Mobilfunknetz in SH : Funklöcher für Handys sollen verschwinden

dpa_149172008b54c783

Die Telefonfirmen wollen ihr mobiles Netz verbessern – stellen aber eine Bedingung an die Politik.

Unser Hauptstadtkorrespondent Hening Baethge von
12. Juli 2018, 20:30 Uhr

Kiel/Berlin | Auf das Mobilfunknetz in Schleswig-Holstein ist Boris Wita nicht gut zu sprechen: „Überall außerhalb der größeren Städte gibt es Probleme, an der Westküste ist es total schlecht, in Dithmarschen sind ganze Landstriche ohne Empfang“, schimpft der Justiziar der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein in Kiel. Immer wieder kämen Kunden zu ihm, die einen gültigen Mobilfunkvertrag haben, aber zu Hause trotzdem keinen Handy-Empfang. Und auch Wita selbst kämpft daheim in seinem Wohnort Owschlag mit Schwierigkeiten beim mobilen Telefonieren. „Da sieht es oft zappenduster aus“, sagt er. Damit nicht genug: Auch an Straßen und Schienen im Land wimmelt es von Funklöchern. „Wir haben klar den Eindruck, dass die Mobilfunkabdeckung stark verbesserungsbedürftig ist, gerade auch entlang der Bahnstrecken“, kritisiert Jörg Bülow, Chef des Schleswig-Holsteinischen Gemeindetags.

Doch nun soll bald alles besser werden. In Berlin haben die drei großen Mobilfunkanbieter am Donnerstag bei einem Treffen mit Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer und Vertretern von Ländern und Kommunen zugesagt, die Handynetze stärker auszubauen als bisher geplant – und so die Zahl der ärgerlichen Funklöcher für Handynutzer zu verringern.

Zudem soll künftig ein Ärgernis an der deutsch-dänischen Grenze wegfallen: Weil das deutsche Netz hier oft schwach ist, wählen sich Handys häufig bei dänischen Anbietern ein, was Zusatzkosten verursachen kann. Nun sollen Telekom und Co. die Netze in den Grenzregionen so gut ausbauen, „dass die Bürger das Netz deutscher Mobilfunkanbieter nutzen können“, sagte CSU-Mann Scheuer – und berichtete aus seiner Heimatstadt Passau an der Grenze zu Österreich: „Es kann ja nicht sein, dass man in Passau zu 30 Prozent österreichisches Netz hat – das ist nicht fair.“

Probleme bei der Wirtschaftlichkeit

Bis Ende 2020 sollen 99 Prozent der deutschen Haushalte mit einem 4G-Zugang versorgen, dem derzeit modernsten. Ein Jahr später soll diese Quote sogar in jedem einzelnen Bundesland erreicht sein. Eine Steigerung auf gleich 100 Prozent sei dagegen zu teuer – „da wäre die Wirtschaftlichkeit nicht mehr gewährleistet“, sagte der Chef der Deutschen Telekom, Tim Höttges. Bisher hatten die Netzbetreiber zugesagt, Ende nächsten Jahres 98 Prozent aller Haushalte abzudecken. Derzeit sind es knapp 97 Prozent – auch in Schleswig-Holstein.

Für die laut CSU-Minister Scheuer „einzigartige Ausbauoffensive“ wollen die Telekom, Vodafone und Telefonica 100 zusätzliche Mobilfunkstationen an Straßen und Schienen errichten und 1000 an bisher unversorgten „weißen Flecken“. 10.000 Stationen sollen an weiteren Standorten entstehen. Schleswig-Holsteins Wirtschaftsstaatssekretär Thilo Rohlfs zeigte sich zufrieden mit der Zusage: „Die heutige Erklärung ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung – sie wird die Mobilfunkversorgung in Deutschland über das bisherige Maß deutlich verbessern“, sagte der FDP-Politiker. Bundesweit können nun in den nächsten dreieinhalb Jahren nach Schätzung von Minister Scheuer fast eine halbe Million Haushalte zusätzlich auf verlässlichen Mobilfunk hoffen. In Schleswig-Holstein sind es rund 35.000.

Unternehmen stelle Forderungen

Allerdings gibt es noch einen kleinen Pferdefuß bei der Zusage der drei großen Netzbetreiber. Das Steigern der Versorgungsquote von 98 auf 99 Prozent sei eine „Riesenherausforderung“, die „Milliarden kosten“ werde, verkündete Telekom-Chef Höttges. Daher sei es wichtig, dass der Investitionsspielraum der Unternehmen nicht beschnitten werde. So forderten die Mobilfunker von der Politik günstige Ausschreibungsmodalitäten bei der bald anstehenden Frequenzvergabe für den neuen, deutlich schnelleren Mobilfunkstandard 5G. Solche positiven Auktionsbedingungen seien zwar keine unabdingbare Voraussetzung für den geplanten Mobilfunkausbau beim 4G-Standard, erklärte Vodafone-Chef Hannes Ametsreiter. Aber sie würden helfen, den Ausbau voranzutreiben.

Dass der Bund den Unternehmen bei der 5G-Frequenzvergabe entgegenkommen will, kündigte Scheuer bereits am Donnerstag an. So habe er mit SPD-Finanzminister Olaf Scholz abgesprochen, dass die Telekom-Firmen die zu entrichtenden Beträge für ersteigerte Frequenzen nicht sofort begleichen müssen, sondern erst später und auch dann nicht alles auf einmal. Den daraus resultierenden finanziellen Vorteil für die Mobilfunker bezifferte Scheuer auf rund eine Milliarde Euro. Um den Anbietern auf der Suche nach weißen Flecken zu helfen, kündigte der Minister außerdem die Einrichtung einer Funkloch-Melde-App bis Ende Oktober an. Dort können Bürger dann schlecht versorgte Standorte melden. Eine Straße in Owschlag wird wohl dabei sein.

Kein O2 auf Föhr

Auch ein aktueller Fall zeigt Probleme: Handynutzer auf Föhr, die auf das Netz des Telefonanbieters O2 angewiesen sind, sind derzeit nicht erreichbar. Denn das ist auf Föhr seit Tagen tot. „Uns hat man gesagt, dass es bis zu einer Reparatur acht Wochen dauern kann“, berichtet Ulrich Rauball vom Wyker „Handyland“. Allerdings, so weiß Henry Martens vom Nieblumer „Compi Service“, haben O2-Kunden nicht überall auf der Insel keinen Empfang. „In Witsum geht es, und in Dunsum an der Bushaltestelle auch“, weiß er. Was die Ursache der Störung ist und bis wann sie behoben sein wird, dazu konnte O2-Betreiber Telefónica Deutschland trotz mehrfacher Nachfragen der Redaktion des Insel-Boten keine Auskunft geben. „Wir kommen schnellstmöglich wieder auf Sie zu“, hieß es Nachmittag lediglich aus der Pressestelle des Konzerns.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen