Kommandant Norbert Schatz : Gefeuert

Kapitän zur See Norbert Schatz vor Kadetten des  Segelschulschiffes 'Gorch Fock'.   Führte er mit zu harter Hand? Foto: Maurizio Gambarini
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Kapitän zur See Norbert Schatz vor Kadetten des Segelschulschiffes "Gorch Fock". Führte er mit zu harter Hand? Foto: Maurizio Gambarini

Mit harter und ruhiger Hand steuerte Norbert Schatz sein Schiff über die Weltmeere. Doch Schreckliches soll sich auf der "Gorch Fock" zugetragen haben. Jetzt wurde der Kommandant abberufen.

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23. Januar 2011, 10:51 Uhr

Glücksburg | Schon als kleiner Junge wollte er auf der "Gorch Fock" segeln - nun feuerte Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg den Kommandanten des Segelschulschiffes. Für Kapitän zur See Norbert Schatz (53) ist damit eine Welt zusammengebrochen.
Zu viel war passiert: Die Kadettin Sarah S. (25) stürzte am 7. November 2010 aus 27 Meter Höhe aufs Deck, erlag später ihren schweren Verletzungen. Danach schwere Konflikte zwischen Schiffsführung und Offiziersanwärtern, die nicht mehr aufentern wollen. Vier Kameraden sollten vermitteln, konnten aber nur von der aufgeheizten Stimmung berichten. Der Kapitän zeigte Härte, soll ihnen Meuterei vorgeworfen haben. Dann die lustige Karnevalsfeier - nur einen Tag nach der Gedenkfeier für die tote Sarah. Schließlich packte Freitag ein Offiziersanwärter gegenüber der Bild-Zeitung aus. Der junge Mann, er will anonym bleiben, berichtet: "Sarah hatte vorher einem Offizier gesagt, dass sie nicht mehr kann. Er antwortete, sie solle sich nicht so anstellen. Oben in der Takelage hat Sarah eine kleine Pause gemacht, sich auf die Knie gestützt. Einer der Ausbilder fragte sie, ob sie aufgeben wolle. Sie sagte: Nein. Es ginge schon. Dann ist sie abgestürzt."
Am späten Freitagabend fiel die Entscheidung
Als der Verteidigungsminister diese Details erfährt, berät er sich mit seinem Führungsstab. Am späten Freitagabend die Entscheidung: Der Kommandant der "Gorch Fock" wird abberufen!
Der Minister ordnet zudem an, dass das Schiff bis auf Weiteres nicht mehr auslaufen wird: "Nach der Rückkehr in den Heimathafen wird die Gorch Fock aus der Fahrbereitschaft genommen, bis eine noch einzusetzende Kommission auch unter Mitwirkung von Abgeordneten des Deutschen Bundestags beurteilt hat, inwieweit die Gorch Fock als Ausbildungsschiff und Botschafterin Deutschlands auf den Weltmeeren Zukunft hat."
Das Segelschulschiff lag vor dem Hafen von Ushuaia (Süd-Argentinien), als Kapitän Norbert Schatz einen Anruf von Vize-Admiral Axel Schimpf erhielt. Dem Kommandanten wird mitgeteilt, dass er abberufen ist. Für Norbert Schatz muss es ein Schock gewesen sein, auch wenn er damit rechnen konnte.
"Keiner erklärt mir, was genau passiert ist, als meine Tochter starb."
Die "Gorch Fock" war sein Leben. Auf ihr absolvierte er 1976 selbst seine Ausbildungsreise, fuhr später als Erster Offizier auf dem Segelschulschiff. Vor fünf Jahren übernahm Schatz als zwölfter Kapitän das Kommando auf dem ältesten Schiff der deutschen Marine. Er führte seine Mannschaft auf dem Dreimaster mit ruhiger und harter Hand - und schwärmte immer davon, unter den weißen Segeln das gefürchtete Kap Hoorn zu passieren. Vor zehn Tagen durfte er das erleben. Wie der eingefleischte Seemann diesen Moment empfand, wird auf der Homepage der Bordkameradschaft beschrieben: "Insbesondere für den Kommandanten des Segelschulschiffes, Kapitän zur See Norbert Schatz, ein bewegender Moment, den er für sich selbst nur schwer in Worte zu fassen vermag. Er sieht ihn durchaus als Höhepunkt seiner seemännischen Laufbahn."
Zu dieser Zeit wurden bereits erste massive Vorwürfe gegen ihn bekannt. Von Tag zu Tag verschärften sie sich. Die Mutter der tödlich verunglückten Sarah erstattete wegen fahrlässiger Tötung Strafanzeige gegen die Bundesrepublik Deutschland. Sie vermutet, dass die wahre Unglücksursache vertuscht wird: "Keiner erklärt mir, was genau passiert ist, als meine Tochter starb."
Auch die Eltern einer 18-jährigen Kadettin, die 2008 von Bord des Segelschulschiffes gestürzt und ertrunken war, fordern jetzt neue Ermittlungen.
Seit gestern hat nun Kapitän zur See Michael Brühn das Kommando auf der "Gorch Fock". Er ist zugleich Mitglied der Untersuchungskommission, die den schweren Vorwürfen nachgehen soll. Donnerstag wird Brühn in Argentinien eintreffen. Dann muss sich Norbert Schatz den kritischen Fragen stellen.
Die Rückreise der "Gorch Fock" soll am 4. Februar beginnen - es könnte ihre letzte Reise werden.

(db, shz)

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