Kein Ausstiegsdatum : Groko bricht Versprechen: Vergasung von männlichen Küken geht weiter

Bis zu 50 Millionen männliche Küken werden jährlich in Deutschland getötet.
Bis zu 50 Millionen männliche Küken werden jährlich in Deutschland getötet.

Hähne werden nach dem Schlupf vergast, da sich ihre Aufzucht wirtschaftlich nicht lohnt.

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23. Oktober 2019, 20:41 Uhr

Berlin | Die Große Koalition hat eines ihrer zentralen Tierschutz-Versprechen nicht eingehalten: Im Koalitionsvertrag hatten Union und SPD erklärt, das millionenfache Töten männlicher Küken bis zur Mitte der laufenden Legislaturperiode beenden zu wollen. Das wäre jetzt. Doch das Vergasen der Tiere geht weiter.

Alternative Methoden zur Geschlechtsbestimmung im Ei sind noch nicht marktreif. Der Bund hatte mehrere Millionen Euro Fördermittel in die zwei Technologien investiert. Mit ihnen soll vor dem Schlüpfen der Küken erkannt werden, welches Geschlecht sie haben. „Männliche“ Eier werden dann aussortiert und etwa zu Tierfutter verarbeitet.

Bislang werden die Hähne nach dem Schlupf vergast, weil sich ihre Aufzucht nicht lohnt – jährlich bis zu 50 Millionen Küken. Das Bundessverwaltungsgericht hatte diese jahrzehntelange Praxis zwar für illegal erklärt, den Brütereien allerdings eine Übergangszeit eingeräumt, bis Alternativen zur Verfügung stehen.

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Auf der Suche nach Technologie

So weit ist es aber offenbar noch nicht. Bereits vor einigen Tagen hatte Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) das Koalitionsziel kassiert und verkündet, sie peile mit Frankreich einen gemeinsamen Ausstieg aus dem Kükentöten im Jahr 2021 an. Allein in Deutschland würden bis dahin aber noch zig Millionen Küken getötet werden. Auch in Frankreich wird an Alternativen zu der umstrittenen Praxis geforscht. Das Problem: diese funktionieren lediglich bei braunen Eiern.

Für die beiden deutschen Varianten ist die Ei-Farbe egal. Von der Firma AAT aus Visbek in Niedersachsen hieß es auf Anfrage: „Wir arbeiten weiter an der Verbesserung unserer Technologie, brauchen dafür aber noch Zeit.“ Derzeit seien noch keine Legehennen in Ställen, die in Brütereien mit AAT-Technik geschlüpft sein.

Ein Stück weiter ist das Unternehmen Seleggt. In einer Brüterei steht eine Maschine, die Eier auf das Geschlecht des Embryos hin testet. Die Legehennen, die diesen Auswahlprozess durchlaufen haben, legen später Eier, die in Rewe-Supermärkten vermarktet werden. Ludger Breloh, Geschäftsführer des Unternehmens, sagt, die Technologie bewähre sich, pro Woche schlüpften 20.000 bis 30.000 Küken, die den Auswahlprozess durchlaufen hätten.

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Ausstieg 2021 unwahrscheinlich

Breloh sagt, bis zum Ende des Jahres würden insgesamt eine Millionen Legehennen geschlüpft und eingestallt sein, deren Brüder nicht kurz nach dem Schlüpfen getötet worden sind. Im kommenden Jahr könne sein Unternehmen insgesamt zwei Millionen Küken liefern, vermutet er. Ab 2020 sei man so weit, Maschinen auch anderen Brütereien anzubieten, betont der Seleggt-Geschäftsführer. „Aber bis zu einem kompletten Ausstieg aus dem Kükentöten ist es noch weit. Wir wollen zum Mars, haben es aber bislang erst zum Mond geschafft.“

Es brauche auch andere Technologien und Alternativen, so Breloh, wie etwa das Zwei-Nutzungshuhn. Die entsprechenden Rassen können sowohl in der Mast als auch in der Eier-Produktion eingesetzt werden. Allerdings unter höheren Kosten.

Agrarministerin Klöckner hat die Geflügelwirtschaft aufgefordert, ein Ausstiegsdatum im Jahr 2021 zu benennen. Die Branche bezweifelt aber, dass sich der Ausstieg bis dahin umsetzen lässt. Kritik an der Ministerin kommt vom Tierschutzbund. Verbandspräsident Thomas Schröder sagte, Klöckner begehe beim Kükentöten „Vertragsbruch“. Das Versprechen des Ausstiegs sei nicht eingehalten worden. „Das Morden aber geht weiter, weil Frau Klöckner nicht durchgegriffen hat.“

Das war absehbar!

Ein Kommentar von Dirk Fisser

Beim Thema Kükentöten hat sich die Große Koalition in eine Sackgasse manövriert. Es werden noch viele Millionen Tiere vergast werden, bevor der Ausstieg aus der ethisch verwerflichen Praxis wirklich vollzogen ist. Da stellt sich die Frage, warum die Verhandler von Union und SPD den Ausstieg bis zur Mitte der Legislaturperiode im Koalitionsvertrag vereinbart haben. Es war absehbar, dass sich dies so nicht umsetzen lässt.

Sollte eine kurzfristige Erfolgsmeldung her, die den Elan der neuen Regierung in Sachen Tierschutz untermauerte? Jetzt steht eben diese Regierung blamiert dar. Wirklich realistisch lässt sich kein Ausstiegsdatum benennen, bei dem sichergestellt ist, dass die deutschen Brütereien nicht in den Ruin getrieben werden. Denn so viel Ehrlichkeit gehört dazu: Es bringt nichts, wenn nun stattdessen Eier aus dem Ausland importiert werden, wo die Brüder der Legehennen weiter vergast oder geschreddert werden.

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