Fall aus Flensburg bei „Aktenzeichen XY ungelöst“ : Grausige Bluttat vor 25 Jahren: Wie die Polizei den Mörder von Sylvia D. finden will

Sylvia D. galt als lebenslustig und feierfreudig, warb unter dem Namen „Mandy“ um Freier.
Sylvia D. galt als lebenslustig und feierfreudig, warb unter dem Namen „Mandy“ um Freier. Fotos: Polizei

„Cold Case Unit“ des Landeskriminalamts sucht jetzt nach dem Mörder von Sylvia D. – die Prostituierte wurde 1994 erstochen.

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07. Dezember 2019, 05:30 Uhr

Flensburg/Kiel | 25 Jahre nach einer grausigen Bluttat will die „Cold Case Unit“ des Landeskriminalamts (LKA) endlich den Mörder einer jungen Frau fassen. Der Fall ist außergewöhnlich, denn etliche Menschen hörten den Todeskampf der Flensburgerin. Trotzdem entkam der Mörder – blutverschmiert und mit einem Stück Fleisch, dass er seinem Opfer herausgeschnitten hatte.

„Für Hinweise, die zum Täter führen, ist eine Belohnung von 3000 Euro ausgesetzt“, sagt Carola Jeschke, Sprecherin im Landeskriminalamt.

Sylvia D. (24) war Mutter von zwei kleinen Mädchen, arbeitete als Prostituierte. Unter dem Namen „Mandy“ warb sie mit Herzchen und Telefonnummer in der „Flensburger Wochenschau“ und der „Hamburger Morgenpost“ um Freier, die sie in einem eigens angemieteten Appartement empfing. Dort, in einem Mehrfamilienhaus am Flensburger Bahnhof, öffnete sie an einem Sommertag im August 1994 ihrem Mörder die Tür.

Dutzende Zeugen hörten die verzweifelten Schreie

Was dann passierte, hat die Flensburger Mordkommission akribisch rekonstruiert. In 40 Aktenordnern finden sich Skizzen, Farbbilder und die Beschreibung eines 25 Minuten langen Todeskampfes. Sylvia D. starb quasi öffentlich, denn an diesem heißen Nachmittag waren viele Balkontüren und Fenster des Mietshauses geöffnet. Es gab Dutzende Zeugen, die die verzweifelten Schreie der Prostituierten hörten, trotzdem wählte niemand den Notruf.

In dieser Wohnanlage starb die Prostituierte.
Polizei
In dieser Wohnanlage starb die Prostituierte.
 

Lediglich eine betagte Nachbarin schickte ihre Enkelin vor die Tür, doch die sah nichts. LKA-Sprecherin Jeschke: „Einige der Ohrenzeugen erklärten später, man sei daran gewöhnt, aus der Wohnung Lärm und Geräusche zu hören.“

Polizisten entdeckten die Leiche von Sylvia D. halbnackt auf einem Doppelbett. Spuren zeigten, dass sie direkt nach dem Öffnen der Tür gestoßen und geschlagen worden ist. Anschließend wurde die Prostituierte mit rund 30 Messerstichen getötet. Ein bizarres Detail: Der Täter nahm blutige Kleidung seines Opfers mit, außerdem schnitt er ein kleines Stück Fleisch aus dem Körper heraus – beides offenbar Trophäen.

Der Mörder hinterließ DNA an einem Handtuch

„In Deutschland gibt es bis heute keine Tat mit vergleichbarem Muster“, betont Jeschke. Die Mordkommission geht davon aus, dass der Täter gegen 17 Uhr blutverschmiert durch den Haupteingang der Wohnanlage geflüchtet ist. Ein Taxifahrer sagte später aus, er habe im Bereich des Bahnhofs einen Fahrgast mit blutiger Kleidung befördert. Auf Nachfrage habe der behauptet, er sei Fleischer.

Einer der Knöpfe, die dem Täter gehören könnten.
Polizei
Einer der Knöpfe, die dem Täter gehören könnten.
 

Dem Mörder ist zwar die Flucht gelungen, doch er hinterließ DNA – an einem Handtuch in der Nähe der Leiche. Die Ermittler baten über 250 Bekannte aus dem Umfeld von Sylvia D. um eine freiwillige Speichelprobe, ein Treffer war nicht darunter. Die Flensburger Mordkommission suchte bei allen vergleichbaren Verbrechen nach der individuellen „Handschrift“ des Täters und glaubte sich 2004 fast am Ziel, als in Wien nach einem Prostituierten-Mord ein Verdächtiger festgenommen wurde. Als Bahnbediensteter passte er in das mittlerweile erstellte Profil des angereisten Täters – aber letztlich nicht zur Spur am Handtuch.

Weitere Prostituierte wurde in Nachbarwohnung angegriffen

Außer Sylvia D. arbeiteten noch weitere Prostituierte in dem Mehrfamilienhaus. Die Fallanalytiker im LKA gehen davon aus, dass der Täter gewusst hat, in welchen Wohnungen der Prostitution nachgegangen wurde, Sylvia D. gleichwohl ein Zufallsopfer war. Dafür spricht die Aussage einer Prostituierten, die dort ebenfalls gearbeitet hatte und ein Jahr zuvor in der Nachbarwohnung von einem Mann angegriffen worden war, der seine Schuhe auszog, bevor er sie attackierte. Der zufällig anwesende Freund der Frau konnte Schlimmeres verhindern. Sylvia D. jedoch war allein in ihrer Wohnung.

Die Polizei will jetzt wissen: Gibt es weitere Zeugen, die damals in Bahnhofsnähe Personen gesehen haben, die sich auffällig verhielten oder blutige Kleidung hatten? Kennt jemand die Herkunft der drei Knöpfe, die am Tatort gefunden wurden? Und gibt es ehemalige Bewohner in der Bahnhofstr. 50, die noch nicht befragt wurden?

Am 11. Dezember zeigt „Aktenzeichen XY ungelöst“ den Fall.

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