Landgericht Karlsruhe : Freiburger Missbrauchsskandal: Mann aus Ostholstein vor Gericht

Ein Verdächtiger (2.v.l) im Missbrauchsfall in Freiburg wird im September 2017 von Polizisten festgenommen.

Ein Verdächtiger (2.v.l) im Missbrauchsfall in Freiburg wird im September 2017 von Polizisten festgenommen.

Angeklagte, Urteile, Prozesse – ein Überblick über den mutmaßlichen schweren Missbrauch eines Jungen aus Staufen.

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11. Juni 2018, 07:25 Uhr

Ostholstein/Freiburg/Karlsruhe | Das Martyrium des kleinen Jungen (9) aus Staufen bei Freiburg dauerte mehr als zwei Jahre. Gegen Bezahlung bot seine Mutter ihn Pädophilen zum Missbrauch an. Einer der „Interessenten“ kam aus Schleswig-Holstein, am Montag beginnt vor dem Landgericht Karlsruhe der Prozess gegen ihn. Ein Urteil wird für den 29. Juni erwartet.

Die Öffentlichkeit wurde teilweise ausgeschlossen. Das Gericht kam damit einem Antrag der Verteidigung nach. Sie hatte den Ausschluss beantragt, weil der Angeklagte in seiner Aussage persönliche Dinge wie sein Sexualleben erläutern wollte.

Daniel V. wollte der Anklage zufolge den Jungen vergewaltigen und töten. Der 44-Jährige ist ein einschlägig vorbestrafter Elektrotechniker aus Wulfsdorf (Kreis Ostholstein). Die Anklage lautet auf Sich-Bereiterklären zum Mord und Sich-Bereiterklären zum schweren sexuellen Missbrauch von Kindern.

Daniel V. soll im Darknet Kontakt zur Mutter des Jungen und deren Lebensgefährten aufgenommen haben. Zu einem Treffen kam es aber nicht, weil der Freund die Ermordung des Kindes ablehnte. Als das Paar schließlich verhaftet wurde, nahmen Ermittler den Kontakt wieder auf und boten einen Termin an. Daniel V. reiste daraufhin mit einem Rucksack samt Fesselutensilien nach Karlsruhe. Spezialkräfte nahmen ihn dort am 3. Oktober am Bahnhof fest.

Verabredung zum Missbrauch von Söhnen

Der Ostholsteiner gilt als einer der gefährlichsten Kinderschänder Schleswig-Holsteins, seine Vergangenheit lässt einen erschauern. In einem Forum für Pädophile veröffentlichte er im Jahr 2000 das „Drehbuch“ für die Ermordung eines achtjährigen Mädchens. Das Urteil: zwei Jahre Haft und eine Therapie. Im Sommer 2008 lernte V. im Chatforum „Zauberwald“ den Schweizer Informatiker Bernhard B. kennen. Die Männer verabredeten sich zum „Boytausch“, zum wechselseitigen Missbrauch der eigenen Söhne. Der Schweizer wurde kurz vorher verhaftet, und die Kripo beschlagnahmte den Computer von Daniel V. – doch die Festplatte war verschlüsselt, man musste ihn gehen lassen.

Im Sommer 2009 plante Daniel V. mit einen Chatpartner aus den Niederlanden, ein acht Jahre altes Mädchen zu entführen, eine Woche lang in einem abgelegenen Ferienhaus in Mecklenburg-Vorpommern zu quälen und schließlich zu töten. „Willst du den letzten Atemzug eines sterbenden Kindes spüren“, schrieb er und schickte Bilder mit strangulierten Kinderleichen. Diesmal stürmte das SEK seine Wohnung, Daniel V. sollte nicht noch einmal Zeit haben, die Festplatte zu verschlüsseln. Darauf fanden Ermittler über 200.000 Bilder und Videos mit perversen Gewaltdarstellungen.

Ausleben einer Fantasie oder tatsächliche Tatplanung?

Im Prozess attestierte ihm der Gutachter eine „sadistisch-fetischistische Pädophilie“. Das Urteil diesmal: elf Jahre Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung. Doch der Bundesgerichtshof kippte die Entscheidung. Weil nicht klar sei, ob es sich bei dem Live-Chat lediglich um das Ausleben einer Fantasie oder eine tatsächliche Tatplanung gehandelt habe. In einem neuen Prozess wurde Daniel V. zu fünf Jahren und acht Monaten Gefängnis verurteilt, die anschließende Sicherungsverwahrung entfiel.

Der Elektrotechniker saß die Strafe voll ab, machte sich eineinhalb Jahre nach seiner Haftentlassung auf den Weg, um die Gewaltfantasie, die sein Leben bestimmte, endlich umzusetzen.

Für seinen Prozess sind drei Verhandlungstage angesetzt. Zeitgleich mit ihm stehen von Montag an Berrin T. (47), die Mutter des Jungen, und ihr Lebensgefährte, Christian L. (39), in Freiburg vor dem Landgericht. Im Zusammenhang mit dem mutmaßlichen schweren Missbrauch des Jungen waren acht Verdächtige in Untersuchungshaft genommen worden – sechs Deutsche, ein Schweizer und ein Spanier.

Von den acht mutmaßlichen Tätern wurden bereits drei verurteilt: Markus K. (41) aus dem badischen Ortenaukreis, ein Knastkumpel von Christian L., muss zehn Jahre ins Gefängnis. Knut S. (50), ein Stabsfeldwebel der Bundeswehr, für acht Jahre. Der Neumünsteraner Daniel B. (32), der seine Tochter (7) missbrauchte und Bilder mit Christian L. tauschte, muss für sieben Jahre in Haft. Der Prozess gegen Jürgen W. (37), einen gelernten Maurer aus der Schweiz, der den gefesselten Jungen dreimal vergewaltigt haben soll, hat in der vergangenen Woche begonnen.

Die acht Angeklagten

Sieben sind direkt in die mutmaßlich schweren Straftaten gegen den heute Neunjährigen verwickelt. Der achte flog auf, weil Filmaufnahmen vom Missbrauch seiner Tochter bei Ermittlungen der baden-württembergischen Behörden gegen die anderen Verdächtigen auftauchten. Gegen ihn wurde in Kiel verhandelt wegen des Tatorts dieser Filmaufnahmen. Für sechs andere ist die Staatsanwaltschaft Freiburg zuständig, für den aus Ostholstein die Staatsanwaltschaft Karlsruhe.

Zwei Männer sind vom Landgericht Freiburg schon verurteilt, der dritte vom Landgericht Kiel. Gegen einen weiteren hat ein Prozess am 6. Juni in Freiburg begonnen. Noch nicht terminiert ist der Prozess gegen einen 33 Jahre alten Spanier, der nach Angaben eines Gerichtssprechers voraussichtlich Ende Juli in Freiburg beginnen soll.

Junge in staatlicher Obhut

Die Taten haben sich den Angaben zufolge von 2015 bis Herbst 2017 ereignet, geplant habe sie das Paar von Anfang 2014 an. Seit den Festnahmen der mutmaßlichen Täter im Herbst 2017 ist der Junge in staatlicher Obhut. Er wird in dem Prozess nicht aussagen müssen, sagte der Vorsitzende Richter Stefan Bürgelin.  

Eine Chronologie der Prozesse und Urteile im Freiburger Missbrauchsfall:

Datum/Ort Wer und was?
12. April/Landgericht Freiburg Der erste Prozess in dem Fall beginnt. Vor dem Landgericht Freiburg ist ein 41 Jahre alter Deutscher wegen Vergewaltigung des Kindes angeklagt. Der wegen schweren Kindesmissbrauchs schon vorbestrafte Gelegenheitsarbeiter legt ein umfassendes Geständnis ab und gibt unter anderem zu, sein Opfer zweimal vergewaltigt und dabei auch gefilmt zu haben.
19. April/Landgericht Freiburg

Es fällt das erste Urteil. Der 41-Jährige wird zu zehn Jahren Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt.

Außerdem muss er seinem Opfer 12.500 Euro Schmerzensgeld zahlen. „Er war der Schlimmste“, hatte der heute neun Jahre alte Junge über ihn gesagt. Die Verteidigung geht in Revision.

27. April/Landgericht Kiel

Vor dem Landgericht Kiel beginnt der Prozess gegen einen 32 Jahre alten Mann aus Neumünster. Angeklagt ist er wegen schweren sexuellen Missbrauchs seiner Tochter.

Filmaufnahmen davon hatte die Polizei bei den Ermittlungen im Freiburger Raum sichergestellt. Am Missbrauch des Jungen aus Staufen war er nicht beteiligt.

7. Mai/Landgericht Freiburg Es beginnt der nächste Prozess, zum zweiten Mal in Freiburg – diesmal gegen einen 50-jährigen Bundeswehrsoldaten. Er soll den Jungen aus Staufen zweimal vergewaltigt und die Taten gefilmt haben.
16. Mai/Landgericht Freiburg

Das Urteil gegen den Soldaten wird gesprochen. Der 50 Jahre alte Stabsfeldwebel wird unter anderem wegen schweren sexuellen Kindesmissbrauchs und Vergewaltigung zu acht Jahren Haft verurteilt. Auch er muss an das Kind 12.500 Euro Schmerzensgeld zahlen.

Sicherungsverwahrung, wie es die Anklage und auch die Vertreterin des Jungen als Nebenkläger gefordert hatte, bekommt er nicht. Staatsanwaltschaft und Verteidigung gehen in Revision.

5.Juni/Landgericht Kiel

Im Kieler Prozess gegen den 32-Jährigen aus Neumünster fällt das Urteil. Der Mann muss für sieben Jahre und drei Monate ins Gefängnis wegen Vergewaltigung seiner Tochter.

6.Juni/Landgericht Freiburg Der dritte Freiburger Prozess beginnt. Vor Gericht steht ein 37-jähriger Schweizer, angeklagt wegen mehrfacher schwerer Vergewaltigung und schweren Missbrauchs des Jungen.
11. Juni/Landgericht Freiburg

In Freiburg müssen sich die Hauptangeklagten verantworten: die 48 Jahre alte Mutter des Opfers und ihr einschlägig vorbestrafter 39-jähriger Lebensgefährte. Ihnen wird unter anderem „besonders schwere Vergewaltigung, schwerer sexueller Missbrauch von Kindern, besonders schwere Zwangsprostitution und Verbreitung kinderpornographischer Schriften“ vorgeworfen. Die Staatsanwaltschaft hatte vierzehneinhalb Jahre Haft für die Mutter gefordert. Deren Lebensgefährte solle dreizehneinhalb Jahre ins Gefängnis. Zudem solle für den 39-Jährigen anschließende Sicherungsverwahrung verhängt werden. Für die Mutter forderte die Staatsanwaltschaft dies nicht. Die Anwältin des Lebensgefährten sprach sich für neun Jahre Haft mit Sicherungsverwahrung aus. Um die Sicherungsverwahrung habe ihr Mandant ausdrücklich gebeten, sagte sie. Sein Wunsch sei es, therapiert zu werden.

Das Urteil wird dem Gericht zufolge am 7. August (9.30 Uhr) verkündet. Bei Sicherungsverwahrung können die Täter theoretisch unbegrenzt eingesperrt bleiben, wenn von ihnen eine Gefahr für die Allgemeinheit ausgeht.

11. Juni/Landgericht Karlsruhe

In Karlsruhe steht parallel ein 44-Jähriger aus Schleswig-Holstein vor Gericht. Er ist angeklagt wegen „Sichbereiterklärens zum Mord und Sichbereiterklärens zum schweren sexuellen Missbrauch von Kindern“.

29. Juni/Landgericht Karlsruhe

Das Landgericht Karlsruhe verurteilte den 44-jährigen Elektriker aus Schleswig-Holstein zu acht Jahren Haft und anschließender Sicherungsverwahrung. Der Mann hatte den Partner der Mutter über das sogenannte Darknet kennengelernt und gefragt, ob er das Kind missbrauchen und töten könne. Als dies abgelehnt wurde, schlug der Angeklagte vor, ein anderes Kind zu entführen und zu töten.

Eine ernsthafte Absicht, diese Tötungsfantasien auszuführen, konnte das Karlsruher Landgericht dem Schleswig-Holsteiner nicht nachweisen. Es ließ aber keinen Zweifel daran, dass der einschlägig vorbestrafte Mann gefährlich für die Allgemeinheit sei. Es bestehe eine hohe Wahrscheinlichkeit eines erneuten Missbrauchs.

2. Juli/Landgericht Freiburg

Der 37-jährige Angeklagte aus der Schweiz wird zu neun Jahren Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung verurteilt. Das Landgericht Freiburg sprach ihn der schweren mehrfachen Vergewaltigung und des schweren Missbrauchs eines Kindes schuldig. Nach Angaben eines Gerichtssprechers muss er außerdem 14.000 Euro Schmerzensgeld an das Opfer bezahlen.

26.Juli/Landgericht Freiburg

Mehr als 10.000 Euro soll ein Mann für die mehrfache Vergewaltigung eines Jungen in Baden-Württemberg gezahlt haben. Der Spanier ist unter anderem wegen Vergewaltigung und schweren sexuellen Missbrauch eines Kindes in mehreren Fällen angeklagt, sagte ein Gerichtssprecher. Er hat die Taten gegenüber der Polizei den Angaben zufolge gestanden.

Ein Urteil könnte es nach vier Verhandlungstagen Anfang August geben. Es ist laut Justiz der siebte und damit letzte Prozess in dem Missbrauchsfall, in dem es insgesamt acht Verhaftungen und Anklagen gab.

(mit dpa)

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