Serie „Der Einsatz meines Lebens“ : Feuerwehrmann aus Niebüll berichtet: „Ich bin einfach froh, dass ich lebe“

Mittendrin, aber seit dem 30. Oktober 2016 nicht mehr richtig dabei: Uwe Plakties in der Wache der Freiwilligen Feuerwehr Niebüll.
Mittendrin, aber seit dem 30. Oktober 2016 nicht mehr richtig dabei: Uwe Plakties in der Wache der Freiwilligen Feuerwehr Niebüll.

Uwe Plakties (59) aus Niebüll wäre bei einem Einsatz fast ums Leben gekommen.

shz.de von
05. Januar 2018, 13:53 Uhr

Niebüll | Seit diesem Tag feiere ich meinen zweiten Geburtstag: Am 30. Oktober 2016, so gegen 22 Uhr, schlug mein Melder Alarm. Weil ich direkt neben der Feuerwache in Niebüll wohne, war ich der erste bei den Autos. Wir sind dann erstmal mit etwa zehn Leuten zum Einsatz gefahren. Es war nichts Ungewöhnliches: Mülltonnenbrand. Solche Einsätze habe ich schon etliche mitgemacht, besonders angespannt war ich nicht – das war Routine. Mit 13 Jahren bin ich in die Jugendfeuerwehr eingetreten, fast mein ganzes Leben bin ich in der Feuerwehr, aber ich wusste damals nicht, dass der 30. Oktober fast mein letzter Tag geworden wäre.

Dabei war eigentlich gar nichts Dramatisches los. Ich erinnere mich noch, wie ich als Maschinist einem Kameraden Steckleiter-Teile gegeben habe, damit er das Feuer bekämpfen kann, das sich bis unters Dach einer Einkaufszeile ausgebreitet hatte. Ab dann weiß ich nichts mehr. Es wurde einfach schwarz.

Später haben mir die Kameraden erzählt, was dann passiert ist. Dass ich einfach umgefallen bin, dass mein Herz aufgehört hat zu schlagen, dass mich die Rettungsassistenten und zwei meiner Kameraden, die am Einsatzort waren, wiederbelebt haben. Dass ich relativ schnell wieder zu Bewusstsein kam und gesagt haben soll: „Zerschneidet nicht meine Jacke, die hat 1000 Euro gekostet.“

Vielleicht haben die sich das auch ausgedacht, ich weiß es nicht. Das nächste was ich weiß, ist, dass meine Frau an meinem Bett auf der Intensivstation im Krankenhaus in Niebüll stand. Irgendwer hat mir dann erzählt, dass ich einen Herzinfarkt hatte – und zwischen Leben und Tod stand. Dabei hatte ich keine Vorerkrankungen, ich lebe einigermaßen gesund und rauche schon ewig nicht mehr. Es kam wie der Blitz aus heiterem Himmel. Und ich hatte viel Glück, dass das im Einsatz passiert ist – und sofort Helfer da waren, die wussten, was zu tun ist, um mein Leben zu retten.

Mitten in der Niebüller Innenstadt geschah das Unglück.
Feuerwehr
Mitten in der Niebüller Innenstadt geschah das Unglück.
 

Die Kameraden haben das Feuer gelöscht, während ich reanimiert wurde. Die mussten funktionieren und haben funktioniert. Manche haben offenbar erst nach dem Einsatz mitbekommen, was mir passiert ist. Noch in der Nacht haben mich zwei Kameraden im Krankenhaus besucht, auch danach haben meine Frau und ich viel Unterstützung bekommen. Das hat mir geholfen, wieder gesund zu werden. Das ist das Gute an unserer Wehr: der Zusammenhalt. Und im Krankenhaus und in der Reha kannten alle meine Geschichte: Da war ich einfach immer der Feuerwehrmann.

Manch einer in der Wehr denkt bestimmt noch an den Tag – besonders ein Kamerad, der bei diesem Einsatz meines Lebens spontan meinen Posten am Pumpenraum übernommen hat. Denn er hatte drei Jahre zuvor ebenfalls einen Herzinfarkt im Einsatz erlitten. Er ist bis heute mein Stellvertreter als Gerätewart und als er ins Auto einsteigen wollte, ist er auch einfach umgefallen. Die Kameraden haben ihn wiederbelebt, er war deutlich länger weg als ich. Doch heute ist er wieder auf den Beinen und im Einsatz. In der Wehr machen wir jetzt Witze darüber, dass bald keiner mehr Gerätewart sein will, weil der Job lebensgefährlich sein kann.

Ich will trotzdem weiter machen, auch wenn mir die Ärzte zur Vorsicht raten. Über ein Jahr nach meinem Infarkt bin ich noch krank geschrieben, große Fahrzeuge darf ich nicht fahren. Das sei zu gefährlich, sagen die Ärzte, weil ich einen Defibrillator in mir trage, der meinem Herzen einen elektrischen Impuls verpasst, wenn es noch mal aussetzen sollte. Das ist zum Glück noch nie passiert, aber meinen Job als Busfahrer kann ich trotzdem im Moment nicht machen. Leider.

Weil ich seit 30 Jahren direkt neben der Wache wohne, bekomme ich auch heute noch jeden Einsatz mit. Zu Anfang hat es mich in den Fingern gejuckt, ich wollte wieder dabei sein. Ein Kardiologe hat mich zu Anfang der Behandlung gefragt, was mein Ziel sei. Ich habe gesagt: „Ich will wieder vorne links in dem großen roten Auto sitzen, das Blaulicht einschalten und losfahren, um anderen zu helfen.“ Er hat nur entgegnet: „Sie spinnen.“ Aber wer weiß? Vielleicht kann ich irgendwann in der zweiten oder dritten Reihe wieder mitmischen.

Doch mittlerweile ist das nicht mehr das Wichtigste für mich. Ich bin froh, dass ich lebe und dass ich wieder fit bin. Ein bisschen schmerzt der Brustkorb noch und manchmal zögere ich, wenn ich an dem Ort vorbeikomme, wo ich damals umgefallen bin. Aber das geht alles wieder. Meine Frau sagt, ich sei sensibler geworden. Das stimmt vielleicht, aber das ist ja nichts Schlechtes.

Ich genieße das Leben jetzt mehr, ärgere mich weniger über Kleinigkeiten. Und ich habe jetzt zwei Geburtstage, das kann auch nicht jeder von sich sagen.

Dieser Artikel ist Teil einer Serie auf shz.de. Lesen Sie morgen: Ein Lebensretter auf der Suche nach einer Schulklasse – bei Dunkelheit im Watt.

Bisher erschienen:

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