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Sportvereine in SH : Fußball geht der Nachwuchs aus

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Alarmierend: Schleswig-Holsteins Fußball hat 2500 Kinder verloren. Schuld ist nicht nur die demografische Entwicklung. Ganztagsschulen werden für die Clubs zum Problem. Es mangelt außerdem an Trainern und Geld. Der Abwärtstrend ist noch stärker als im übrigen Bundesgebiet.

Kiel | Der Sport in Schleswig-Holstein steht vor einem  Nachwuchsproblem, von dem besonders der Fußball betroffen ist. Im Vergleich zur Saison 2012/13 nehmen in der aktuellen Spielzeit 174 männliche und weibliche Jugendteams  weniger am Spielbetrieb teil – das nördlichste Bundesland hat somit innerhalb eines Jahres mehr als 2500 Nachwuchskicker verloren. Mit einem Minus von 5,7 Prozent liegt Schleswig-Holstein über dem Bundesdurchschnitt (-3,5).

Bei der Suche nach den Ursachen verweist der Schleswig-Holsteinische Fußballverband (SHFV) auf die demografische Entwicklung. „Die geburtenschwachen Jahrgänge machen sich bemerkbar“, sagte der Vorsitzende des SHFV-Jugendausschusses, Rolf Hartung, unserer Zeitung. Zudem stelle die wachsende Zahl der offenen Ganztagsschulen die Vereine vor Schwierigkeiten. Vor allem ältere Jugendliche hätten Probleme, „Schule und  Fußball unter einen Hut zu bringen“. Tatsächlich ist der Rückgang in keiner Altersklasse größer als in der A-Jugend: Statt 233 Teams in der Vorsaison nehmen aktuell nur noch 201 Mannschaften am Spielbetrieb teil (-13,7 Prozent).

Vereinsvertreter haben einen weiteren Grund ausgemacht: Es mangelt an Trainern. „Zum einen haben wir nicht genug Übungsleiter, zum anderen fehlt es  an  Geld, um die Trainer auf Fortbildungen zu schicken“, berichtet Frauke Klein, Jugendwartin des TuS Rotenhof aus Rendsburg. An fußballbegeisterten Kindern mangele es dagegen – nicht nur in Rendsburg – keineswegs.

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat derweil angekündigt, dem bundesweiten Abwärtstrend im Nachwuchsbereich mit einer Imagekampagne entgegenzusteuern. „Wir wollen den Amateurfußball und das Ehrenamt stärken“, erklärte DFB-Präsident Wolfgang Niersbach.

Oberflächlich betrachtet ist alles in bester Ordnung. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB), der größte Sportfachverband der Welt, wächst weiter – und vermeldet in diesem Jahr  die  Rekordzahl von 6,82 Millionen Mitgliedern. Eine Entwicklung, die vor allem mit dem Phänomen zusammenhängt, dass schon seit Jahren immer mehr Fans ihrem Lieblings-Proficlub beitreten. Dass es unter der Oberfläche, genauer gesagt an der Basis des deutschen Volkssports Nummer eins, jedoch ein  gravierendes Problem gibt, konnte und wollte DFB-Präsident Wolfgang Niersbach dieser Tage nicht mehr verhehlen. „Wir stehen vor großen demografischen Herausforderungen, das sehen wir an den Zahlen der aktiven Fußballer. Wir müssen an der Basis um Jungen und Mädchen kämpfen wie nie zuvor“, erklärte Niersbach eindringlich. Der Kampf des DFB verläuft allerdings offenbar nicht selten erfolglos: Die Zahl der männlichen und weiblichen Jugendteams ist im vergangenen Jahr bundesweit um 3700 zurückgegangen – eine alarmierende Entwicklung.

Während Niersbach als Gegenmaßnahme eine 2,5 Millionen Euro teure Imagekampagne zur Stärkung des Ehrenamts und des Juniorenfußballs ankündigte, ist der Abwärtstrend auch in Schleswig-Holstein in  vollem Gange – prozentual gesehen sogar noch  stärker als im übrigen Bundesgebiet. Im Vergleich zur Vorsaison ist die Zahl der Jugendteams im  Land zwischen den Meeren um insgesamt 174 gefallen. Im Klartext: Schleswig-Holsteins Fußball hat innerhalb eines Jahres mehr als  2500 Kinder verloren.

Ein Negativtrend, der Rolf Hartung nicht überrascht hat. „Es ist absehbar gewesen, dass es so kommt“, sagte der Vorsitzende des Jugendausschusses des Schleswig-Holsteinischen Fußballverbands (SHFV) unserer Zeitung. „Die demografische Entwicklung schlägt durch, die geburtenschwachen Jahrgänge machen sich bemerkbar.“ Zudem sei mit der steigenden Zahl der offenen Ganztagsschulen im Land ein weiteres Problem für die Vereine entstanden. „Im A- und B-Jugend-Bereich steht der eine oder andere vor dem Problem, Schule und Verein unter einen Hut zu bringen“, sagte Hartung und fügte hinzu: „Es gibt Vereine, die nach Lösungen suchen. Es gibt aber auch Vereine, die  aktiver werden müssen.“ In diesem Zusammenhang wirkt es jedoch zumindest unglücklich, dass der SHFV sein Projekt „Kooperation Schule und Verein“ vor gut zwei Jahren eingestellt und die Verantwortung für das vermeintlich so wichtige Thema dem Landessportverband (LSV) überlassen hat.

Losgelöst von der demografischen Entwicklung und der Ganztagsschulen-Problematik beweisen derweil einige Vereine, dass es mit einem guten Konzept und großem ehrenamtlichen Engagement durchaus möglich ist, dem Abwärtstrend zu trotzen. Der nordfriesische SV Frisia 03 Risum-Lindholm beispielsweise hat in dieser Saison 17 Juniorenmannschaften im Spielbetrieb, im Vorjahr war es eine weniger – der TuS Rotenhof aus Rendsburg schickt unverändert 14 Teams ins Rennen. „Es kommen genug Kinder zu uns, weil der Fußball eine unglaubliche  Anziehungskraft hat“, berichtete Risum-Lindholms Jugendobmann Jörg Fürstenau. Und Rotenhofs Jugendwartin Frauke Klein muss nach eigenem Bekunden im E-Jugend-Bereich sogar Wartelisten führen, so groß sei der Andrang.

Was den beiden Ehrenamtlichen zu ihrem Glück  fehlt, ist etwas anderes: Trainer. „Das ist das Hauptproblem, was man auch im Gespräch mit anderen Vereinsvertretern immer wieder heraushört“, berichtete Fürstenau. „Wir sind immer auf der Suche nach geeigneten Kandidaten, schicken sie zu Lehrgängen. Aber es ist ja auch verständlich, dass kaum noch einer seine komplette Freizeit für einen Trainerjob opfern will, wenn er nicht einmal ansatzweise angemessen dafür finanziell entschädigt wird.“ Fürstenaus Forderung an den DFB: „Den kleinen Vereinen sollte mehr Geld für die Trainerausbildung und -arbeit zur Verfügung gestellt werden, damit wäre uns an der Basis am meisten geholfen.“

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erstellt am 25.10.2013 | 07:00 Uhr

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