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Schleswig-Holstein : Gewerkschaften jubeln: Warum die Zahl ihrer Mitglieder steigt

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der jahrzehntelange Abwärtstrend bei den Arbeitnehmerorganisationen ist gestoppt. Woran liegt das?

Kiel | Parteien, Kirchen, Vereine und Verbände – sie alle klagen seit Jahren über Mitgliederverluste. Die Gewerkschaften im Norden verzeichnen dagegen steigende Zahlen. „Im Jahr 2013 hatten wir noch 4900 Mitglieder, jetzt sind es schon 5600“, sagt Karl-Hermann Rehr, Geschäftsführer der Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Schleswig-Holstein. „Uns freut vor allem, dass wir verstärkt jüngere und weibliche Mitglieder hinzugewinnen konnten“, so Rehr weiter. Das sorge dafür, dass der hohe Altersschnitt der GdP sinke.

Warum treten immer mehr Menschen in Gewerkschaften ein? „Vielleicht liegt es in manchen Fällen auch an den prekären Arbeitsverhältnissen“, vermutet Günter Beling vom DGB. Parteien, Verbände und Kirche hätten nicht solche Bindekraft wie Arbeitnehmervertretungen, „weil die Menschen erkannt haben, dass sie einen großen Teil ihres Lebens mit Arbeit zubringen – und sie die Schwierigkeiten, die es dort gibt, nicht allein regeln können und wollen.“ 

Den Grund für den Zuwachs sieht Rehr, wie auch die Sprecher anderer Einzelgewerkschaften, in einer erfolgreichen Tarifpolitik. „Außerdem hatten wir mehr Neueinstellungen.“ Hinzu komme, dass „fast jeder Polizist mindestens einmal im Leben vor Gericht steht – wenn auch meist als Zeuge. Für viele ist daher die Rechtsberatung, die wir anbieten, sehr attraktiv“, sagt Rehr.

Der Bezirkssekretär der Industriegewerkschaft (IG) Metall Küste, Michael Schrod, führt den leichten Mitgliederzuwachs seiner Organisation in Schleswig-Holstein auf die gute Konjunkturentwicklung zurück. „Wirtschaftlich gute Jahre sind auch für Gewerkschaften gute Jahre.“ So standen bei der IG Metall im vergangenen Jahr 7466 Abgängen durch Austritt, Pensionierungen oder Tod genau 10.746 Neueintritte gegenüber. „Ein erfreulicher Trend“, so Schrod.

Und selbst Großorganisationen wie der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) Nord haben den Mitgliederschwund, den sie spätestens seit Ende der 1990er Jahre zu verzeichnen hatten, aufhalten können. „Im vergangenen Jahr hatten wir nur noch einen minimalen Rückgang von 0,2 Prozent. Das ist für uns ein Erfolg“, sagt Sprecher Günter Beling. Der DGB verzeichnet einen Zuwachs an berufstätigen Mitgliedern. Vor allem bei Frauen, Teilzeitbeschäftigten, jüngeren Beschäftigten und Studierenden ist der Trend positiv. Beling hofft, dass sich der Trend weiter fortsetzt.

Auch Verdi sieht sich im Aufwind. Die Mitgliederentwicklung ist zwar noch „leicht rückläufig, aber es lässt sich hier eine klare positive Tendenz erkennen“, so Verdi-Nord-Sprecher Frank Schischefsky. „Deutlich mehr Menschen als in den Vorjahren treten wieder in die Gewerkschaft ein. Wir sind mit der Entwicklung sehr zufrieden.“

Bei anderen Einzelgewerkschaften sieht es zum Teil noch besser aus. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) verzeichnet bereits seit 2007 steigende Mitgliederzahlen. „2012 konnten wir sogar die 10.000er-Marke knacken“, jubelt die Vorsitzende Astrid Henke. Ende vergangenen Jahres hatte die GEW 10.681 Mitglieder – ein Plus von 6,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Wie bei Verdi sind die Neu-Mitglieder vor allem jüngere Arbeitnehmer.


Die Mitgliederzahlen steigen - doch darauf sollten sich die Gewerkschaften nicht ausruhen, kommentiert Kay Müller.

Noch vor wenigen Jahren läuteten für die Gewerkschaften die Totenglöckchen. So sahen es zumindest viele kluge Beobachter, die angesichts sinkender Mitgliederzahlen und einer immer stärker greifenden Globalisierung auf dem Arbeitsmarkt, die Arbeitnehmervertretungen vor dem endgültigen Aus wähnten. Und in der Tat ist der Industriearbeiter, der mit Beginn seiner Lehre in eine Gewerkschaft eintrat und ihr bis zum Tode treu blieb, weitgehend aus der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts verschwunden. Doch warum können Gewerkschaften im Gegensatz zu anderen politischen Organisationen wie Parteien, Verbänden oder Kirchen steigende Mitgliederzahlen vermelden?

Forscher rätseln über die Entwicklung, dabei liegt die Antwort auf der Hand: Für viele Menschen nimmt die Auseinandersetzung mit dem Thema Arbeit einen immer breiteren Raum im Leben  ein. Die einen wollen bessere Löhne, die anderen abgesicherte Arbeitsverhältnisse. Immer mehr männliche Beschäftigte  ringen um Arbeitszeitverkürzungen, weil sie mehr Zeit für die Familie haben wollen, viele Frauen kämpfen umgekehrt um eine Rückkehr in den Beruf und gleiche Gehälter wie die Männer.

Das sind praxisnahe Probleme, auf die Arbeitnehmer bei den Gewerkschaften bessere Antworten erwarten als etwa in Parteien oder Kirchen. Und gerade deshalb haben die Gewerkschaften Zulauf – die kleinen, spezialisierten Organisationen noch stärker als die großen. Das ist eine riesige Chance, nicht nur für die Gewerkschaften selbst, sondern auch für die Artikulation und Vertretung von Interessen und der Auseinandersetzung damit. Doch die Gewerkschaften dürfen sich nicht auf ihren Erfolgen ausruhen. Die verschiedenen Interessen ihrer Mitglieder zu bündeln wird in der Zukunft ihre Hauptaufgabe sein. Bewältigen sie die nicht, werden die neuen Mitglieder ihnen wie noch vor wenigen Jahren wieder den Rücken zuwenden.

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erstellt am 10.Apr.2016 | 19:41 Uhr

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