Generalist oder Spezialist?

Wohin geht die Reise? Eine generalisierte Ausbildung für Pflegeberufe soll Azubis nun den Weg ebnen. adobestock
Wohin geht die Reise? Eine generalisierte Ausbildung für Pflegeberufe soll Azubis nun den Weg ebnen. adobestock

Die Ausbildungsmöglichkeiten in der Pflege sind so vielfältig wie verworren. Ab 2020 soll eine Reform für ein einheitliches Prinzip sorgen. Lernen heute und morgen.        

shz.de von
06. November 2018, 15:57 Uhr

Noch vor wenigen Jahrzehnten war es eigentlich ganz simpel: Wo gepflegt wurde, arbeiteten Krankenschwestern. Das änderte sich als Pflegekräfte knapp wurden. Der Beruf der Altenpflege entstand. (Deutschland ist übrigens bis heute das einzige europäische Land, in dem die Altenpflege ein eigener Beruf ist.) Bisher war man der Meinung, dass man für die Versorgung von betagten Menschen nicht so viel wissen müsse, wie in der Krankenpflege. So fielen der Unterricht, die Anerkennung und auch das Gehalt entsprechend knapper aus. Doch sieht man einmal genauer hin, wird klar: Ob Kinder, Kranke oder Senioren – für jeden zu Pflegenden ist Fachwissen nötig und das ist, egal für welchen Bereich man sich entscheidet, ähnlich.

Ab 1. Januar 2020 soll die Ausbildung aller Pflegeberufe in den ersten zwei Jahren deswegen generalisiert werden. Das Ziel: gleiche Arbeitsfelder und Karrierechancen für alle. Nach den ersten zwei gemeinsamen Jahren sollen Azubis sich dann entscheiden, ob sie Generalisten für jeden Bereich oder Spezialisten im Bereich der Kinderkranken- oder Altenpflege werden wollen. Wer weiter die generalistische Ausbildung verfolgen will, erhält nach dem dritten Jahr den Abschluss zur Pflegefachfrau oder zum Pflegefachmann.

Eine Ausbildungsreform, die nicht bei allen Beteiligten auf Gegenliebe stößt. Der Deutsche Pflegerat beispielsweise befürchtet, dass es durch die Öffnung der geplanten gemeinsamen Ausbildung im dritten Ausbildungsjahr bei der Altenpflege weniger Auszubildende geben wird und der Beruf (noch) unattraktiver werden würde. Der Berufsverband für Pflegeberufe bemängelt zudem, dass die geplante Ausbildung schlicht an der Realität scheitern könne: Lerninhalte zu erarbeiten, die so viele unterschiedliche Interessen bedienen sollen, sei kaum möglich.

Zwei Gesundheitsreformen hat Kirsten Langanki, Schulleitung des Helios Bildungszentrums Schleswig, während ihrer 20-jährigen Laufbahn mitgemacht. Nun steht für sie zum dritten Mal eine Menge Arbeit an. „Der jetzige Lehrplan wandert in die Papiertonne und muss komplett neu erarbeitet werden“, sagt sie. Wie der neue aussehen wird, weiß noch keiner so genau.

Doch Langanki blickt der Neuerung positiv entgegen: „Wir haben die Chance etwas zu verbessern.“ Der Beruf wird breiter aufgestellt, Nachwuchskräften mehr Eigenverantwortung zugetraut, grundsätzlich werden bessere Aufstiegs- und Entwicklungsmöglichkeiten geboten. „Drei Jahre reichen so oder so nicht, um alles Wissen zu vermitteln“, sagt die Schulleiterin. „Wir als Bildungsträger sehen unsere Aufgabe eher darin, Kompetenz und Lernmethoden zu vermitteln, denn Pflege bedeutet lebenslanges Lernen.“

Auch die geplante Finanzierung des geplanten Pflegeberufegesetzes gibt Anlass zur Diskussion. Wer heute Altenpfleger werden will, ist in der Regel bei einer entsprechenden Einrichtung angestellt und besucht beispielsweise in Schleswig das Bildungszentrum. Das kostet für Externe bisher Schulgeld. Dieses soll nach der Reform abgeschafft und die Ausbildung aus einem gemeinsamen Topf mitfinanziert werden. In diesen sogenannten Ausgleichsfonds zahlen dann alle ein. Die Einrichtungen, die selbst nicht ausbilden, steuern den gleichen Anteil bei, wie jene, die Lehrstellen bereitstellen.

Im Jahr 2026 soll der Bundestag erneut über die Pflegeausbildung entscheiden. Vorher soll ausgewertet werden, wie hoch der Anteil der Auszubildenden ist, die sich im dritten Jahr für den Abschluss als Pflegefachfrau/-mann, Kinderkrankenpfleger/in oder Altenpfleger/in entschieden haben. Die Zahlen sollen bis Ende 2025 vorliegen und Grundlage einer zukünftigen Regelung der Pflegeausbildung sein.

Wer zurzeit Gesundheits- und Krankenpfleger werden möchte, hat sich einiges vorgenommen. „Es ist eine knackige, umfangreiche Ausbildung“, weiß Langanki. Im Schleswiger Bildungszentrum treten durchschnittlich 30 Frauen und Männer die Ausbildung an, von denen etwa 20 nach drei Jahren die Prüfung ablegen. „Allerdings ist die Durchfallquote dann zum Glück gering.“

Für Berufsanfänger und Quereinsteiger heißt es dann erst einmal: Vokabeln pauken. „Man lernt mit den medizinischen Fachbegriffen quasi eine ganz neue Fremdsprache. Die Kommunikation mit den Ärzten ist enger denn je geworden“, sagt Langanki, die noch den Beruf der Krankenschwester gelernt hat. Klassische Unterrichtsfächer gibt es nicht mehr. „Kompetenzerwerb“ steht nun auf dem Lehrplan.

Das Hauptaugenmerk liegt auf der Versorgung – ob nach Operationen, in der Not-Ambulanz oder Reha. Auch die Forensik, die Sterbehilfe und Pflegeplanung gehören in den Unterricht. Hauptbestandteile des Lehrplans sind Anatomie, Krankheitslehre, Pflege, Kommunikation und Ernährung. Ebenso gehören die Sozialwissenschaften dazu.

Nach drei Jahren wird schriftlich, mündlich und praktisch geprüft. Prüflinge müssen nicht nur zeigen, dass sie Verantwortung tragen können, sondern ebenso der hohen Arbeitsbelastung des Stationsalltags gewachsen sind. Voraussetzung sind mittlere Reife oder Abitur. Das Mindestalter liegt bei 17 Jahren. „Wir haben auch Menschen, die noch mit Ende 40 eine Ausbildung bei uns machen“, ergänzt die Schulleiterin. Auch ein leeres Führungszeugnis sowie eine ärztliche Bescheinigung über eine gesundheitliche Eignung müssen in der Bewerbungsmappe liegen.

QuereinsteigerTobias Siert ist mit 22 Jahren einer der älteren Schüler im Schleswiger Bildungszentrum. Ein Semester hat er Geographie studiert und sich dann für eine Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger entschieden. Dass er Latein in der Schule hatte, kommt ihm jetzt zu Gute. Für ihn soll die Ausbildung Grundlage für ein späteres Studium des Gesundheitsmanagements werden. „Man muss hier auch nach der Schule noch den Lernstoff nacharbeiten, sonst kommt man nicht mehr mit. Doch wer hier Leistung bringen möchte, bekommt auch viel Unterstützung.“

Heidi Warntjes (23) ist im zweiten Lehrjahr und freut sich auf das, was kommt. „Für mich ist der Pflegeberuf genau das Richtige. Ich will Menschen helfen und etwas Sinnvolles tun.“ Die Schleswigerin wird vorerst eine der letzten Gesundheits- und Krankenpflegerinnen sein und freut sich darüber: „Ich finde, das hört sich einfach besser an als Pflegefachfrau.“

Um wissenschaftliche Erkenntnisse stärker in die Praxis einfließen zu lassen, soll ein Pflegestudium eingeführt werden, das die Pflegeausbildung ergänzen soll. Es wird mindestens drei Jahre dauern und wird mit einem akademischen Grad abgeschlossen.

Außerdem sollen neue Karrieremöglichkeiten in der Pflege eröffnet und neue Zielgruppen angesprochen werden.

In Schleswig-Holstein findet sich in der Hansestadt Lübeck die einzige Universität, die bereits den Studiengang Pflege mit jährlich 40 Bachelor-Plätzen anbietet. Die Uni Lübeck beabsichtigt außerdem, die bestehenden Erfahrungen und Strukturen für ein berufsbegleitendes Weiterbildungsangebot auf Bachelor-Niveau für examinierte Pflegekräfte zu nutzen. Der Bachelor-Studiengang Pflege soll bei nachgewiesenem Bedarf und Vorliegen einer gesicherten Finanzierung auf bis zu 100 Plätze ausgebaut werden.

Zurzeit wird außerdem die Einführung eines Masterstudienganges der Pflegepädagogik an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel geprüft, um dem steigenden Bedarf an Lehrkräften gerecht zu werden.








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