Landgerichtsbezirk Flensburg : Gerichtsdolmetscher - ein Mittler zweier Welten

Einige Fälle gehen auch an die Seele: Bernhard Mroß dolmetscht zwischen Straftätern und Gericht. Foto: Batenkow
Einige Fälle gehen auch an die Seele: Bernhard Mroß dolmetscht zwischen Straftätern und Gericht. Foto: Batenkow

Er darf kein einziges Wort unter den Tisch fallen lassen: Seit 25 Jahren ist Bernhard Mroß vereidigter Dolmetscher für Polnisch und Russisch beim Landgerichtsbezirk Flensburg.

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24. Juni 2013, 02:22 Uhr

Harrislee | Vor 20 Jahren war der heute 70-jährige Kapitänleutnant a.D. aus Harrislee mitten im Weltgeschehen, dolmetschte in Berlin die Verhandlungen während des Abzuges der russischen Streitkräfte. Heute ist er bei Gericht, Polizei-Dienststellen, Zoll und Standesämtern tätig. Mroß ist in Gleiwitz geboren, wo er die polnische Schule besuchte und Russisch als Fremdsprache erlernte. 1956 übersiedelte er zum Vater nach Westdeutschland. Die sprachlichen Qualifikationen erwarb Mroß in der Sprachen-Schule der Bundeswehr in Euskirchen und beim Bundessprachenamt in Köln-Hürth. "Viele Polen und Russen sagen am Anfang: Wir haben gedacht, dass Sie einer von uns sind", sagt der Dolmetscher. "Das schafft Vertrauen".

Von Drogen bis Mord

Sein Arbeitstag ist sehr flexibel: Nicht selten muss er zwischen sechs und zwölf Stunden dolmetschen, manchmal benötigt ihn die Polizei in der Nacht. "Mord, Vergewaltigung, Missbrauch von Kindern - alles, was man sich vorstellen und auch nicht vorstellen kann, war schon da", so Mroß. Das Spektrum der Vergehen der Polnisch- und Russischsprachigen in Flensburg und Umgebung habe sich im Laufe der letzten Jahrzehnte gewandelt. Früher habe man oft Leute angehalten, die Fahrzeuge gestohlen oder überführt haben. Heute seien Fahrzeuge nicht mehr Hauptthema eher Rauschgift, Raubüberfälle, Edelmetall-Diebstahl. "Es kommt manchmal zu Schlägereien, aber in den letzten Jahren sind die schwerkriminellen Taten zurückgegangen".

Fälle berühren

In seiner Tätigkeit dürfe der Dolmetscher keine Partei ergreifen und sich auf keine Gefühlswelt einlassen. Dennoch gebe es doch immer Fälle, die einen noch weiter beschäftigen, wenn man nach Hause geht. "Männer schlagen ihre Frauen, oder Kinder sind betroffen. Oder Flüchtlinge, die genau wissen, dass sie abgeschoben werden". Es sei nicht immer einfach, das abzuschütteln, aber er müsse seine Unabhängigkeit bewahren. "Ich versuche, die Sachen seelisch so zu verarbeiten, dass ich sie nicht mit nach Hause nehme", erzählt Mroß. Seine Frau sehe vielleicht manchmal, dass ihn etwas beschäftige, aber er rede nie darüber.

Emotionen übersetzen

Bei der Verhandlung kochen die Emotionen nicht selten hoch. "Oft passieren solche Konflikte unter Alkoholeinfluss. Ich versuche, die jeweilige Person in ihrer Muttersprache zu beschwichtigen", sagt der Dolmetscher. Wichtig sei es, die Emotionen und den Sprachduktus zu treffen, denn mit der Intonation könne man bestimmte Sachen besser zum Ausdruck bringen. Besonders heikel sei die Übersetzung von Flüchen: "Es ist nicht immer einfach, das entsprechende deutsche Pendant zu finden", gesteht Mroß. Gute Quellen seien Lieder, die russische Barden in der Alltagssprache von Verbrechern und Ganoven singen.

Helfer statt Gegner

Als Dolmetscher versucht Mroß kein einziges Wort "unter den Tisch fallen zu lassen" - sogar wenn der Angeklagte oder Festgenommene nur etwas vor sich hin murmelt. "Das soll ich weitergeben, damit das Gericht oder die Polizei eine Grundlage für die Beurteilung haben", erläutert er. Zugleich mache er nichts, das der einen oder der anderen Seite schaden könnte. Bisher hatte er das Gefühl, dass die Leute, für die er gedolmetscht hat, ihn nicht als Gegner annehmen, sondern als jemanden, der ihnen hilft, "aus einer bestimmten Situation mit ihren eigenen Aussagen herauszukommen".

Professionelle Distanz

Alles Private sei eigentlich Beiwerk. Es gebe Situationen, in denen man kurz privat mit einem Beschuldigten spreche. "Er erzählt zum Beispiel, dass er die Familie zurückgelassen und es nur wegen ihr gemacht habe. Das hilft, die Situation ein bisschen aufzuklären", sagt Mroß. Es gebe natürlich professionelle Straftäter, die äußerst gewieft handeln, aber inzwischen habe er schon ein gewisses Auge dafür: "Lügner haben kurze Beine".

Nicht immer gern gesehen

Bedroht oder angegriffen worden ist Bernhard Mroß noch nie; beschimpft worden schon des Öfteren. Ein betrunkener polnischer Kraftfahrer, der in der Nacht festgenommen wurde und sich keinem Bluttest unterziehen wollte, sagte ihm: "Du bist kein Deutscher, du bist kein Pole. Du bist einfach ein Verräter, der für die da übersetzt". Doch es gibt auch Fälle, an die er sich mit einem Lächeln erinnert: "Es war noch zu Zeiten der deutsch-dänischen Grenzkontrollen. Ein Ukrainer hatte ein abgelaufenes Visum und sollte ausgewiesen werden. Als der Beamte aus dem Zimmer ging, fragte er mich, ob ich ihm nicht helfen könne, ins Gefängnis zu kommen. Er habe einen Sohn, sagte er, der wolle heiraten. Im Gefängnis wollte er arbeiten und Geld verdienen, damit er sich die Hochzeit leisten kann."

Wiedersehen

Manche ehemalige Klienten trifft er auf der Straße. "Wenn sie mich grüßen, grüße ich zurück. Ich betrachte sie als normale Bürger und darf nicht zu verstehen geben, dass ich etwas über sie weiß", so Mroß. Einigen von ihnen begegnet er wieder, auf der Polizeiwache oder im Gerichtssaal. Dann sagen sie: "Es hat erneut nicht geklappt, ich bin wieder hineingeraten".

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