„Gorch Fock“-Kadettin : Fall Jenny Böken: Justizministerium verweist Eltern an Generalstaatsanwalt

Die 18-jährige Offiziersanwärterin Jenny Böken auf der „Gorch Fock“ am 15. August 2008. Am 3. September 2008 stürzte sie über Bord.
Die 18-jährige Offiziersanwärterin Jenny Böken auf der „Gorch Fock“ am 15. August 2008. Am 3. September 2008 stürzte sie über Bord.

Die Eltern wollen erreichen, dass eine andere Staatsanwaltschaft ihren Antrag zur Wiederaufnahme der Ermittlungen prüft.

Avatar_shz von
02. Oktober 2018, 14:00 Uhr

Kiel | Die Eltern der vor zehn Jahren ums Leben gekommenen „Gorch Fock“-Kadettin Jenny Böken haben sich vergeblich an Schleswig-Holsteins Justizministerin Sabine Sütterlin-Waack (CDU) gewandt. Der Antrag, eine andere Staatsanwaltschaft als die Staatsanwaltschaft Kiel mit der Prüfung einer Wiederaufnahme der 2009 eingestellten Ermittlungen zu beauftragen, falle nicht in den Kompetenzbereich des Ministeriums, hieß es am Dienstag in einer Pressemitteilung. Dies stünde gemäß Gerichtsverfassungsgesetz dem Generalstaatsanwalt in Schleswig zu.

Diesem sei ein Schreiben des Anwalts der Eltern zugeleitet worden. Darin hatte der Anwalt der Staatsanwaltschaft Kiel fehlende Unvoreingenommenheit vorgeworfen. „Die Justizministerin nimmt keinen Einfluss auf die Ermittlungen und die Entscheidung der justiziellen Behörden. Nur so kann dem Ziel einer von politischen Einflüssen unabhängig arbeitenden Justiz Rechnung getragen werden“, heißt es in der Mitteilung des Ministeriums.

Sowohl der mit der Prüfung beauftragte Oberstaatsanwalt als auch die gesamte Staatsanwaltschaft Kiel brächten dem Fall „nicht die notwendige Unvoreingenommenheit und Neutralität“ entgegen, „die es ermöglichen, unbefangen mit neuen Erkenntnissen in dieser Sache umzugehen und diese adäquat zu (bewerten)“, heißt es in dem zwölfseitigen Antrag mit Datum 17. September. Verwiesen wird unter anderem auf angeblich unvollständige Akten oder unzulängliche oder fehlerhafte Ermittlungen. Verwiesen wird unter anderem auf angeblich unvollständige Akten oder unzulängliche oder fehlerhafte Ermittlungen.

Todesumstände bis heute nicht eindeutig geklärt

Die Todesumstände der 18-Jährigen, die während einer Ausbildungsfahrt des Segelschulschiffs der Marine in der Nacht zum 4. September 2008 bei einer Wache über Bord ging, sind bis heute nicht eindeutig geklärt. Der Leichnam wurde erst nach elf Tagen aus der Nordsee geborgen. Die Ermittler halten ein Unglück für am wahrscheinlichsten.

Die Eltern sehen jetzt sogar Hinweise für einen Mord – gestützt auf eine eidesstattliche Aussage eines früheren Bundeswehrangehörigen. Der am 2. September gestellte Antrag auf Wiederaufnahme der Ermittlungen befindet sich in der Vorprüfung der Kieler Staatsanwaltschaft.

Weiterlesen: Neuer Zeuge im Fall Jenny Böken: „Es war Mord“

In dem Schreiben an die Ministerin moniert der Anwalt, die Staatsanwaltschaft Kiel habe lediglich nach der Telefonnummer des Zeugen für eine staatsanwaltliche Vernehmung gefragt. Offensichtlich nicht beabsichtigt sei eine Vernehmung im Rahmen der eidesstattlichen Versicherung. „Gerichtliche Kontrolle ist bei einem solchen Vorgehen nahezu ausgeschlossen“, kritisiert der Anwalt. Die Staatsanwaltschaft Kiel wolle sich mit einem Vorprüfungsverfahren begnügen, „in dessen Rahmen sie selbst und eigenmächtig beurteilen darf, ob sie ein Wiederaufnahmeverfahren betreiben will oder nicht“.

Früherer Bundeswehrangehöriger hat ausgesagt

In der eidesstattlichen Erklärung hat nach Angaben des Anwalts der frühere Bundeswehrangehörige erklärt, kurz nach dem Auffinden der Leiche von Jenny Böken hätten ihn mehrere Männer – darunter Marineangehörige – in einer Kaserne besucht. Sie sollen angedeutet haben, dass die junge Frau erdrosselt worden sei. Der Anwalt sagte, die Personen müssten für die Behörden identifizierbar sein und angehört werden.

Der Verfasser der Eidesstattlichen Erklärung war laut Dietz während der Ausbildungsfahrt nicht auf der „Gorch Fock“ gewesen. Der Mann habe nach eigener Aussage mit Jenny Böken zuvor auf einer Party in Düsseldorf in alkoholisiertem Zustand Sex gehabt. Filmaufnahmen davon seien auf der „Gorch Fock“ kursiert, habe Jenny Böken ihm am Telefon noch erzählt, berichtete Dietz aus der Eidesstattlichen Erklärung. Jenny Böken habe gedroht, das Kursieren der Aufnahmen zu melden.

Dietz nannte noch weitere Aspekte, die eine Wiederaufnahme der Ermittlungen aus seiner Sicht notwendig machen: Die Marine habe erklärt, es sei nicht mehr zu klären, wer nach Jenny Böken Wache hätte schieben müssen. Dies sei nicht glaubwürdig, die in Frage kommenden Personen seien nach seinem Informationsstand nicht befragt worden. Zudem sei der Obduzent der Leiche der Vater eines Kadetten, der in der Todesnacht Bordwache auf der „Gorch Fock“ hatte. Daher sei der Vater befangen. Und: In der Lunge sei kein Wasser gewesen, so dass Jenny Böken bereits vor dem Sturz in die Nordsee tot gewesen sein könnte, argumentiert der Anwalt.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen