Neues Leben in Lübeck : Flucht ins ungelobte Land

In Lübeck verbinden die Fotos Abdulla und Keyria Mehmud mit dem Leben im Irak. Foto: lub
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In Lübeck verbinden die Fotos Abdulla und Keyria Mehmud mit dem Leben im Irak. Foto: lub

1988 endet das alte Leben von Abdulla und Keyria Mehmud. Saddam Hussein lässt Giftgas gegen Kurden einsetzen. Der Familie gelingt die Flucht nach Lübeck - wo sie nie hinwollten.

shz.de von
10. April 2012, 04:17 Uhr

Lübeck | Es ist keine zweite Chance, es ist die einzige Chance, die Abdulla Mehmud sieht und beim Schopf packt, als er 1990 illegal nach Deutschland kommt. Er ist Kurde, stammt aus Irak und hat dort den Irrsinn des Terrorregimes Saddam Husseins erlebt: Bomben auf den kurdischen Norden des Landes, schließlich der Giftgasangriff, bei dem 5000 Menschen qualvoll sterben, 10.000 verletzt werden, und der 70.000 Menschen zu Flüchtlingen macht. Auch der Partisan Abdulla Mehmud, seine Frau und die drei Kinder fliehen - erst über die Berge in ein türkisches Flüchtlingslager, dann, nach zwei Jahren, aus dem Lagerelend.
Lübeck ist für die Familie zum Zuhause geworden. Abdulla Mehmud arbeitet in der Migrationsberatung der Gemeindediakonie; für sein Engagement im Flüchtlingsforum ehrte ihn der Flüchtlingsrat mit dem "Leuchtturm des Nordens 2006".
Gewalt war Alltag
Die Albträume plagen ihn bis heute: Manchmal steht er an einem Kontrollpunkt und hat den Ausweis nicht dabei; oder die Familie ist plötzlich verschwunden; oder Bomben fallen. Abdulla Mehmud ist Kurde aus Irak. Und Gewalt war für ihn Alltag. "Dies ist mein Leben." Er schlägt ein grünes Fotoalbum auf und plötzlich sind Krieg, Folter und Elend ganz nah. Bewaffnete Partisanen sind zu sehen, Kinder an Stacheldrahtzäunen, eine blutig geprügelte Hand, ein Flüchtlingslager, auf dessen Zelte einmal die Sonne brennt und das ein anderes Mal eisig verschneit ist. Die Bilder wollen nicht zu dem Tee, der so wunderbar nach Zimt und Kardamom schmeckt, zu dem gemütlichen Wohnzimmer passen. Es sind Bilder aus einer unfassbaren Welt.
"16. März 1988" - das Datum hat sich bei Abdulla und Keyria eingebrannt. Es ist der Tag, an dem der irakische Gewaltherrscher Saddam Hussein nicht mehr nur Bomben gegen die Kurden im Norden einsetzt. Es ist der Tag des Giftgasangriffs. Abdulla ist im Widerstand. Im August flieht die Familie über die Berge Richtung Türkei. Getrennt. Keyria hat die drei Kinder bei sich. Abdulla leitet eine Gruppe von 23 Menschen, unter ihnen ein kleines, ununterbrochen schreiendes Kind. Da hört Abdulla im Radio, dass eine Amnestie ausgerufen ist. Die Gruppe trennt sich; zwölf Leute kehren um. Aber Abdulla hat kein Vertrauen in Saddams Versprechen. Er führt die anderen. Fünf Tage lang haben sie kein Wasser.
Überleben im Flüchtlingslager
Abdulla schafft es auf die türkische Seite, findet Frau und Kinder wieder. Doch das Lager, das sich bald zur Elendsstadt für 16.000 Flüchtlinge ausgewachsen hat, bietet kaum Sicherheit. Der Arm des irakischen Diktators ist lang, Abdulla weiß das nicht erst, seit ein Freund in Schweden vom irakischen Geheimdienst zerstückelt wurde. Seine Angst ebbt erst 2003 nach dem Tod des Diktators ab; jahrelang schläft er in Kleidern. Als im Lager einmal das Brot vergiftet wird, kehren 3000 Flüchtlinge zurück nach Irak.
Mit vier anderen Kurden arbeitet Abdulla in einem demokratisch organisierten Komitee, dass sich um alles kümmert, was in einer kleinen Stadt gebraucht wird. Aber hier, das wird Abdulla bald klar, haben seine Kinder keine Zukunft. Weil er Kurde ist, war ihm der Weg auf die Kunstakademie versperrt. Er wurde Industriekaufmann, aber es war das Theater, das ihn bewegt und zum Schreiben und Spielen angespornt hat. Für seine Kinder will er Bildung. Und Freiheit.
Über Istanbul und Griechenland
Wieder fliehen er und seine Familie. Keyria ist hochschwanger. Es geht nach Istanbul und von dort nach Griechenland. Dann macht Abdulla sich allein auf den Weg. Eigentlich will er nach Schweden, doch er wird festgenommen und landet in dänischer Einzelhaft. Von dort kommt er ausgerechnet in das Land, dessen jüngere Geschichte er aus Büchern kennt und in das er deshalb nicht will: Deutschland.
Es ist der 16. August 1990, auch dieses Datum hat sich ihm eingebrannt. "Das war der Neubeginn." Denn er kommt in eine Unterkunft nach Itzehoe und ist sich bewusst: "Ich bin frei." Was seine Interessen sind, fragt ihn ein Betreuer. "Kultur", antwortet Abdulla. Dann sei Lübeck die richtige Stadt. Fünf Wochen später kommen Frau und Kinder nach. Drei weitere Kinder werden an der Trave geboren, das siebente, ein verwaister Neffe, wird adoptiert. Den Zugang zur Bildung haben alle genutzt. Seine Söhne, dass erzählt Abdulla stolz, haben alle Zivildienst in sozialen Einrichtungen geleistet, einer, Karzan, ist wie der Vater im Theater verwurzelt.
Der Kampf um Freiheit geht weiter
Für Abdulla Mehmud hat das Ringen um Menschlichkeit und Freiheit nie aufgehört. 1991 besetzt er mit anderen Kurden fünf Stunden lang die irakische Botschaft in Bonn. Es ist der dritte Jahrestag des Giftgasangriffs. In der Botschaft finden die Besetzer illegale Waffen; die übergeben sie den deutschen Behörden und gehen straffrei aus.
2005 reist er zum ersten Mal seit seiner Flucht wieder in den Irak. Er fällt auf die Knie und küsst den Boden. Aber die Begegnung ist schockierend: "Wir haben immer auf Demokratie und Menschenrechte gehofft, aber wir sind noch weit davon entfernt." Die Kinder begleiten ihn. "Die sollten eine Entscheidung für sich treffen." Die Entscheidung steht nach wenigen Tagen: "Papa, wir wollen nach Hause." Auch Abdulla und Keyria Mehmud haben keinen Zweifel an ihrem Zuhause. "Das ist in Deutschland", sagt Mehmud. "Meine Stadt ist Lübeck. Ich lebe seit 22 Jahren hier, solange wie nie zuvor an einem Ort."

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