Brand in Flensburger Diskothek : Feuerzeichen in der Nacht

Bei dem Großfeuer in der Flensburger Diskothek wurden in der Nacht zum vergangenen Montag zwei Menschen schwer verletzt. Foto: Iwersen
Bei dem Großfeuer in der Flensburger Diskothek wurden in der Nacht zum vergangenen Montag zwei Menschen schwer verletzt. Foto: Iwersen

Nach der Explosion des Flensburger "Russian Night Clubs" gingen schnell Begriffe wie Russen-Mafia, Schutzgeld-Erpressung oder Verdrängungskampf um. Ordnen die Hintermänner des organisierten Verbrechens ihre Felder in Schleswig-Holstein neu?

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20. November 2012, 11:13 Uhr

Flensburg | An der Flensburger Steinstraße haben Polizeibagger mühsam den Schutt durchwühlt. Die beiden bei der Verpuffung im Gebäude der Diskothek verschütteten Männer wurden von Polizisten vernommen - und reagierten auf die Befragung "unwirsch", wie es der zuständige Oberstaatsanwalt Otto Gosch formulierte. Und doch sind die Brandstifter bislang das einzige, was die Ermittler wirklich in der Hand haben. Allerdings, einer der beiden Tatverdächtigen ist inzwischen aus dem Krankenhaus entlassen.
Zu Motiven und der Brandursache treffen Staatsanwaltschaft und Polizei keine Aussagen, auch wenn Gosch von Brandstiftung ausgeht. Ob es sich dabei um "warmen Abbruch" handelt - allerdings soll der Inhaber, eine dänische Investorengruppe, keine Gebäudeversicherung abgeschlossen haben - oder um eine Auseinandersetzung in der organisierten Kriminalität (OK), ist noch völlig offen. Hauptfelder der organisierten Kriminalität sind Rauschgifthandel, Wirtschaftskriminalität und Gewaltverbrechen (Schutzgeld-Erpressung).

Hells Angels und Bandidos wurden im April 2010 verboten

Lange Zeit dominierende Rotlicht-Delikte sind in den letzten Jahren immer mehr in den Hintergrund getreten. Im Norden lagen insbesondere Rauschgift, Schutzgeld und Rotlicht in den Händen von Rockergruppierungen. Bundesweit wurden 32 OK-Verfahren gegen Rocker geführt - 20 gegen Angehörige der Hells Angels und sechs gegen Mitglieder des Bandidos MC. Bei Schutzgeld-Erpressung wurde in 12 von 25 Verfahren gegen Rocker ermittelt, in fast allen Fällen waren die Täter bewaffnet. In der Rotlicht-Szene dominieren nach Erkenntnissen der Ermittler inzwischen rumänische und deutsche (auch hier wieder in erster Linie Rocker) Gruppen.
In Schleswig-Holstein wurden die rivalisierenden Rockervereinigungen Hells Angels und Bandidos im April 2010 auf dem Höhepunkt des sogenannten Rockerkrieges vom damaligen schleswig-holsteinischen Innenminister Klaus Schlie (CDU) verboten. Das Oberverwaltungsgericht in Schleswig bestätigte eine entsprechende Entscheidung der Landesregierung und wies Klagen der Rocker gegen das Vereinsverbot zurück. Bandidos und Hells Angels hatten sich eine Vielzahl gewalttätiger Auseinandersetzungen geliefert.

Stoßen nun andere Gruppen in das Machtvakuum?

So rammte der Flensburger Hells Angels-Präsident auf der Autobahn 7 bei Flensburg ein Mitglied der Bandidos. Diese wiederrum überfielen in einem Schnellimbiss in Neumünster drei Unterstützer der Hells Angels und stachen sie nieder. Der Mitbegründer der Bandidos in Neumünster, ein ehemaliger Landesvorsitzender der NPD, wurde wegen der Messerstecherei zu drei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Der Ex-Chef der Bandidos Neumünster musste unter anderem wegen Zwangsprostitution für vier Jahre und drei Monate in Haft.
Experten befürchteten schon lange, dass nach dem Verbot andere organisierte Gruppen in ein mögliches Machtvakuum in Schleswig-Holstein stoßen könnten. Gerade aus Hamburg und Berlin heraus greifen Gruppen immer wieder nach Einfluss in anderen Gebieten. Allerdings ist nicht sicher, ob die Rocker in Schleswig-Holstein ihr Terrain wirklich aufgegeben haben. Im Sommer 2011 gab es Berichte über eine Neuformierung der Bandidos in Dänemark, wo es kein Verbot gibt.

Brand ein Zeichen für Machtkämpfe?

Ob der Brandanschlag auf den "Russian Night Club" ein Zeichen für Machtkämpfe in der Szene sein könnte, ist noch völlig unklar. Auch ob von Russen bzw. von Angehörigen aus Nachfolgestaaten der Sowjetunion dominierte Gruppen damit in Verbindung stehen, wird von Seiten der Ermittler weder bestätigt noch dementiert. Klar ist, die Russen-Mafia verliert seit Jahren in Deutschland an Boden. Gegenwärtig rechnen Ermittler nur noch sieben Prozent aller OK-Verbrechen diesem Täterkreis zu. Zudem hätten sich die russisch dominierten Gruppen zunehmend auf Cyberkriminalität und Phishing-Delikte (Ausspähen von Geld- und Kreditkarten-Daten) spezialisiert.
In Schleswig-Holstein ermittelten 2011 Landeskriminalamt und Bundespolizei in 19 Fällen wegen organisierter Kriminalität, im Jahr zuvor waren es 24 Fälle. Im benachbarten Hamburg sank die Zahl der Straftaten von 31 auf 27. Bundesweit verursachte die organisierte Kriminalität gemeldete Schäden von 884 Millionen Euro (2010 waren es noch 1,65 Milliarden Euro). Die Ermittler stellten hiervon rund 85 Millionen Euro sicher, davon 19 Millionen im Ausland.

Auch das gibt es in Schleswig-Holstein:
Mit dem Ordnungsamt gegen die Mafia

Bundesweit einmalig: Knöllchen verteilen und zugleich die Mafia in die Schranken weisen - in Schleswig-Holstein bekämpfen Ordnungsämter die organisierte Kriminalität, berichtet der NDR. Der Hintergrund ergibt sich aus dem deutschen Geldwäschegesetz. Schleswig-Holstein ist das einzige Bundesland, das die Kontrolle der Umsetzung dieses Gesetzes an die Kommunen übertragen hat. Bislang waren nur Finanzdienstleister gemäß dem "Gesetz über das Aufspüren von Gewinnen aus Straftaten" verpflichtet, ihre Kunden zu identifizieren und einen "Geldwäsche-Beauftragten" zu benennen. Jetzt müssen aber alle Unternehmer, die mit Luxus- oder hochwertigen Gütern handeln - also Immobilienmakler, Juweliere oder Autoverkäufer - ihre Kunden identifizieren und verdächtige Geldbewegungen, insbesondere von hohen Bargeld-Summen, melden. Ordnungsamts-Mitarbeiter kontrollieren nun, ob die Firmen dies auch tun.

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