Riesige Meeressäuger in der Nordsee : Fataler Irrtum – Warum strandeten 2016 so viele Pottwale?

<p>Aufgelaufen: Ein Mitarbeiter des Küstenschutzes ist im Februar vergangenen Jahres  in der Nähe von Büsum  auf dem Weg zu einem gestrandeten Pottwal.</p>
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Aufgelaufen: Ein Mitarbeiter des Küstenschutzes ist im Februar vergangenen Jahres  in der Nähe von Büsum  auf dem Weg zu einem gestrandeten Pottwal.

Insgesamt 30 Tiere wurden im Januar 2016 an der Nordsee angeschwemmt. Forscher suchen immer noch nach Antworten.

shz.de von
10. Februar 2018, 17:19 Uhr

Ein Pottwaljunge zu sein, ist nicht immer leicht. Während es sich die Damen in den Tropen und Subtropen bei warmer Wassertemperatur gut gehen lassen, müssen die jungen Pottwalbullen mehrere 1000 Kilometer lange Wanderungen auf sich nehmen, die sie bis an den Polarkreis führen. Hier fressen sie sich satt und kehren schließlich wieder zurück. Wenn es gut läuft.

Dass es nicht wirklich gut läuft, wird den jungen Bullen, die 2016 in die Nordsee schwammen, irgendwann gedämmert haben. Die zahlreichen Tintenfische, die ihnen kurz zuvor noch gute Beute waren, sind verschwunden, stattdessen sind sie in ein Meer gelangt, das für sie viel zu flach und zudem vom Menschen gezeichnet ist. Vieles, was groß ist und fette Beute verspricht, liegt anschließend schwer im Magen: Einer der Bullen verschlingt einen kaputten spitzen Plastikeimer, ein weiterer schluckt ein mehr als vier Meter langes Tau hinunter. Andere Delikatessen aus der Nordsee: die Motorabdeckung eines Fords, Plastikkabel, Folie, meterlange Netze.

Die riesigen Meeressäuger sind falsch abgebogen. Irgendwo auf ihrem Weg von der norwegischen Küste zu den Azoren müssen sie eine letztlich tödliche Entscheidung getroffen haben. Statt auf der Westseite Großbritanniens weiter Richtung Äquator zu schwimmen, sind sie viel zu früh südlich in die Nordsee abgebogen und fanden aus dem flachen Meer nicht mehr hinaus. Im Verlauf von fünf Wochen strandeten sie nach und nach an den deutschen, niederländischen, englischen, französischen und dänischen Küsten.

Explosive Fleischberge

Ein trauriger Anblick: Aus den imposanten und eleganten Meeressäugern, waren plumpe, stinkende und explosive Fleischberge geworden. Mit Entlastungsschnitten, durch die schnell entstehende Fäulnisgase entweichen können, mussten sie entschärft werden. Anschließend wurden die bis zu 20 Tonnen schweren Tiere mit riesigen Geräten und großen Anstrengungen geborgen.

<p>Ausflügler stehen am Strand von Wangerooge neben einem von insgesamt 30 im Januar 2016 an der Nordsee angeschwemmten Pottwalen. </p>
dpa

Ausflügler stehen am Strand von Wangerooge neben einem von insgesamt 30 im Januar 2016 an der Nordsee angeschwemmten Pottwalen.

 

Nicht nur die Küstenbehörden, auch Abbo van Neer und seine Kollegen von der Tierärztlichen Hochschule Hannover leisteten wie viele andere Wissenschaftler in dieser Zeit Schwerstarbeit. Denn die zehn bis zwölf Meter langen Tiere sollten nicht nur geborgen, sondern auch untersucht werden: Lässt sich in den Körpern der Tiere eine Erklärung finden, warum die Wale sich verirrten? Waren sie krank, abgemagert, verletzt?

Obduktionen sind gemeinhin nichts für zarte Seelen. Bei Pottwalen aber sind neben starken Nerven auch zupackende Hände, robuste Nasen und vor allem Ausdauer gefragt: „Es hat furchtbar gestunken, und wir mussten uns nach und nach durch die dicke Fettschicht nach innen vorarbeiten“, erzählt Abbo van Neer. Allein die Leber der Pottwale ist etwa so groß wie ein Fernsehsessel, und ihr Darm ist so lang, dass er auf eineinhalb Fußballfeldern ausgebreitet werden könnte. Hier nach Parasiten zu suchen, ist echte Geduldsarbeit.

25 Kilogramm Müll im Magen

Statt Parasiten fanden die Biologen am Ende aber neben ganz normalen Nahrungsresten vor allem: Müll. Ein kleines Potpourri menschlichen Unrats: Neben den großen Plastik- und Netzteilen auch eine Snickersverpackung, ein Schraubdeckel, eine Kaffeekapsel. Einer der Pottwale hatte insgesamt fast 25 Kilogramm Abfall im Magen.

Doch auch wenn dieser Müll den Pottwalen auf Dauer sicherlich sehr zu schaffen gemacht hätte, sei er nicht Ursache für die Strandung, meinen die Forscher. Die Tiere haben den Abfall erst kurz vor der Strandung geschluckt, als sie hungrig nach allem schnappten, was essbar sein könnte. Denn durch die Fremdkörper verursachte Verletzungen oder Entzündungen im Verdauungstrakt konnten die Wissenschaftler nicht finden.

Im Gegenteil: Am Ende der Obduktion mussten sie feststellen, was so oft bei Massenstrandungen der Fall ist: Die Tiere waren eigentlich in einem guten Gesundheitszustand. Die Fettschicht war dick, die Organe gesund. Auch als die Wissenschaftler sich bis zu den innen liegenden Ohren der Pottwale vorgearbeitet hatten, konnten sie dort keine Verletzungen oder krankhaften Veränderungen erkennen.

Forscher glauben an großflächiges Ereignis

Die Theorie, dass die Meeressäuger durch Unterwasserlärm verletzt oder verwirrt wurden, gilt auch als eher unwahrscheinlich. „Wir gehen davon aus, dass ein großflächigeres Ereignis die Ursache war“, meint Abbo van Neer. Denn nicht nur die Pottwale, auch Schildkröten und Delfine strandeten im gleichen Zeitraum an europäischen Küsten.

An ein großflächigeres Ereignis glaubt auch Klaus Vanselow vom Forschungs- und Technologiezentrum Westküste der Universität Kiel. Der Physiker geht davon aus, dass es Sonnenstürme sind, die das Magnetfeld der Erde kurzzeitig verändern und damit eine wichtige Orientierungshilfe der Wale verfälschen. Eine Theorie, die immer wieder bei Massenstrandungen diskutiert wurde, die aber auch umstritten ist.

Klaus Vanselow weiß das und fährt alle seine Beweise auf. Er holt eine bunte Karte von Nordeuropa hervor, auf der viele bunte Linien und Felder an Land und auf dem Wasser zu sehen sind. „Wenn man sich die Erde geomagnetisch betrachtet, dann gibt es plötzlich eine ganz andere Karte der Erde, an der man sich gerade auf dem Wasser auch orientieren kann”, erklärt er. Dass Wale diese geomagnetische Karte nutzen und einen Sinn für das Magnetfeld haben, ist nicht bewiesen. Vanselow hält es aber wie viele andere Forscher für recht wahrscheinlich.

War ein Sonnensturm Schuld?

Die eingefärbten Bereiche auf der Karte zeigen so genannte geomagnetische Anomalien. Hier wird das eigentlich gleichmäßige Magnetfeld der Erde durch magnetisierte Gesteine in der oberen Erdkruste verändert. Vanselow spricht von einer Art geomagnetischem Gebirge – mit Höhen und Tiefen. Und genau zwischen Norwegen und Schottland, dort wo die Wale vermutlich falsch abbogen, da gibt es ein solches gedachtes geomagnetisches Gebirge. Dieses könnte den Walen auf ihrer Wanderung anzeigen: Achtung, hier nach Westen abbiegen!

Doch durch einen Sonnensturm verändern sich diese natürlichen Anomalien auf der Erde. Im vorliegenden Fall verursachte der Sonnensturm Änderungen des Magnetfelds, die genau so groß waren wie die natürlichen Anomalien, erklärt Vanselow. Dadurch konnte das magnetische Gebirge, an dem sich die Wale möglicherweise orientieren, verschwinden oder sich an anderer Stelle aufbauen und die Tiere so in die Irre leiten.

Während es in anderen Meeresgebieten möglich wäre, einen solchen Irrtum irgendwann zu korrigieren, gelangen Pottwale in der Nordsee schnell in immer flachere Gebiete mit sandigem Boden, auf dem ihre Echoortung nicht funktioniert. Dass das immer wieder mal vorkommt, weiß man. Strandungen von Pottwal-Bullen sind in der Nordsee seit mehr als 500 Jahren dokumentiert. Und auch in anderen Regionen der Welt werden Strandungen von Meeressäugern regelmäßig beobachtet. Der Cape of Cod etwa, eine Bucht an der Nordostküste Amerikas, ist bekannt für zahlreiche Strandungen von Meeressäugern. Auch hier wollte man den Einfluss von Sonnenstürmen besser erforschen.

Lärm und Müll nicht alleinige Ursache

Antti Pulkkinen vom Nasa Goddard Spaceflight Center untersuchte zusammen mit Biologen die Strandungsereignisse von fast zwei Dekaden auf einen zeitlichen Zusammenhang mit Sonnenstürmen. Allerdings erfolglos. Rein statistisch scheinen die plötzlichen Veränderungen des Magnetfeldes keinen Einfluss auf die Zahl der Strandungen zu haben. „Sonnenstürme könnten ein kleiner Teil der Erklärung sein. Aber sie sind wohl nicht die alleinige Ursache“, schlussfolgert Pulkkinen.

Dieser Auffassung sind auch Abbo van Neer und seine Kollegen der Tierärztlichen Hochschule Hannover. Sie schließen zwar nicht aus, dass es mehrere Ursachen für die Strandungen gibt. Doch sie gehen davon aus, dass vor allem klimatische und ozeanografische Veränderungen eine wichtige Rolle spielen. „Im Vorfeld der Strandungen hatten wir ein sehr starkes El-Niño-Phänomen“, sagt van Neer. Dadurch könnten sich Strömungen verändern, auch die Nahrung der Pottwale könnte sich anders verhalten und sie in Meeresgebiete locken, in die sie normalerweise nicht schwimmen.

Klaus Vanselow dagegen bleibt bei seiner Theorie. Er geht davon aus, dass nicht jeder Sonnensturm die Wale verwirrt, sondern nur, wenn er zum richtigen Zeitpunkt in der richtigen Stärke eintritt. Er glaubt, dass man jedes Strandungsereignis einzeln untersuchen müsste, um dem Mysterium auf den Grund zu gehen.

Einig sind sich die meisten Wissenschaftler hingegen darin, dass menschengemachte Störungen wie Lärm, Müll oder Schiffskollisionen wohl als alleinige Ursachen ausgeschlossen werden können. Es sagt vermutlich mehr über die Menschen als über die Wale aus, wenn sich in deren Mägen Motorabdeckungen von Pkws wiederfinden.

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