühl aufgewachsen, dass es Gott schon irgendwie geben wird. Dass ich gar nicht daran glaube, ist mir ziemlich spät aufgefallen. Eigentlich habe ich mich erst mit Mitte 20 damit auseinandergesetzt. Bei mir war das ein langwieriger Prozess, der auch Mut forderte – mir selbst und meinen Eltern gegenüber.

Haben Sie trotzdem kirchlich geheiratet und die Kinder taufen lassen?
Geheiratet habe ich beide Male nur standesamtlich, aber meinen Sohn habe ich noch getauft. Meine Tochter schon nicht mehr. Damals hatte ich mich nicht getraut, darauf zu verzichten. Das meine ich eben: Es ist schwer, sich daraus zu lösen. Ich zahle auch noch Kirchensteuer, obwohl ich nichts mit Kirche zu tun habe.

Ihre Frau schreibt Erziehungsbücher und Kolumnen in der „Eltern“. Planen Sie vorher, welche Betriebsgeheimnisse Sie ausplaudern?
Ich lese das natürlich alles, aber ich lese es nicht gegen. Wir haben einen unausgesprochenen Kodex, wo die Grenze dessen ist, was wir öffentlich machen.

Im „Bunte“-Interview beantwortet Ihre Frau selbst, ob noch weitere Kinder geplant sind – nur nicht die Frage nach dem Vornamen Ihrer Tochter. Hat das juristische Gründe?
Das ist nervig und kompliziert. Die Rechtsprechung besagt: Sobald ich auch nur offenbare, dass ich überhaupt eine Tochter habe, mache ich mich zum Objekt des Boulevards und muss in Kauf nehmen, dass ich überall fotografiert werde. Streng genommen darf ich gar nichts sagen. Zuerst haben wir das so gemacht, weil wir überall von Paparazzi fotografiert worden sind, vor dem Frauenarzt, mit dem Kinderwagen, überall. Aber gar nichts zu sagen, ist absurd. Manchmal gibt es eben passende und tolle Anekdoten. Außerdem schöpft man bei jeder kreativen Arbeit auch aus seinem Leben. Aber es muss doch meine Entscheidung bleiben, was ich erzähle und was nicht. Ich widersetze mich diesem juristischen Purismus, erzähle von Zuhause was ich will, und verklage trotzdem jeden, der mich auf dem Balkon mit meinen Kindern fotografiert. Wenn ich auf einer Gartenparty meinen Freunden erzähle, dass ich Hämorrhoiden‎ habe, dürfen die mir ja auch nicht in den Hintern fotografieren.

Das will ja hoffentlich auch keiner.
Mich ärgert es auch, wenn Promis, die ihre Karriere der „Gala“ verdanken, verkünden: Ich rede nicht mehr mit dem Boulevard. Das finde ich so eitel, dass ich schon aus Trotz nicht nur mit der „Bunten“ rede, sondern sogar mit der „InTouch“. Ha!

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