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Forsa-Umfrage : Gewalt an Schulen: Dem Land fehlt der Überblick

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Nimmt die Gewalt tatsächlich zu an den Schulen? So richtig beantworten kann das niemand, denn eine wirkliche Analyse fehlt.

shz.de von
erstellt am 18.Feb.2017 | 12:08 Uhr

Jeder vierte Lehrer sagt, er sei in der Schule bereits gemobbt, beschimpft, belästigt oder gar bedroht worden. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Forsa-Umfrage. Auch in Schleswig-Holsteins Klassenzimmern sind Angriffe auf Lehrer keine Seltenheit. „Wir halten die Zahlen aus der Umfrage für sehr realistisch“, sagt Rüdiger Gummert, Landesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung e. V. in Schleswig-Holstein. Regelmäßig hat er Fälle auf dem Schreibtisch, in denen Lehrer von Schülern geschlagen, getreten oder verbal attackiert werden. Auch Schultische und Stühle werden auf Lehrer geworfen, wie im Januar verzweifelte Pädagogen aus Neumünster in einem vom sh:z veröffentlichten Brandbrief an das Kieler Bildungsministerium berichteten. Doch das hat keinen Überblick darüber, was genau an den Schulen passiert. Es fehlt an belastbaren Zahlen.

Beispiel Berufsschulen: Um eine Kleine Anfrage der CDU zu beantworten, hat das Ministerium Ende Januar eine Abfrage bei den 33 Schulleitungen und den Schulaufsichten der beruflichen Schulen durchgeführt. Die ermittelten Daten seien nicht vergleichbar, „da unterschiedliche Definitionen für den Gewaltbegriff verwendet wurden“, teilt das Ministerium jetzt mit. Die Angaben zu Übergriffen von Schülern gegen Lehrkräfte variierten zu stark. So habe eine Schule 200 Fälle gemeldet, an anderen Schulen seien alle Ermittlungen zu entsprechenden Vorfällen eingestellt worden.

Auch bei Gewalttaten von Schülern gegen Schüler reiche die Spannweite von einem Fall bis zu 1000 Fällen. Auf Nachfrage teilte das Ministerium mit, abgefragt worden seien Daten von 2012 bis 2016. Das Ganze verdeutliche, „dass in den Schulen keine systematische Dokumentation erfolgt. Verlässliche Zahlen gibt es nicht“. Ähnlich ist die Situation an den allgemeinbildenden Schulen.

Für die CDU ein unhaltbarer Zustand. Ministerin Britta Ernst (SPD) habe offenbar selbst nach den Berichten über zunehmende Gewalt an Schulen keinerlei Meldepflichten installiert, kritisiert Volker Dornquast, Schulexperte der CDU-Landtagsfraktion. „Im Januar habe ich mich gefragt, wie die Situation an einer Schule in Neumünster ohne jede Kenntnis des Ministeriums derart eskalieren konnte. Jetzt weiß ich es: Die Ministerin hat sich dafür nie interessiert“, sagt Dornquast. Offenbar seien nach wie vor keinerlei Meldepflichten installiert worden. „Frau Ernst kann deshalb auch heute noch mit Fug und Recht behaupten, von Bedrohungen ihrer Lehrkräfte, tätlichen Angriffen, Erpressungen, Schlägereien und Waffenbesitz an Schulen in ihrem Verantwortungsbereich nichts zu wissen“, sagt Dornquast. Erst auf seine Anfrage hin habe Ernst jetzt Gespräche über eine Erfassung derart schwerer Delikte angekündigt. „Damit verschiebt sie die Kenntnisnahme von Problemen und erst recht deren Lösung auf die Zeit nach den Landtagswahlen“, kritisiert der CDU-Abgeordnete. Seiner Meinung nach sei aber „sofortiges Handeln notwendig, wenn allein eine einzige Schule 200 Übergriffe auf Lehrkräfte und 1000 Übergriffe von Schülern untereinander als melderelevant betrachtet“. Das sei „Politik auf dem Rücken der Lehrkräfte und der Schülerinnen und Schüler.“

Allein steht der CDU-Mann mit dieser Einschätzung nicht. „Die Antworten (des Ministeriums, Anm. d. Redaktion) suggerieren jedenfalls, dass das Thema Gewalt an Schulen das Bildungsministerium nicht so wirklich interessiert“, meint auch Bernd Schauer, Geschäftsführer der Lehrergewerkschaft GEW. Es gehe um „abbürsten statt um aufklären“. Das sei sehr bedauerlich.

Zwar bestehe aus GEW-Sicht zur Dramatisierung kein Anlass, „aber wir erhalten von unseren Kollegen schon die Rückmeldungen, dass sich das Klima an den Schulen in Bezug auf Gewalt in den vergangenen Jahren verschlechtert hat“, so Schauer.

Das sieht das Ministerium anders: So beziehen sich beispielsweise die von Dornquast genannten 200 Fällen auf „verbale Entgleisungen“ sowie „verbale Entgleisungen zuzüglich Unterschreiten der angemessenen körperlichen Distanz“, versucht Ministeriumssprecher Thomas Schunck die Angaben der Schule einzuordnen.

Nachhilfebedarf. Ein Kommentar von Frank Jung

Schon vor der jetzigen CDU-Anfrage ließ sich ahnen, dass das Bildungsministerium keinen Überblick über Gewalt an Schulen hat. Bereits als sich der sh:z im September danach erkundigte, hieß es: Erfassen wir nicht – versuchen Sie es mal bei der Polizei. Die führt zwar tatsächlich eine Statistik über Straftaten am Tatort Schule. Aber mit dem Makel, dass sie auch Vorfälle erfasst, die sich jenseits vom Schulalltag etwa am Wochenende oder abends zufällig auf einem Schulhof oder in einer Sporthalle ereignen. Auch fließt nur ein, was eine Anzeige zur Folge hat. Eine Anzeige kann aber aus vielen Motiven bei durchaus auch ernsten Attacken unterbleiben. Das legt eine hohe Dunkelziffer nahe. Und Mobbing fällt ganz durchs Rost. Befund zwei: Erst am Montag erklärte ein Schulrat bei einer Recherche dieser Redaktion: Gewaltvorfälle erreichten ihn in der Regel gar nicht. Die betroffene Schule regele sie ja ohnehin allein.

Weder kann noch muss die Chefetage jeden Einzelkonflikt klären. Aber dass das Land nicht trotzdem längst ein Meldewesen installiert hat, ist nicht akzeptabel. So begibt es sich der Chance, Entwicklungen zu erkennen und gegenzusteuern. Ob mit Konzepten, Ressourcen oder strengeren Regeln. Eltern haben aber einen Anspruch darauf, dass ihre Kinder bestmöglich vor Übergriffen ausrastender Mitschüler geschützt werden. Man mag diese weitere erzieherische Baustelle bedauern. Aber wenn zunehmend besorgte Äußerungen von Lehrern schon nicht reichen: Spätestens seitdem die Kriminalstatistik für 2016 eine deutliche Zunahme der Rohheitsdelikte zeigt, sollte die Schulaufsicht hellhörig werden. Wenn nun schon sträflicherweise versäumt worden ist, zur Beantwortung der CDU-Anfrage einheitliche Erfassungs-Kriterien zu verschicken, muss Bildungsministerin Britta Ernst dies schleunigst nachholen. Beim Senat ihres Mannes Olaf Scholz kann sie sich Nachhilfe holen: In Hamburg verteilt die Schulbehörde schon seit acht Jahren flächendeckend Meldebögen. Und veröffentlicht die Ergebnisse sogar.

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