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Norderstedt : Finger abgesägt: Angeklagter bestreitet Versicherungsbetrug

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War es ein schrecklicher Unfall oder pure Absicht? Fest steht, ein Mann hat zwei Finger verloren. Er behauptet, durch einen Unfall. Ein skurriler Fall aus Norderstedt.

shz.de von
erstellt am 16.Okt.2014 | 11:14 Uhr

Norderstedt | Er wollte nur ein Schild und Vogelhäuschen bauen – am Ende verlor der Versicherungsfachmann Ralf Werner D. Daumen und Zeigefinger der linken Hand. „Ich habe mir was zu trinken geholt, als ich aus den Augenwinkeln gesehen habe, wie unser Hund an die Säge ging“, erinnert sich der Henstedt-Ulzburger an den Nachmittag des 11. Februars 2010.

Als er ihn von dem Gerät wegziehen wollte, stolperte der 50-Jährige über den anderen Hund und rutschte an der Säge ab. „Danach fehlt mir die Erinnerung. Ich weiß erst wieder, wie ich mir in der Küche ein Handtuch um die Hand gewickelt habe.“ Die Unfallversicherungen des Angeklagten, glaubten ihm nicht und weigerte sich die Versicherungssumme von rund 1,4 Million zu zahlen. Gestern beschäftigte dieser mutmaßliche Betrugsversuch das Amtsgericht Norderstedt.

Nach dem Unfall habe sich D. die Hand verbunden, die abgeschnittenen Finger in ein Handtuch gewickelt und sei selbst mit dem Auto in die naheliegende Klinik gefahren. „Im Krankenhaus waren die Finger dann nicht mehr da“, erzählt er und streicht sich mit den inzwischen sauber verheilten Fingerstümpfen durch das kurze silbergraue Haar. Auch die anschließende Suche nach ihnen blieb erfolglos. Erst eine Woche später fand seine Ehefrau den abgetrennten Daumen und Zeigefinger beim Schneeschippen am Rande der Auffahrt des Doppelhauses. „Das sah ziemlich eklig aus. Ich musste mich übergeben“, berichtete die 46-Jährige unter Tränen von ihrem grausigen Fund.

Mehrere Gutachten, die in den letzten viereinhalb Jahren seit dem Unfall angefertigt wurden, kamen zu keinem einheitlichen Ergebnis, ob es ein Unfall war oder sich der Angeklagte die Verletzungen selbst zugefügt hat. „Es gibt durchaus Anzeichen für eine Selbstverletzung. Allerdings ist es auch nicht auszuschließen, dass es ein Unfall war“, so Hans-Jürgen Kaatsch.

Der Rechtsmediziner stellte den Unfall in seinem Institut mit Leichenhänden nach und untersuchte die abgeschnittenen Finger. Dabei wurden von den Medizinern an den Gliedern noch weitere Verletzungen gefunden. „Solche Zauder-Verletzungen, also Probe-Schnitte, aus Angst, wie sich das anfühlt, können als Kriterium für eine Selbstverletzung dienen“, erklärt der Mediziner.

Die Verteidigung kritisierte die mangelnde Anzahl von Versuchen. „Würde ihnen das für eine Verurteilung reichen?“, so Jürgen Meyer, der D. im Prozess vertritt. Das Gericht wird nun zu befinden haben, ob noch ein weiterer Sachverständiger gehört wird. Dieser hatte noch einen weiteren Versuch durchgeführt, der zu einem vollkommen anderen Ergebnis kam. Die so gedeuteten Zauder-Verletzungen hätten auch durch das wegschleudern des Fingers entstehen können.

Parallel zu dem Strafverfahren läuft derzeit noch ein Zivilprozess, indem um die Versicherungssumme gestritten wird. Der Angeklagte hatte vier Unfallversicherungen abgeschlossen. „Wie steht denn ihr Unfallrisiko als Versicherungsfachmann im Verhältnis zu dieser hohen Versicherungssumme?“, wollte Richterin Wiebke Dettmers denn auch wissen. „Wenn die Hände verletzt sind, kann ich ja nicht mehr am Laptop arbeiten – dann ist es vorbei“, so der Versicherungsfachmann.

Seine Frau habe sich zwei Jahre zuvor bei einem Unfall den Ellenbogen zertrümmert und sei noch heute beeinträchtigt. „Man weiß ja nicht, wie lange sie noch arbeiten kann – vielleicht bin ich irgendwann mal Alleinverdiener.“ Geldsorgen habe das Paar jedoch nicht gehabt. Die Versicherung, für D. vor dem Unfall arbeitete, hatte ihm aber kurz danach gekündigt. Seither arbeitet der 50-Jährige als Aushilfe auf dem Wochenmarkt.

Der Prozess wird am Donnerstag fortgeführt.

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