Ein Reisebericht : Gewitter und Unwetter in SH – Die Störche stört es nicht

<p>Weißstörche (Ciconia ciconia) sind auf ihren  hohen Horsten oder bei der Nahrungssuche in offener Landschaft der Gefahr von Blitzschlägen besonders ausgesetzt.<strong>  </strong></p>

Weißstörche (Ciconia ciconia) sind auf ihren  hohen Horsten oder bei der Nahrungssuche in offener Landschaft der Gefahr von Blitzschlägen besonders ausgesetzt. 

Selbst heftigste Gewitter in den Drakensbergen von Lesotho bringen die Weißstörche nicht aus der Ruhe.

shz.de von
10. Juni 2018, 18:41 Uhr

2018, ein Jahrhundertfrühling: Sechs Wochen lang Sonne, Regen dagegen fast Null. Dort, wo die Feuchtgebiete fehlen, geht den Störchen allmählich das Futter aus. Und wenn es nicht reicht, um die ganze Brut zu ernähren, dann zahlen die Nesthäkchen die Zeche: Die schwächsten werden aus den Nestern geworfen.

Aber damit nicht genug. Über vielen Teilen Deutschlands toben heftige Gewitter. Mit Blitz und Donner ziehen sie übers Land. Und oben auf den Dächern, inmitten des wütenden Sturms, stehen die Störche. Wie reagieren sie überhaupt auf die bedrohliche Situation? Mir fällt dazu ein Erlebnis in Lesotho ein, das viele Jahre zurückliegt: Bis zu 12.000 Kilometer fliegen die Störche, die in Südafrika überwintern. Ich wollte herausfinden, wie es ihnen dort ergeht. Wochenlang reiste ich durch ganz Südafrika und konnte trotzdem nur wenige Weißstörche finden.

Bizarrer Gebirgszug

Die meisten waren, wie ich später erfuhr, weiter nördlich, im Sudan und in Tansania, wegen reichhaltiger Nahrung „hängengeblieben“. Und nun? Patrick, ein Studienfreund, arbeitete damals in Lesotho, einer kleinen Enklave inmitten von Südafrika. Er lud mich ein, an einer Expedition in die Drakensberge teilzunehmen. Der bizarre Gebirgszug ist berüchtigt für seine heftigen Unwetter.

Früh am Morgen machten wir uns in Patricks Pickup auf den Weg. Über abenteuerliche Pisten und enge Serpentinen quälten wir uns steil bergan, zwischen zerklüfteten Hängen und vorbei an Terrassen mit kleinen Maisäckern. In etwa 2300 Metern Höhe erreichten wir einen idyllischen Hochgebirgssee, den Latseng-la-Letsie. Der Boden rund um den See war nass wie ein vollgesogener Schwamm. Und dort: Endlich Weißstörche.

Mehr als 300 konnten wir zählen. Gemeinsam mit Nilgänsen und Heiligen Ibissen wateten sie durch die amphibische Ebene. Im Minutentakt erbeuteten sie Kaulquappen, Frösche und Regenwürmer. Flexibilität ist für die Störche die halbe Miete. Was zählt, ist vor allem die Nahrung. Und die gab es hier, trotz eher winterlichen Wetters, in Hülle und Fülle.

Das reinste Inferno brach aus

Inzwischen war es Abend geworden. Im flachen Wasser, am Ufer des Sees, versammelten sich die Störche zum Übernachten. Auch für uns wurde es Zeit, einen Schlafplatz zu finden. Auf einer kleinen, ebenen Fläche, umgeben von mächtigen Felsen, bezogen wir unser Nachtquartier: Patrick in seinem Auto, ich in meinem winzigen Bergzelt.

Gerade war alles aufgebaut, da zog eine mächtige Wolkenfront heran. Viel zu schnell – und viel zu nah. Donner grollte durch das Tal, und dann brach das reinste Inferno los. Wie eine Wand aus Wasser stürzte der Regen vom Himmel. Im Sekundentakt zeichneten die Blitze ihr feuriges Muster. Aus einzelnen Donnerschlägen erwuchs ein ohrenbetäubendes Dauerdröhnen. Zum Greifen nah schlugen die Blitze ein, von den nassen Felsen stoben die Funken.

Panische Angst ergriff mich. Ich spurtete ins Zelt, zerrte den Reißverschluss zu und machte mich so klein wie nur irgend möglich. Dann fiel mein Blick auf die eiserne Zeltstange, direkt vor meinem Gesicht. Wahnsinn, der perfekte Blitzableiter. Wenn das mal gut geht.

Von Angst keine Spur

Wie Stunden kam es mir vor, bis endlich der Regen nachließ. Ein letzter Donner, wie ein Gruß aus der Hölle, dann wurde es endlich ruhiger. Ich hörte, wie die Tür von Patricks Auto sich öffnete. „Alles o.k.?“ rief er herüber. „Na klar“, krächzte ich zurück, krampfhaft bemüht, möglichst cool zu bleiben. Man will ja kein Weichei sein.

Ich kroch aus dem Zelt und blickte zum See. Reglos, stoisch standen die Störche im letzten Regen. Von Angst keine Spur. Wer sollte, nach solch einem Unwetter in den Drakensbergen, bei einem schleswig-holsteinischen Gewitter noch in Panik geraten? Die Störche tun es jedenfalls nicht.

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