Skandal um Jugendheime : Friesenhof: Ex-Chefin Barbara Janssen will Schadenersatz vom Land

Die ehemalige Leiterin der Friesenhof-Jugendheime in Dithmarschen, Barbara Janssen.
Foto:
Die ehemalige Leiterin der Friesenhof-Jugendheime in Dithmarschen, Barbara Janssen.

Nach den Vorwürfen gegen das Mädchenheim ist Barbara Janssen pleite und kämpft um Rehabilitation.

Margret Kiosz von
26. Januar 2018, 08:52 Uhr

Vor einem Jahr hat der Friesenhof-Untersuchungsausschuss seinen Abschlussbericht vorgelegt. Doch ein Ende im Streit um das Dithmarscher Mädchenheim, das wegen umstrittener Erziehungsmethoden in die Schlagzeilen geraten und geschlossen worden war, ist nicht in Sicht.

Die Ex-Betreiberin Barbara Janssen fordert Schadenersatz. Sie wirft dem Land vor, ohne ausreichenden Grund die Einrichtung geschlossen und ihr dadurch erheblichen finanziellen Schaden zugefügt zu haben. „Ich lebe heute in Privatinsolvenz und weiß nicht einmal, ob ich meine Medikamente für den nächsten Monat bezahlen kann“, erklärt die sichtlich verbitterte Frau.

Doch nicht nur die Geldnot setzt der 72-Jährigen arg zu, sondern vor allem ihre soziale Demontage. „Ich will wieder aufrecht durchs Dorf gehen können“. Die Anschuldigungen entbehrten jeder Grundlage, behauptet Janssen. „In den 26 Jahren meiner Arbeit in der Jugendhilfe gab es keinen einzigen Augenblick, in dem das Wohl der mir Anvertrauten nicht über allem stand“. Sie werde bis zum letzten Atemzug für ihre Rehabilitation kämpfen.

Zwar wogen die Vorwürfe – unter anderem war die Rede von Strafsport, stundenlangem „Aussitzen“, Fixierungen und Isolierungen – damals schwer. Aber selbst der parlamentarische Untersuchungsausschuss des Kieler Landtages kam nach eineinhalb Jahren und 60 Anhörungen zu dem Schluss, er könne keine generelle Kindeswohlgefährdung in der Einrichtung für verhaltensauffällige Mädchen in den Jahren von 2007 bis 2015 feststellen. Genau damit war aber die Schließung der beiden Friesenhof-Heime begründet worden. Eine zu missbilligende Pädagogik für sich allein stelle noch keine Kindeswohlbeeinträchtigung dar, heißt es in dem 1200-seitigen Abschlussbericht.

Das Friesenhof-Jugendheim in Hedwigenkoog. /Archiv
Foto: Carsten Rehder
Eines der geschlossenen Friesenhof-Jugendheime in Hedwigenkoog. /Archiv
 

Janssen hatte bereits 2015 Klage gegen das Land erhoben mit dem Ziel, die Rechtswidrigkeit der Schließungsverfügung feststellen zu lassen, bestätigt das Kieler Sozialministerium. Die Entscheidung, dem Heim die Betriebsgenehmigung zu entziehen, sei aber richtig gewesen. Das sieht Trutz Graf Kerssenbrock, Anwalt der Klägerin, ganz anders. Er rechnet sich gute Chancen für seine Mandantin aus. Wie das Verwaltungsgericht in Schleswig auf Anfrage mitteilt, soll der Fall in der zweiten Jahreshälfte 2018 verhandelt werden. „Quasi als Vorstufe für einen Schadenersatzprozess, der dann vor einem Zivilgericht geführt wird“, erläutert Kerssenbrock.

Bahnt sich ein neuer Heimskandal an?

Von den 30 Strafverfahren gegen Mitarbeiter des Friesenhofs wurden laut Staatsanwaltschaft Meldorf alle bis auf eines fallen gelassen. Aber das hat es in sich. Es richtet sich gegen einen Ex-Friesenhofmitarbeiter, der damals die Vorwürfe gegen Janssen ins Rollen brachte und der inzwischen eine eigene Jugendhilfeeinrichtung in Dithmarschen betreibt. Er stand kürzlich in Meldorf vor dem Kadi wegen Körperverletzung. Der Schuldspruch ist noch nicht rechtskräftig, da er Berufung einlegte. Der Richter sah es als erwiesen an, dass der Angeklagte ein Mädchen des Friesenhofes eine Metalltreppe heruntergestoßen hat. Zuvor war der Mann schon rechtskräftig wegen Urkundenfälschung verurteilt worden, weil er ein Erzieherzeugnis vorlegte, obwohl er Dachdecker gelernt hat.

Auf Anfrage teilte das Sozialministerium mit, es habe bereits 2015 gegen den Ex-Friesenhofmitarbeiter „mit einer Tätigkeitsuntersagung für pädagogische Tätigkeiten reagiert“. Er sei jetzt Geschäftsführer seiner Einrichtung, die pädagogische Leitung und die Wahrnehmung erzieherischer und betreuender Aufgaben erfolge seither getrennt. „Die Heimaufsicht überprüft auch weiterhin die Einhaltung der Auflagen und die Einrichtung engmaschig“, versichert das Ministerium.

Besonders pikant: Die pädagogische Heimleitung hat der „Nur-Geschäftsführer“ an seine Ehefrau übertragen. Gegen die hat die Meldorfer Oberstaatsanwältin Jonna Ziemer jetzt ebenfalls ein Verfahren wegen Falschaussage eingeleitet. Der Vorwurf: Die Frau habe im Treppensturz-Prozess gegen ihren Ehemann unwahre Angaben gemacht. Der Friesenhof-Skandal ist also in vielerlei Hinsicht noch längst nicht ausgestanden.
 

zur Startseite

Kommentare

Leserkommentare anzeigen