Gemischte Identitäten, Sprach-Debatten, Dialog mit den Migranten: In Sankelmark stand die Zukunft der Minderheiten zur Diskussion

Zukunftsdebatte über die Minderheiten: Hester Knol (Präsidentin der Jugend europäischer Volksgruppen, links), Hans Heinrich Hansen (Präsident der Föderalistischen Union Europäischer Volksgruppen), Tove Malloy (Direktorin des European Centre for Minority Issues). Foto: jung
Zukunftsdebatte über die Minderheiten: Hester Knol (Präsidentin der Jugend europäischer Volksgruppen, links), Hans Heinrich Hansen (Präsident der Föderalistischen Union Europäischer Volksgruppen), Tove Malloy (Direktorin des European Centre for Minority Issues). Foto: jung

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19. Januar 2010, 07:14 Uhr

sankelmark | Wie lange gibt es euch noch? Diese den nationalen Minderheiten von der Mehrheit ständig vorgehaltene Frage hat die deutsche Minderheit aus Dänemark auf ihrer traditionellen Neujahrstagung in der Akademie Sankelmark in eine Podiumsdiskussion unter der Überschrift "Zukunft der Minderheiten - Minderheiten der Zukunft" gekleidet.

Für Hans Heinrich Hansen, den Ex-Hauptvorsitzenden des Bundes Deutscher Nordschleswiger und heutigen Präsidenten der Föderalistischen Union Europäischer Volksgruppen (FUEV), hängt die Zukunftsfähigkeit unter anderem davon ab, dass der Nachwuchs hör- und sichtbar ist. Es sei wichtig, "dass die Angehörigen von Minderheiten nicht nur auf alte Trutzköpfe aus der Vergangenheit" reduziert würden. Sie müssten dokumentieren, "dass auch etwas nachwächst". Dem Junioren-Dachverband Jugend Europäischer Volksgruppen (JEF) komme deshalb auch eine psychologisch nicht zu unterschätzende Bedeutung zu.

Der war mit seiner Präsidentin Hester Knol aus den Niederlanden leibhaftig vertreten. Die Westfriesin mochte sich nicht eindeutig auf Opti- oder Pessimismus festlegen. Globalisierung und verstärkter internationaler Austausch stellten junge Leute eigentlich stärker als früher vor die Herausforderung, sich ihrer Wurzeln bewusst zu werden - und damit gegebenenfalls auch ihre Verortung in einer Minderheit zu festigen. Andererseits sei es für Heranwachsende nicht leicht, eine Identität als Angehöriger einer Minderheit herauszubilden, so lange eine Minderheit im eigenen Land nicht wirklich als gleichberechtigt wahrgenommen werde. Knol: "Manche werden immer noch für Ausländer gehalten."

Nicht zuletzt deshalb diagnostiziert Tove Malloy, Direktorin des European Centre for Minority Issues in Flensburg, eine Tendenz zu "gemischten nationalen Identitäten", wie sie verstärkt auch von Jugendlichen der dänischen und deutschen Minderheit beschrieben werden. Worüber sich manche Altvorderen die Augen reiben, wird nach Einschätzung Malloys "an Aktualität zunehmen" und "ist, seitdem die Grenzen offen sind, auch eher zu erklären und zu akzeptieren als früher". Für ihre Einrichtung signalisierte Malloy zu dieser Frage ein großes Forschungsinteresse, ebenso wie über neue Minderheiten mit Migrationshintergrund. Zu einer möglichen Gleichstellung von ihnen mit den alteingesessenen Minderheiten hat die Nachwuchs-Organisation JEF vor wenigen Monaten bereits eine Begegnung in Brüssel organisiert, lenkte auch Hester Knol das Augenmerk auf diesen Punkt. Man habe dabei aber "mehr Fragen als Antworten" gefunden, insbesondere die: "Was heißt ,schon immer, wenn Minderheitenrechte daran festgemacht werden sollen, wie lange eine Volksgruppe in einem Gebiet ansässig gewesen ist."

Selbst diejenigen, die schon ganz lange vor Ort sind, haben nach Einschätzung Hans Heinrich Hansens keine automatische Ewigkeitsgarantie. "Identität definiert sich über Sprache. Spricht eine Minderheit ihre Sprache nicht mehr, hat sie ihr wesentliches Merkmal verloren", betonte Hansen. Mehr und mehr sei Deutsch für den Nachwuchs in Kindergärten und Schulen der deutschen Nordschleswiger "die erste Fremdsprache", weil zu Hause in national gemischte Beziehungen nicht mehr automatisch vermittelt werde. In dänischen Einrichtungen südlich der Grenze wird eine vergleichbare Entwicklung beobachtet. Hansen erinnerte daran, dass der Gebrauch von Minderheitensprachen in der Öffentlichkeit nicht überall so unverfänglich ist wie hier in der Region. Die EU müsse Instrumentarien schaffen, um etwa den Sprachkonflikt zwischen den Ungarn und den Slowaken zu befrieden. Tove Malloy erwartet alles in allem "für einige Zeit nicht sehr viel Bewegung" auf der internationalen Ebene. Sie sieht allgemein eine Tendenz von der Makro- zur Mikro-Sphäre - nachdem international Minderheiten standards definiert worden seien, sei jetzt jede Region für sich gefragt, Konventionen auch tatsächlich zu praktizieren.

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