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Vor allem Fussball beliebt : Flüchtlinge in SH finden in Vereinen sportliche Heimat

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Immer mehr Asylsuchende im Land nutzen die Angebote des organisierten Sports. Verbände loben die Willkommenskultur an der Basis.

Jörg Michels ist ein aufgeschlossener Mann, Berührungsängste sind dem Trainer des Fußball-Kreisklassen-Teams SV Friedrichsort III fremd. Als vor ein paar Monaten regelmäßig rund 30 Flüchtlinge aus einer nahegelegenen Unterkunft auf der Anlage des Kieler Traditionsclubs auftauchten, um Fußball zu spielen, „haben wir die Jungs erstmal machen lassen, weil sie sich bei uns auf dem Sportplatz sehr wohl gefühlt haben“, sagt Michels. Wenig später sprach er die Neuankömmlinge an, ein Trainingsspiel gegen sein Kreisklassen-Team wurde vereinbart. „Die haben uns ordentlich weggeputzt“, erinnert sich Michels lachend, „danach habe ich gefragt, ob der eine oder andere Lust hat, in meiner Mannschaft mitzuspielen.“

Einige hatten Lust: Vier bis fünf Flüchtlinge aus Albanien, Syrien und Afghanistan gehören inzwischen regelmäßig zum Spieltagskader, vier weitere Hobbykicker warten noch auf ihre Spielgenehmigung. In der gesamten Fußballsparte der SV Friedrichsort haben laut Michels „mehr als 20 Flüchtlinge“ eine neue sportliche Heimat gefunden.

Ein Beispiel für gelungene Integration, das landesweit offenbar kein Einzelfall ist. Dass Flüchtlinge in einem der rund 2600 schleswig-holsteinischen Vereine Tischtennis, Volleyball oder Judo betreiben, „ist inzwischen gang und gäbe“, bestätigt Thomas Niggemann, der für Integration zuständige Geschäftsführer des Landessportverbands (LSV). Besonders groß ist der Zustrom naturgemäß im Fußball: Der Schleswig-Holsteinische Fußballverband (SHFV) spricht von einem „rapiden Anstieg“, allein im vergangenen Monat wurden knapp 150 Spielgenehmigungen für Flüchtlinge beantragt.

Die Verbände versuchen unterdessen, die Basis zu entlasten und zu unterstützen. So hat der LSV ein Sofortprogramm ins Leben gerufen und übernimmt unter anderem den Versicherungsschutz für alle Asylsuchenden, die sich einem Sportverein anschließen. Der SHFV greift insgesamt 21 Clubs im nördlichsten Bundesland mit 500 Euro jährlich unter die Arme – von dem Geld wird beispielsweise Fußballkleidung für Flüchtlinge bezahlt.

Daran, dass der Großteil der Arbeit vor Ort an der Basis geleistet wird, lassen LSV und SHFV aber keinen Zweifel. „Die Hilfsbereitschaft in unseren Vereinen ist riesig. Viele verzichten auf Mitgliedsbeiträge, es werden Willkommensfeste abgehalten oder Spendensammlungen organisiert“, weiß LSV-Geschäftsführer Niggemann. Dr. Tim Cassel, stellvertretender Geschäftsführer des SHFV, berichtet: „Was in den Vereinen ehrenamtlich für die Flüchtlinge geleistet wird, ist zutiefst beeindruckend. Und ich denke auch, dass es dem Fußball sehr gut zu Gesicht steht, in dieser wichtigen Sache Engagement zu zeigen.“

Dass die hohe Zahl der Flüchtlinge – Schleswig-Holstein rechnet allein im Jahr 2015 mit bis zu 25.000 Neuankömmlingen – den organisierten Sport auch vor Probleme stellt, wollen indes beide Spitzenfunktionäre nicht verhehlen. „Wenn drei, vier Neue in einen klassischen Dorfverein kommen, ist das machbar. Wenn aber 50 oder 60 Menschen plötzlich auf dem Trainingsplatz stehen, kann das – bei aller Bereitschaft, zu helfen – zu logistischen Problemen führen“, sagt Niggemann. Im Fußball kommt erschwerend hinzu, dass die Erteilung einer Spielgenehmigung mit oftmals zeit- und nervenraubender Bürokratie verbunden ist. „Es gibt Verbesserungsmöglichkeiten. Wir arbeiten daran und versuchen, diesen Vorgang zu vereinfachen und zu beschleunigen“, verspricht Cassel, der aber auch betont: „Grundsätzlich gibt es kein Hindernis für Flüchtlinge, die bei uns in einem Verein Fußball spielen wollen.“

Wie das Beispiel der SV Friedrichsort eindrucksvoll beweist. Die Trainingskleidung für die neuen Kreisklassen-Kicker haben Trainer Jörg Michels und Co. vereinsintern gesammelt, die Fußballschuhe für die Flüchtlinge spendete ein Kieler Sportartikelgeschäft. Die Sprachbarriere wird umgangen, indem der einzige Neuankömmling, der englisch spricht, die Anweisungen des Trainers für die anderen übersetzt. „Integration durch Sport wurde bei uns im Verein schon immer groß geschrieben. Wir wollen einfach helfen“, sagt Michels. Dann fügt er noch zufrieden hinzu: „Ich denke, die Jungs haben sich gut bei uns eingefunden.“

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