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Verteidiger lagen Akten zu spät vor : Geiselnahme in JVA Lübeck: Prozess vertagt

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Vier Gefangene nahmen Weihnachten 2014 in der JVA Lübeck einen Justizvollzugsbeamten als Geisel. Ihr Fluchtversuch scheitert, der Vorfall schlägt hohe Wellen. Am Mittwoch begann der Prozess gegen die Geiselnehmer.

shz.de von
erstellt am 04.Nov.2015 | 14:30 Uhr

Lübeck | Knapp ein Jahr nach einer Geiselnahme in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Lübeck-Lauerhof begann am Mittwoch der Prozess gegen die vier mutmaßlichen Geiselnehmer unter strengen Sicherheitsvorkehrungen. Alle Zuschauer wurden vor Betreten des Saales durchsucht, so dass der Prozess erst mit rund 30 Minuten Verspätung begann. Der Vorsitzende Kai Schröder begründete das mit erhöhter Fluchtgefahr. „Ich kann die Sicherheitskräfte abziehen, aber dann werde ich Fußfesseln anordnen“, sagt Schröder, als eine Verteidigerin sich über die Beamten beschwert, die über ihre Schulter auf den Bildschirm ihres Laptops schauen könnten.

Am Mittwoch, dem ersten von insgesamt 17 Verhandlungstagen wurde zunächst nur die Anklage verlesen, weil Akten nicht rechtzeitig bei den Verteidigern eingegangen sind. Die ursprünglich geplante Befragung des Opfers wurde auf den nächsten Verhandlungstag verschoben. Auch die Angeklagten wollen sich nach Angaben ihrer Verteidiger erst an den nächsten Verhandlungstagen zu den Vorwürfen äußern. Der Prozess wird am 11. November fortgesetzt. Ein Urteil wird für März erwartet.

Die Staatsanwaltschaft wirft den heute zwischen 23 und 51 Jahre alten Männern  gemeinschaftliche Geiselnahme, gemeinschaftliche schwere Körperverletzung, Nötigung und versuchte Gefangenenmeuterei vor. Sie sollen einen Justizvollzugsbeamten am 24. Dezember 2014 mit einem vorgetäuschten epileptischen Anfall in ihre Zelle gelockt, ihn überwältigt und mit einem Messer bedroht haben, heißt es in der Anklageschrift. „Dadurch wollten sie ihr Opfer zwingen, ihnen zur Flucht aus dem Gefängnis zu verhelfen“, sagte Staatsanwalt Martin Peterlein. Der Fluchtplan scheiterte, die Geisel konnte sich mit Hilfe von Kollegen und eines unbeteiligten Gefangenen befreien. Die Gefangenen - ein Strafgefangener und drei Untersuchungshäftlinge - hatten mit Erlaubnis der Anstaltsleitung den Weihnachtsabend zu viert in einer Zelle verbringen dürfen.

Der Ausbruchversuch hat auch politisch hohe Wellen geschlagen. Die damalige Anstaltsleiterin musste ihren Posten räumen, weil sie Polizei und Staatsanwaltschaft erst einen Tag später über den Vorfall unterrichtet hatte. Die Ermittlungen wegen Verdachts der Strafvereitelung sind mittlerweile aber eingestellt. Auch Justizministerin Anke Spoorendonk (SSW) geriet unter Druck, weil sie sich zunächst schützend vor die Anstaltsleiterin gestellt hatte.

Einer der Männer saß nach Angaben der Lübecker Staatsanwaltschaft zur Tatzeit wegen seiner Beteiligung an einem Überfall auf ein Kieler Pfandhaus im Jahr 2014 in Lübeck in U-Haft. Gemeinsam mit elf weiteren mutmaßlichen Mitgliedern einer osteuropäischen Bande steht er deswegen derzeit in Schleswig vor Gericht.

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