Häufige Infektionen bei Flüchtlingen : Gefährliche Tuberkulose in Deutschland auf dem Vormarsch

Tuberkulose-Fall auf einem Röntgenbild.
Tuberkulose-Fall auf einem Röntgenbild.

Wissenschaftler am Forschungszentrum Borstel in Schleswig-Holstein weisen sogar multiresistente Erreger nach.

shz.de von
06. Februar 2018, 08:42 Uhr

Kiel/Sülfeld | Inzwischen steht fest: Die Zahl der Tuberkulosefälle in Deutschland steigt. Migration spielt dabei eine Rolle. Im schleswig-holsteinischen Forschungszentrum Borstel in Sülfeld (Kreis Segeberg) haben Wissenschaftler sogar einen multiresistenten Stamm der Tuberkulose nachgewiesen, der auf vier der üblicherweise angewendeten Antibiotika nicht reagierte. Dieser Stamm wurde bei 29 Flüchtlingen entdeckt, die über das Horn von Afrika nach Deutschland gelangten. „Die Häufung der Fälle mit Migrationshintergrund veranlasste uns weiterführende Untersuchungen durchzuführen“, erläutert Professor Stefan Niemann vom Forschungszentrum Borstel.

Die Zahl der Tuberkulosefälle sprang innerhalb eines Jahres um rund 30 Prozent nach oben: Von gut 4500 im Jahr 2014 auf über 5850 im Jahr 2015 und hält sich jetzt auf  hohem Niveau. In Schleswig-Holstein stieg die Zahl von 122 auf 148 Erkrankte.

„Eine hohe Aufmerksamkeit für diese Krankheit ist daher unverändert wichtig“, betont Lothar Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts. Viele Asylsuchende kämen aus Ländern mit hohen Tuberkuloseraten und haben daher ein höheres Erkrankungsrisiko. Generell werden Neuankömmlinge bei der Eingangsuntersuchung auf übertragbare Krankheiten untersucht. Dabei werden auch die Atmungsorgane geröntgt, wodurch eine Tuberkuloseerkrankung festgestellt werden kann.

Inzwischen haben die Forscher in Borstel herausgefunden, dass sich Flüchtlinge in einem libyschen Flüchtlingscamp bei Bani Walid mit dem multiresistenten Tuberkulose-Virus infiziert haben. Offenbar handelte sich bei den Erkrankten überwiegend um unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.

Im Jahr 2016 wurden in Deutschland laut RKI insgesamt 5915 Tuberkulosefälle registriert, was 7,2 Neuerkrankungen pro 100.000 Einwohner entspricht. Die Analyse nach Staatsangehörigkeit ergab erhebliche Unterschiede im Erkrankungsrisiko: So betrug die Inzidenz (Häufigkeit) bei ausländischen Staatsbürgern 42,6 pro 100.000 Einwohner und war damit 19-mal so hoch wie in der deutschen Bevölkerung (Inzidenz 2,2).

Die Zahl der Tuberkulose-Neuerkrankten, die nicht in Deutschland geboren wurden, betrug zwischen 2002 und 2012 etwa 40 bis 50 Prozent und nahm laut Robert-Koch-Institut seitdem auf 72 Prozent zu. Zu den am häufigsten angegebenen Geburtsländern zählen Somalia, Eritrea, Afghanistan, Syrien und Rumänien.

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