Flensburger erobert die Hauptstadt

Spielfreudig: Ole Lagerpusch hat Schauspiel in Berlin studiert und ist dort in seiner zweiten Spielzeit am Deutschen Theater engagiert. Foto: walther
Spielfreudig: Ole Lagerpusch hat Schauspiel in Berlin studiert und ist dort in seiner zweiten Spielzeit am Deutschen Theater engagiert. Foto: walther

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11. November 2010, 05:56 Uhr

Berlin/Flensburg | Die frühen Morgen, späten Nächte, Kaffeeinfusionen sieht man Ole Lagerpusch nicht an. Er ist auch jung, im März vor 28 Jahren in Flensburg geboren, und das ereignisreiche Theaterleben in der Hauptstadt scheint ihm gut zu bekommen.

Noch zählt er zu den Jüngsten im Ensemble des Deutschen Theaters in Berlin. Dennoch stellt er den alten Feenkönig Oberon in Shakespeares "Sommernachtstraum" dar und ragt heraus. Sehnig, athletisch, akrobatisch und irre agiert er, auch versöhnlich. In der modernen, klugen Inszenierung sind die Alten frisch und die Jungen alt. Ole Lagerpusch ist wandelbar und ergo viel beschäftigt. Am Deutschen Theater übernimmt er in "Prinz Friedrich von Homburg" die Titelrolle, ist Jago in "Othello", mimt in "Kabale und Liebe" und agiert allein in "Hikikomori". Das Stück hat er bereits während der drei Jahre am Hamburger Thalia-Theater aufgeführt, als er zwischen 24 und 27 war.

Ole Lagerpusch sei stets bereit gewesen, "sich auf Neues einzulassen", sagt Jürgen Bethge, Mentor und Freund des Flensburgers, und erinnert sich an eine Szene, in der Ole "über Geländer auf Leute los" stürmte. Kennengelernt haben sich beide, als Bethge für "Mord im Eckener-Haus" Darsteller suchte. In "Tie-Break für Crazy Horse", das ebenfalls im Geburtshaus des Flugpioniers aufgeführt wurde, ließ Lagerpusch es solo krachen. Bethge erinnert sich amüsiert an die Verabredung mit Ole damals, das, was vom Erlös übrig bleibt, für ein Essen auszugeben, und dachte wohl eher an Currywurst. Doch der Erfolg habe hunderte Euros angespült, welche die beiden tatsächlich in ein "Mehr-Gänge-Menü" im dänischen Gourmet-Restaurant investierten.

Das war 2002. Da blickte Lagerpusch schon auf jahrelange Bühnen-Erfahrung im Kindermusical der Niederdeutschen Bühne zurück. Das Plattdeutsche hat er im Blut, häufig bei seiner Großmutter in Angeln gehört, die mit jedem Kakao dem Kind gewiss auch Mundart einschenkte. Die Jahre an der NDB betrachtet er als "Bombenschule" und Kinder "als ehrlichstes Publikum", die gnadenlos unruhig werden, wenn es nichts zu lachen gibt oder die Spannung nachlässt.

In "Mord im Eckener-Haus" hat er "mal etwas anderes gespielt", nämlich einen Skinhead. Er habe sich den Schädel rasiert, sei anderthalb Jahre mit kahlem Kopf herumgelaufen und habe eine andere Sicht auf die Welt gewonnen, erinnert sich der Absolvent der Waldorfschule. Als Zivi in der der Diako habe er viel gedurft und entsprechend viel gelernt. Ebenso bei seinem Mentoren, Regisseur, Schauspieler Jürgen Bethge. Als "Erweckungserlebnis" bezeichnet er den Prozess der Zusammenarbeit.

Schauspieler blieb ein Lebensentwurf, dessen Für und Wider er mit einem Freund abwägte. Aus dem Elternhaus kam Rückenwind für jedweden Plan, vom Freund ebenfalls. "Dann hast Dus wenigstens probiert", sagte der. Beide stimmten überein, dass der Weg, wenn ans Theater, unbedingt über eine Ausbildung an einer Hochschule führen sollte. Lagerpusch selbst hegte Bedenken. "Ich habe mich lange nicht getraut zu sagen, dass ich das möchte", gibt er zu.

Keine Angst, ihm zuzuraten, befiel Bethge, der Ole als "Vollblutschauspieler" mit "unheimlich schnellem Auffassungsvermögen" adelt: "Ich habe bisher mit keinem besseren Schauspieler zusammen gearbeitet", lobt er. "Wenn man ihm sagt, mach das so und so, macht er das so und so."

Tatsächlich misslang die Aufnahme an der Folkwang-Schule Essen nur knapp; an der Universität der Künste war er "sofort raus", berichtet Lagerpusch und, dass es an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" in Berlin wiederum sofort klappte.

"Theater ist eine kleine Welt für sich", sagt der 28-jährige Flensburger nun in seiner fünften Spielzeit in diesem Universum. Nicht nur in den ersten Stunden nach einer Vorstellung stehe er "unter Strom". Proben beginnen morgens um zehn, am Abend lauert die nächste Probe oder Premiere. Insbesondere nach dem Ein-Personen-Stück sei an Schlaf nicht zu denken. Und irgendwo muss sich noch das Textelernen einfügen: "Nachmittags oder nachts", sagt er, nie mehr als zwei Stunden.

Doch, wie es scheint, genießt Ole Lagerpusch das Ausloten seiner Grenzen, fragt sich: "Was hält der Körper so aus, was verträgt der Geist?" Sechs Wochen am Stück und im Sommer hat auch er frei. Dann könne er stundenlang Kaffee trinken und Zeitung lesen, ohne sich zu langweilen. Wenn er denn auf Reisen geht, ist regelmäßig Flensburg, seine Heimat, sein Ziel. Umgekehrt besucht die Heimat ihn: Seine Eltern und Jürgen Bethge sehen beinahe jedes Stück mit Lagerpusch-Faktor im Deutschen Theater. Bethge sagt, seit zwei Jahren bleibe er ganz gelassen dabei. Seinen Anteil am Erfolg des talentierten Flensburgers spielt er herunter: "Er wäre auch ohne mich Schauspieler geworden." Und während er auf der Bühne unverändert zu überraschen vermag, lobt Bethge: "Das Tolle ist, dass er so geblieben ist, wie er war."

Profi ist er. Lagerpusch weiß, wenn er nicht gut war und hält in seinem "öffentlichen Beruf" Kritik aus - nur verletzende versteht er nicht. Schlechte Laune leistet er sich nicht, denn ihm "gucken 700 Leute dabei zu", sagt er gut gelaunt. Sein Appell an sich selbst, "wach zu bleiben", passt in jede Lebenslage. Und zweifellos wird ihm das gelingen - mit noch einem Kaffee und dank der ihm eigenen Experimentierfreude.www.deutschestheater.de

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