zur Navigation springen

DRK-Suchdienst : Flüchtling aus dem Irak: „Wenn sie uns kriegen, köpfen sie uns“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Wie ein Iraker auf der Flucht seine schwangere Frau verlor, und sie dank des Suchdienstes des Deutschen Roten Kreuzes wiederfand.

Er wollte nur die Koffer holen. Ein paar hundert Meter geht Mohammad Abdullah von dem Boot weg, das in der westtürkischen Stadt Canakkale liegt – als Polizisten den Kai stürmen, ihn und weitere Männer festnehmen. „Ich konnte nicht mehr zu meiner Frau – und dann war sie weg“, sagt der 32-Jährige. Seine Frau, die im dritten Monat schwanger ist, und mit der er aus dem Irak geflohen ist, verschwindet mit dem Boot Richtung Griechenland. „Ich habe nichts mehr von ihr gehört, und weil es damals so viele Meldungen von Ertrunkenen gab, dachte ich, sie wäre tot.“

Über ein Jahr ist das jetzt her. Mohammad Abdullah, der eigentlich ganz anders heißt, sitzt in der Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Boostedt bei Neumünster und erzählt seine Geschichte. Eine Geschichte, die ein wenig nach Romeo und Julia klingt – und die für die ihn und seine Frau immer noch tödlich enden kann, weshalb sie nicht ihre richtigen Namen und schon gar kein Bild von sich in der Presse sehen wollen.

Es ist das Jahr 2013, in dem ihre Liebesgeschichte beginnt. Mohammad betreibt einen Obststand auf einem Markt in einer Stadt im Nordirak. Eine junge Frau kommt zu ihm, kauft einige Früchte. „Von da an kam sie jeden Tag“, sagt Mohammad und grinst verlegen. Es ist Liebe auf den ersten Blick, die beiden wollen für immer zusammenbleiben.

Mohammad hält bei ihrem Vater um die Hand der jungen Frau an – und blitzt ab. „Er dachte, ich sei kein Kurde wie er, er hat gesagt, dass ich aus einer schlechteren sozialen Schicht komme und nicht so viel Geld habe wie er.“ Doch dem jungen Paar ist das egal, sie heiraten heimlich und verschwinden. „Wir haben an verschiedenen Orten im Irak gelebt“, sagt Mohammad – immer in der Angst, die Familie seiner Frau könnte sie finden. „Denn was wir gemacht haben, war in ihren Augen eine Verletzung der Ehre – und die ist erst bereinigt, wenn wir beide tot sind.“

Vor einem guten Jahr erfahren die beiden durch Zufall, dass die Familie ihren Wohnort ausfindig gemacht hat – und beschließen nach Deutschland zu fliehen. „Wir haben gehofft, dass wir da in Sicherheit sind.“ Mohammads Frau ist da schon schwanger.

Ihnen gelingt die Flucht in die Türkei, sie bezahlen einen Schlepper, der sie über Griechenland nach Deutschland bringen soll. Doch nur seine Frau wird es schaffen, allerdings weiß Mohammad davon an diesem 25. Januar 2016 noch nichts als er das Boot aus dem Hafen verschwinden sieht. Er wird über ein Jahr lang nichts von ihr hören.

Die beiden haben schlicht keinen Plan, was passieren soll, wenn sie sich trennen müssen. Sie hat weder ein Handy noch seine Telefonnummer. Sie will sich auch nicht bei Verwandten melden, aus Angst, von denen gefunden zu werden. „Der Bruder meiner Frau hatte da schon ein Kopfgeld auf uns ausgesetzt“, sagt Mohammad. Und seine Frau verliert immer mehr den Glauben daran, dass Mohammad die Flucht lebend überstanden hat.

Dabei sucht er überall nach ihr. Nachdem ihn die türkische Polizei nach Tagen aus dem Gefängnis entlässt, versucht er den Schlepper zu erreichen – ohne Erfolg. Er fährt sogar in den Irak zurück, weil er hofft, dass dort jemand von seiner Frau gehört hat. Fehlanzeige. „Als es dort zu gefährlich wurde, bin ich nach Italien geflüchtet.“ Mohammad ist verzweifelt. Wenn er von diesen Tagen erzählt, ist er den Tränen nahe.

Es ist aber ein Tag im Januar als er gleich Dutzende davon vergießt. Seine Frau hat mit dem Mute der Verzweiflung über Facebook seine Tante angeschrieben, die ihrem Neffen dann mitteilen kann, dass seine Frau irgendwo in Dortmund lebt – und dass er mittlerweile Vater geworden ist. Doch niemand kann ihm sagen, wo seine Frau genau wohnt. Mohammad ist das egal, er fährt ins Ruhrgebiet und sucht sie auf eigene Faust – ohne Erfolg. Er meldet sich bei der Polizei, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge schickt ihn in die Erstaufnahme nach Boostedt. Jeden Mittwoch und Freitag geht er dort zum Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes und fragt, ob die seine Frau gefunden haben. Und sechs Wochen später klingelt tatsächlich sein Handy. „Hallo“, sagt seine Frau. „Mehr habe ich gar nicht mehr verstanden, so sehr habe ich geweint“, sagt Mohammad.

Seit über 70 Jahren: Suche nach Vermissten

Der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) wurde im April 1945 in Flensburg gegründet. 2,5 Millionen Fälle von Kriegsvermissten hat der Suchdienst, der in Deutschland der älteste und größte ist, seitdem aufgenommen. Fast die Hälfte der Fälle konnte geklärt werden. Bei 1,3 Millionen Fällen herrscht weiter Ungewissheit über das konkrete Schicksal der Betroffenen. Stellt jemand in einer der drei Beratungsstellen des DRK-Suchdienstes in Schleswig-Holstein einen Antrag, wird er an die Zentrale nach München weitergeleitet. „Dort suchen die Mitarbeiter mit allen Möglichkeiten nach den Vermissten – in den vielen Akten, online oder auch persönlich“, sagt der Leiter des DRK-Suchdienstes in Schleswig-Holstein, Paul Herholz.

Einige Wochen später darf er mit Erlaubnis der Behörden seine Frau besuchen und sieht seinen Sohn zum ersten Mal. „Meine Frau hat ihn Duarosch genannt. Das bedeutet Hoffnung, weil sie ihm Hoffnung auf ein besseres Leben geben wollte.“ Stolz zeigt Mohammad die Bilder einer glücklichen Familie auf dem Handy. Er ist dankbar und froh, in Deutschland sein zu können – auch wenn die Angst vor der Verfolgung bleibt. „Wir müssen immer noch mit einem Ehrenmord rechnen. Wenn sie uns kriegen, köpfen sie uns“, sagt er. Und ergänzt dann: „Es war nicht einfach, meine Frau zu bekommen – nun ist es gefährlich, mit ihr zusammen zu sein. Aber das ist dann eben so.“

Mohammad hofft, dass sie bald zusammen in Dortmund sein können, wo seine Frau und sein Sohn in einer kleinen Wohnung leben. Am 13. April hat er den nächsten Termin beim Bundesamt – und hofft, danach seine Koffer packen zu können. Für die letzte Station einer Reise in ein sichereres Leben.

zur Startseite

von
erstellt am 03.Apr.2017 | 19:12 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert