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Viele Kinder ohne Impfung : Gefährliche Masern: Infektion durch die Hintertür

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Rote Hautflecken, Fieber und Schwäche – Masern sind eine hoch ansteckende Infektionskrankheit, die tödlich enden kann. Ein Ausbruch in Berlin zeigt: Die Impflücken sind zu groß – auch in Schleswig-Holstein.

shz.de von
erstellt am 08.Feb.2015 | 10:22 Uhr

Kiel/Berlin | Nach den Plänen der Weltgesundheitsorganisation WHO sollte 2015 eigentlich das Jahr werden, in dem Masern so gut wie ausgerottet sind. Doch daraus wird nichts: Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts sind allein in Berlin seit Beginn einer Ansteckungswelle im Oktober 2014 412 Menschen erkrankt. Anfangs waren vor allem Asylbewerber aus Bosnien und Herzegowina sowie Serbien betroffen. Mittlerweile treten Erkrankungsfälle auch in der übrigen Berliner Bevölkerung auf. Die Gesundheitsverwaltung der Hauptstadt hat Freitag dazu aufgerufen, alle noch nicht immunisierten Kinder und Erwachsenen zu impfen. 

Masern sind alles andere als eine harmlose Kinderkrankheit – über die Hälfte der Erkrankten sind Erwachsene, über 100 Patienten mussten ins Krankenhaus. Und die Ansteckungswelle rollt weiter: Allein im Januar gab es 254 neue Fälle in der Hauptstadt.

Die Masern-Infektionen in SH sind 2014 gestiegen.
Die Masern-Infektionen in SH sind 2014 gestiegen.

In Schleswig-Holstein liegt die Zahl der Neuansteckungen für 2015 noch im einstelligen Bereich. Das Robert-Koch-Institut listet in seinem wöchentlichen „Epidemiologischen Bulletin“ vom 2. Februar einen Fall auf, in anderen Quellen ist von neun die Rede.  Für 2014 wurden im nördlichsten Bundesland insgesamt 41 Erkrankungen registriert. Für Masern gilt seit dem Jahr 2001 eine Meldepflicht, der Arzt muss das zuständige Gesundheitsamt informieren.

Gefährdet sind vor allem Menschen, die zwischen 1972 und 1991 geboren wurden. In diesem Zeitraum wurden Kinder nur einmal gegen Masern geimpft. „Erst später hat man gemerkt, dass die Impfung gegen Masern zweimal erfolgen muss“, berichtet Susanne Glasmacher, Pressesprecherin des Berliner Robert-Koch-Instituts (RKI). „Masern gehören zu den ansteckendsten Krankheiten überhaupt.“ Wer Kontakt zu einem Erkrankten hat, stecke sich auch ziemlich sicher an. So gut wie jeder nicht immunisierte Mensch bekomme die Krankheit, wenn er Kontakt zu einem Erkrankten hat. Übertragen werden die Viren durch kleinste Tröpfchen beim Sprechen, Husten oder Niesen.

Wer vor 1973 geboren wurde, hat mit großer Sicherheit im Kindesalter Masern gehabt und ist nun lebenslang davor gefeit. „Eine härtere Immunisierung gibt es nicht“, erläutert Dr. Michael Dördelmann, Chefarzt der Flensburger Diako-Kinderklinik. Vor Einführung der Impfung sei von 10.000 Masernkranken im Durchschnitt einer gestorben. Aus der Masernerkrankung kann sich über Jahre schleichend eine subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE) entwickeln, bei der sich das Gehirn auflöst – eine sehr seltene tödliche Folgeerkrankung. Häufig kommt die Masernerkrankung jedoch mit Komplikationen daher – wie Durchfall, Mittelohrentzündung und Lungenentzündung

Heute liegt die Todesrate bei Masernerkrankten bei 1:1000, weil die Krankheit mehr Erwachsene befällt und es dabei häufiger zu Komplikationen kommt. „Wer das einmal hat, wünscht sich oft, er hätte sich impfen lassen“, berichtet Anette Siedler, amtierende Leiterin des Fachbereichs Impfprävention am RKI.

Die Schutzimpfung gegen Masern ist heute meist Bestandteil einer Vierfachimpfung gegen MMRV (Masern, Mumps, Röteln und Windpocken).  Sie wird Kindern  im 12. Lebensmonat und noch einmal vor dem 2. Geburtstag gespritzt.

Seit Beginn der Masernimpfungen haben sich die Impfquoten deutlich verbessert und liegen heute bei 96,7 Prozent für die einmalige Impfung; 92,4 Prozent der Kinder sind zum Zeitpunkt ihrer Einschulung zweimal gegen Masern geimpft. Um aber die Masern ausrotten zu können, ist eine Quote von 95 Prozent dauerhaft nötig. Doch nach einer Studie von 2013 wird jedes dritte Kleinkind in Deutschland nicht ausreichend gegen Masern immunisiert. Die Ursache ist Impfmüdigkeit.

Aus dem gleichen Grund melden auch die USA nun wieder höhere Masern-Zahlen. Allein im Januar dieses Jahres erkrankten 102 US-Amerikaner in 14 Bundesstaaten – fast so viele wie sonst im ganzen Jahr. Vor allem Anhänger der Republikaner-Partei lehnen das Impfen ab – wie prinzipiell alles, was ihnen vom Staat diktiert wird. In Deutschland verorten Virologen die Impfmüdigkeit dagegen eher im Umfeld von Waldorfschulen. Häufige Begründung: Krankheiten stärken das Immunsystem und gehören zur Kindesentwicklung dazu. Das stimmt zwar, setzt die Kinder aber unter Umständen einem tödlichen Risiko aus.

Ulrich Fegeler, Sprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, sieht den Gesetzgeber in der Pflicht: „Die Politik tut einfach noch zu wenig, das ist ein Eiertanz.“ Es wäre schon hilfreich, wenn alle öffentlichen Einrichtungen von der Kita bis zur Schule einen Impfnachweis verlangen, bevor sie ein Kind aufnehmen. Gestern plädierte auch Karl Lauterbach, gesundheitspolitischer Sprecher der SPD, im NDR-Hörfunk für eine Impfpflicht in Deutschland.

Zwang hält Anette Siedler für den falschen Weg. Impfnachweise an Schulen hätten in den USA wenig gebracht. Die RKI-Expertin setzt dagegen auf Information und Überzeugung. Alle großen Masern-Ausbrüche, die vor zwei Jahren sogar zur Schließung von Schulen führten, hätten nur einen kurzen Aha-Effekt ausgelöst. Nötig sei ein anderes Bewusstsein in der Öffentlichkeit. Der Nutzen der Immunisierung sei in jedem Fall größer als das Risiko durch den Piks. Nebenwirkungen der Impfung seien im Einzelfall Hautrötungen, Schwellungen, Fieber und leichter Hautausschlag. „Kein Vergleich zu den Folgen einer Masern-Erkrankung.“

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