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Feinstaubbelastung : Forscher streut Zweifel an der guten Seeluft in SH

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Berechnet wurde, wie sich Schiffs-Schadstoffe verteilen – die Feinstaub-Belastung ist bis weit ins Landesinnere messbar.

shz.de von
erstellt am 02.Mai.2017 | 20:02 Uhr

Geesthacht | Die gute Seeluft ist ein Pfund, mit dem Schleswig-Holsteins Urlaubsorte gerne werben, an Nord- und Ostsee gleichermaßen. Doch tatsächlich mischen sich in die frische Brise immer mehr gesundheitsschädliche Abgase – aus den Schornsteinen der Schiffe.

Dr. Volker Matthias (50) vom Helmholtz-Zentrum Geesthacht (Kreis Herzogtum Lauenburg) erforscht die Luftbelastung durch Stickoxide und den Feinstaub aus Schiffsmotoren. Die Ergebnisse sind ernüchternd. Der Diplom-Physiker sagt: „An der Küste ist die Luft nicht so gesund, wie wir glauben.“ Der Wissenschaftler fütterte ein Computermodell mit aktuellen Schiffsbewegungen und meteorologischen Daten. Es berechnete, wie sich die gesundheitsschädlichen Emissionen verteilen dürften. Überprüft wurde die Simulation mit Werten, die ein europaweites Messnetz zu Luftschadstoffen liefert. „Der Abgleich zeigte, das Modell funktioniert“, sagt Matthias. „Wir können sehr gut bestimmen, wie die Abgase der Schiffe verdriften.“

Ein Ergebnis ist, dass an den Küsten bis zu 30 Prozent der Stickstoffdioxide von Schiffsdieseln stammen, bei den Feinstäuben sind es bis zu 20 Prozent. Mit seinem Modell hat der Wissenschaftler außerdem einen Blick in die Zukunft geworfen und simuliert, wie sich die Werte bis zum Jahr 2030 entwickeln, wenn das Wachstum im Seeverkehr weiter anhält: Dann steigt der Anteil der Schifffahrt an der Belastung durch Stickstoffdioxid alleine im Nordseeraum um 25 Prozent.

In Deutschland liegt der Jahresgrenzwert für Stickoxide bei 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. In Brunsbüttel (Kreis Dithmarschen) wird derzeit ein Jahresmittel von 25 Mikrogramm erreicht. „Das ist zwar deutlich weniger als an kritischen Punkten der Hamburger Innenstadt“, erklärt Matthias. „Es ist aber eben auch keine saubere Luft.“

In der Nordsee werden bis zu 90 Prozent der Schiffsabgase innerhalb von nur 90 Kilometern Entfernung zur Küste ausgestoßen, was es für Mensch und Natur besonders gefährlich macht. Wissenschaftler des dänischen „Center for Energy, Environment and Health“ gehen davon aus, dass in Europa rund 50.000 verfrühte Todesfälle auf Emissionen durch Schiffe zurückzuführen sind. Die Stickoxide erhöhen das Risiko von Herz-Kreislauferkrankungen, Feinstaub und Ruß gelten laut Weltgesundheitsorganisation als krebserregend. Selbst moderne Schiffsdiesel verringerten die Gesundheitsgefahr nicht, heißt es in einer Studie der Universität Rostock. Auch ihre Feinstäube reagierten stark mit Lungenzellen.

Was die Feinstäube angeht, hat auch Dr. Volker Matthias keine guten Nachrichten. „Während Stickstoffdioxid relativ kurzlebig ist und die Belastung im Landesinneren abnimmt, findet sich Feinstaub viele Hundert Kilometer weit landeinwärts.“ Ein große Rolle dabei spiele, dass Feinstaub nicht nur direkt aus den Schornsteinen geblasen werde, sondern vielfach erst über dem Festland entstehe – nämlich dann, wenn sich gasförmige Abgasmoleküle durch Reaktion mit anderen Luftschadstoffen in Partikel umwandelten. Die Partner dafür können aus der Landwirtschaft stammen (Ammoniak), der Industrie oder dem Straßenverkehr. Mit anderen Worten: Auch weit weg von den rußenden Schloten der Schiffe belasten ihre Abgase die Luft. Matthias: „Der Norden leidet auch unter den Schiffsemissionen aus dem Ärmelkanal. Und Mitteldeutschland unter den Abgasen der Nordseeküste.“

Was muss getan werden? Für den Forscher vom Helmholtz-Zentrum Geesthacht ist das keine Frage: „Die Politik muss regulieren.“ Als Beispiel für die Wirksamkeit von gesetzlichen Vorgaben nennt Matthias die Einrichtung der Emissionskontrollzonen für den Ausstoß von Schwefel, zu denen auch Nord- und Ostsee gehören. Seit dem 1. Januar 2015 müssen kommerzielle Schiffe ihre Abgase entweder reinigen oder nur noch mit Treibstoff fahren, der maximal 0,1 Prozent Schwefel enthält. „Da sind bereits deutliche Rückgänge messbar.“

Der nächste Meilenstein ist allerdings erst wieder für das Jahr 2021 geplant. Von da an müssen alle Schiffsneubauten, die in den Kontrollzonen fahren, mit Katalysatoren ausgerüstet werden. Sie sollen den Ausstoß von Stickstoffdioxid um 75 Prozent verringern. Matthias: „Gerechnet mit unserem Modell könnte sich schon bis zum Jahr 2030 die Belastung so reduzieren, dass das Niveau von 2011 erreicht würde.“

Vorschriften zum Einbau von separaten Rußpartikelfiltern, die auch Feinstäube einfangen, sind noch nicht geplant. Und es gibt derzeit nur weniger Reedereien, die neue Wege wagen. So wie Cassen Eils, die mit der „MS Helgoland“ eine Fähre mit schadstoffarmen Flüssiggas-Antrieb in See stechen ließen. Die Reederei, die zur Aktien-Gesellschaft „Ems“ gehört, investierte über 30 Millionen Euro, fast ein Drittel mehr als das Schiff mit herkömmlichem Antrieb gekostet hätte. „Ems“-Vorstand Bernhard Brons erklärte bei der Taufe: „Durch die Flüssiggas-Technologie werden 90 bis 95 Prozent weniger Schwefel und Stickoxide ausgestoßen. Und Feinstaub fällt völlig weg.“ Ob der ökologische Fußabdruck für andere Reedereien Anlass genug ist, tiefer in die Tasche zu greifen, dürfte allerdings fraglich sein.

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