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Archäologie auf dem Landmarkt : Gottorfs Knochenjäger

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Früher gab es in Ostholstein Pelikane. Solche Erkenntnisse erlangt der Archäo-Zoologe Ulrich Schmölcke, wenn er auf Schloss Gottorf uralte Knochenfunde untersucht. Einige Exponate stellt er beim Gottorfer Landmarkt aus.

shz.de von
erstellt am 12.Mai.2013 | 07:58 Uhr

Schleswig | Wie viele alte Tierknochen im Magazin des Zentrums für Baltische und Skandinavische Archäologie (ZBSA) auf Schloss Gottorf lagern, kann Ulrich Schmölcke nur schätzen. "Vielleicht sind es vier Millionen. Vermutlich sogar mehr", sagt er. Am Sonntag stellt er einige Exponate während des Gottorfer Landmarkt zur Schau.
Die Auswahl ist groß: Nahezu täglich erhält der Archäo-Zoologe Tierknochen aus längst vergangenen Zeiten, die bei archäologischen Ausgrabungen gesichert werden konnten. Schmölckes Aufgabe ist es dann, die einzelnen Fragmente zu bestimmen und sie einer Tierart zuzuordnen. "Wir können aber viel mehr als bloße Artbestimmung. Das ist immer nur der erste Schritt", erklärt er. So handele es sich bei den meisten Knochenfunden um Schlacht- und Speiseabfälle von Menschen. "Man kann so Hinweise über den vorrangigen Nutzungszweck einzelner Tierarten in früheren Epochen bekommen." Auch Klimaveränderungen ließen sich durch die Knochenanalyse nachvollziehen.

"Lieferungen aus Russland und Grönland"


Einen solchen Fall habe es vor einigen Jahren gegeben, berichtet Schmölcke. Damals erhielt er eine Lieferung mit steinzeitlichen Vogelknochen aus der Region Ostholstein. Bei näheren Untersuchungen stellte sich heraus, dass sich auch die Gebeine eines Pelikans unter den Knochensplittern befanden. "Ein Indikator dafür, dass das Klima hier damals wärmer war."
Längst untersucht Schmölcke jedoch nicht mehr nur Knochenfunde aus Schleswig-Holstein und Norddeutschland. In den vergangenen Jahren hat sich das ZBSA deutlich internationaler ausgerichtet. "Wir bekommen Lieferungen von Russland bis Grönland." Für die Bestimmung von Art, Alter und Geschlecht der Tierknochen stehen Schmölcke auf Gottorf über 1200 neuzeitliche Vergleichsexponate zur Verfügung. Hinzu kommt eine Sammlung von 34 000 weiteren Wirbeltierskeletten an der Uni Kiel, auf die das ZBSA jederzeit zugreifen kann.

663.000 Tierknochen


Während heutige Knochenfunde nach ihrer Bearbeitung meist zurück an den Auftraggeber geschickt werden, lagern im Magazin die Relikte aus der Entstehungszeit der Archäo-Zoologie in den 1960er-Jahren. Damals waren bei Ausgrabungen in Haithabu frühmittelalterliche Siedlungsflächen zum Vorschein gekommen. Über 663.000 Tierknochen wurden in der Folge auf Gottorf untersucht und gelagert. "Sie stehen heute der aufkommenden Forschung zur Verfügung", erklärt Schmölcke. So wurde am ZBSA vor drei Jahren ein Labor für Archäogenetik eingerichtet, in dem sich die DNA alter Tierknochen bestimmen lässt. Einmalig in Mitteleuropa, wie er betont.
Dabei es seien es nicht nur Historiker und Archäologen, die regelmäßig zu Forschungszwecken im Magazin der ZBSA vorbeischauen würden. Auch Veterinärmediziner begrüßt Schmölcke hin und wieder in seinen Arbeitsräumen. Diese seien dann vor allem an verformten Knochen interessiert, um Krankheitsbilder besser nachvollziehen zu können. Ohnehin herrsche im ZBSA durchaus reger Betrieb. So würden Knochenfunde in der Regel nicht per Post auf die Schlossinsel kommen, sondern von den Archäologen meist persönlich vorbei gebracht werden.
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