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Berkenthin : Grundstück für Flüchtlinge gekauft, die nicht kommen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Es wurde als „Berkenthiner Coup“ gefeiert. Das Amt kaufte dem Land ein Grundstück weg, um dort Häuser für Flüchtlinge zu bauen. Jetzt wird der meiste Platz aber gar nicht benötigt.

shz.de von
erstellt am 18.Mai.2016 | 06:25 Uhr

Berkenthin | Die Sonne scheint ihm ins Gesicht. Karl Bartels steht auf einer Baustelle – mitten auf dem Gelände der Großraumdisco Ziegelei, das der Vorsteher des Amtes Berkenthin im Herzogtum Lauenburg vor einem halben Jahr dem Land vor der Nase weggekauft hat. „Das war natürlich für viele ein gefundenes Fressen: Die störrischen Bauern schnappen dem Land ein Grundstück auf ihrem Dorf weg, um eine Erstaufnahmeeinrichtung für 1500 Flüchtlinge zu verhindern und dort selbst Häuser für Flüchtlinge zu bauen“, sagt Bartels, der selbst Landwirt ist.

Im vergangenen Jahr kamen viele Flüchtlinge nach Schleswig-Holstein. Doch die Zuwanderung ist merklich zurückgegagen. Unterkünfte stehen deshalb schon leer.

Im vergangenen halben Jahr hat der Lokalpolitiker viele Erfahrungen gesammelt. Die Medien fielen in das mit 8500 Einwohnern drittkleinste Amt in Schleswig-Holstein ein, um von den findigen Berkenthinern zu berichten. Bartels und sein Leiter der Amtsverwaltung Frank Hase wurden plötzlich berühmt, standen vor zahlreichen TV-Kameras, die den „Berkenthiner Coup“ wie er bald genannt wurde, dokumentieren wollten. Auch das Videoteam von shz.de besuchte Berkenthin.

Und heute? Die Flüchtlingszahlen sind rapide zurückgegangen, von den elf Doppelhäusern, die das Amt auf dem Gelände der Großraumdisco bauen wollte, entstehen jetzt nur fünf. Viele Kommunen klagen bereits, dass sie auf den Kosten für ihre Flüchtlingswohnungen oder Container sitzen bleiben, denn sie bekommen nur das Geld für die Unterbringung der Menschen bezahlt, die auch wirklich in den Gemeinden wohnen. Hat das Amt Berkenthin also einen Fehler gemacht?

Karl Bartels steht noch immer in der Sonne und sagt: „Nein.“ Die Kosten bewegten sich im Rahmen, auch wenn das Amt in Vorleistung getreten sei und der Bund die Kommunen unterstützen müsse. Aber das Amt habe erstmal nur ein Grundstück gekauft. Das behalte ja seinen Wert. Und wenn die Häuser fertig seien, könnte ein Teil der rund 130 Flüchtlinge, der jetzt noch in vom Amt gemieteten Wohnungen lebt, auf das Ziegelei-Gelände umziehen.

Und die rund 4500 Quadratmeter große Disco, die vor allem in den 80er Jahren ausgebaut wurde? Im ehemaligen Billardraum haben die Berkenthiner mehrere möblierte Zimmer abgeteilt, in denen 40 Flüchtlinge vorübergehend unterkommen können – als „Puffer“, wie Hase sagt, der hier früher selbst viel gefeiert hat. Der Umbau habe 12.000 Euro gekostet. Im ehemaligen Bierdorf ist ein Lager für Möbel, im Bistro eine Fahrradwerkstatt. Was sie mit dem Gebäude anfangen wollen, wenn die Flüchtlingswelle noch weiter abflaut, das wisse man noch nicht. „Vielleicht alles abreißen und Gewerbe ansiedeln?“

Auf jeden Fall wollen sie in Berkenthin nicht als flüchtlingsfeindlich gelten, nur weil sie verhindert haben, dass dort eine Erstaufnahmeeinrichtung entsteht. Ja, es habe manche Versuche gegeben, sie deswegen in die rechte Ecke zu stellen, sagt Frank Hase. Doch das seien alles Leute von außerhalb gewesen. Mit Vorwürfen wie etwa von den Grünen im Landtag, das Amt sei unsolidarisch, damit kann auch Bartels leben.

Der 73-Jährige fährt gern in den Kindergarten, den auch Flüchtlingskinder besuchen, das macht sich gut auf Fotos. Er lobt die Willkommenskultur, aber die funktioniere nur, wenn keine Ghettos entstünden. „Deswegen waren wir ja auch dagegen, dass auf dem Gelände der Ziegelei 1500 Menschen untergebracht werden“, sagt Bartels. „Wie hätte man sie dort integrieren sollen, in der Prärie, ohne Busanschluss, in einem Ortsteil, in dem 60 Leute wohnen? Heute muss uns das Land eigentlich die Füße küssen, dass sie die Einrichtung nicht eröffnet haben, denn das wäre voll vor die Wand gefahren.“

Er könne die Menschen verstehen, die da Bedenken hätten. Auch deswegen sei er gegen die Erstaufnahme gewesen. „Allerdings haben wir sie nicht aktiv bekämpft, wir haben nur für Flüchtlingswohnungen ein Grundstück gesucht und dann zugegriffen“, sagt Bartels. So kann man das natürlich auch sehen.

Neben Bartels steht Jens Voderberg. „Ich bin das Ordnungsamt“, sagt der 58-Jährige. Mit Bartels und Hase hat er vor einem halben Jahr den Berkenthiner Coup eingefädelt. Damals bricht der Scheitelpunkt der Flüchtlingswelle über das Land herein, händeringend sucht das Innenministerium Platz für Notunterkünfte, am 19. Oktober bekommt die Amtsverwaltung die Information, dass das Land auf dem Disco-Gelände ein Containerdorf für 1500 Flüchtlinge plant – und zwar so schnell wie möglich.

Schnell gibt es Sitzungen in der Gemeinde, die die Pläne für eigene Flüchtlingshäuser in der Tasche und den Kredit dafür aufgenommen hat. Die besondere Aufbauorganisation der Polizei, die damals die Unterbringung der Flüchtlinge organisiert, habe alle Bedenken der Berkenthiner gegen eine Erstaufnahme bei Seite gewischt – „mit obrigkeitsstaatlicher Arroganz“, sagt Bartels. „Da war mir klar, dass jetzt das Windhundprinzip gilt“, sagt Voderberg. Er kennt den Besitzer der Disco, bietet ihm eine Million Euro als Kaufpreis. „Das Land hat ihm 500.000 Euro als Pacht für zwei Jahre geboten – er hat sich dann für uns entschieden.“ Per Eilentscheid gibt Bartels grünes Licht – an einem Sonntag wird der Kaufvertrag unterschrieben. „Wenn das Beispiel Schule macht, dann können wir einpacken“, sagt damals ein Sprecher des Innenministeriums.

Einen Brief von Staatssekretärin Manuela Söller-Winkler haben sie dann in Berkenthin noch erhalten und ihn freundlich beantwortet, sagt Hase. Wenn im Oktober die ersten 75 Flüchtlinge in die neuen Häuser neben der alten Disco einziehen werden, könne die Staatssekretärin gern dazu kommen, sagt Bartels, vielleicht scheine dann ja sogar auch die Sonne. „Wir haben sie jedenfalls eingeladen.“

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