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Selbstjustiz : Fall Bachmeier: Warten auf ein modernes Gesetz

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Vor 35 Jahren erschoss Marianne Bachmeier im Gericht den Mörder ihrer 7-jährigen Tochter. Die Regelungen von Mord und Totschlag brauchen eine Reform.

Lübeck | Diskutiert wird bis heute: War Marianne Bachmeier die Rächerin ihrer Tochter, die Frau, für deren Tat viele Menschen Verständnis äußerten? Wer will sich den Schmerz einer Mutter vorstellen, deren Tochter missbraucht und vom Täter auch noch öffentlich verunglimpft wird? Wer kann über ihr Verbrechen urteilen? Oder war Bachmeier eine Narzisstin, eine rücksichtslose Frau, die ihr eigenes Wohl über das ihrer Kinder stellte, der Männerbekanntschaften und ein ausschweifendes Nachtleben wichtiger waren, als die mütterliche Sorge? Zwei Töchter hatte sie schon weggegeben. Und: Wäre Anna ihrem Mörder wohl so vertrauensvoll in die Arme gelaufen, wäre die Kleine nicht „frei wie ein Vögelchen“ gewesen? War es wirklich nur der Mörder, auf den die Mutter im Gerichtssaal schoss, oder ging es Marianne Bachmeier dabei auch um ihre eigene Schuld, darum diese zu vernichten?

Vor Gericht geht es nüchtern zu. Die Tat wird analysiert und bewertet. Emotionen, ja,auch die dürfen Juristen sehen und beurteilen, aber nur intellektuell: Was wollte der Täter? Welche Absichten verfolgte er? Im Fall Bachmeier geriet das Gericht dabei ins Straucheln. Der Fall offenbarte, was bis heute Konsens ist und dennoch ohne Veränderung blieb: Geht es um Mord und Totschlag, ist unser Strafgesetz reformbedürftig. Wer willentlich einen Menschen tötet, ist nach geltendem Recht ein Totschläger. Verwirklicht er darüber hinaus ein „Mordmerkmal“, ist er ein Mörder.

Marianne Bachmeier war eine Mörderin. Sie streckte den im Moment der Tat arg- und wehrlosen Klaus Grabowski ruhig und gezielt mit sechs Schüssen in den Rücken nieder – so wie sie es zuvor heimlich geübt hatte. Jurastudenten lernen anhand solch klarer Fälle das Mordmerkmal „Heimtücke“. Bachmeier lieferte einen Paradefall. Und so lautete dann auch die Anklage gegen sie auf Mord.

Eigentlich war es eine klare Sache. Doch: Die juristische Betrachtung wollte so gar nicht zum allgemeinen Volksempfinden passen und wohl auch nicht zu dem der verhandelnden Richter. Die Welle der öffentlichen Empörung im Rücken, standen sie vor den Fragen: Dienen wir dem Gesetz? Oder dienen Gesetz und Juristen eher der Gerechtigkeit? Wie weit dürfen wir abweichen, wenn Gesetze zu ungerechten Ergebnissen führen? Wie ist es überhaupt mit Gesetzen aus der NS-Zeit, die analog dem Mordparagraphen zwar noch gelten, grundsätzlich aber nicht mehr ins System passen. Und zwar weder ins gesetzliche, noch ins gesellschaftliche?

Im Fall Bachmeier verrenkten sich die Richter heftig um ein Urteil zu produzieren, dass einigermaßen zu passen schien: Sie unterstellten der Täterin, dass sie die Heimtücke ihrer Tat nicht erkannt habe. Übersetzt: Bachmeier soll nicht klar gewesen sein, dass der ahnungslose, bewachte Mann vor ihr, weder mit einem Angriff rechnete, noch sich hätte wehren können. Mit diesem Trick wurde aus der Mörderin eine Totschlägerin. Das Gericht konnte die kurze Haftstrafe verhängen, auf die es hinauswollte.

Scharen von Richtern haben seither mehr oder weniger kreative Lösungen gefunden, um sich aus dem „Mord-Korsett“ herauszuwinden. Seit 1941 hält es steif an dem Katalog festgeschriebener und dennoch unklar formulierter „Mordmerkmale“ fest. Das erschwert eine individuell angemessene Bestrafung von Tötungsdelikten. So ist der Ruf nach einer Reform der Regelungen von Mord und Totschlag schon seit den 80er Jahren laut. Viele Juristen fordern einen neuen Paragrafen, der alle Tötungsdelikte zusammenfasst.

Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) selbst will die Reform. Nach einem Vorstoß von Schleswig-Holsteins Justizministerin Anke Spoorendonk im Bundesrat vor zwei Jahren, setzte er eine Expertenkommission ein, die im Sommer 2015 ihr ernüchterndes Arbeitsergebnis vorlegte: Ein bisschen sprachliche Kosmetik, die Mordmerkmale bleiben im Wesentlichen unverändert, Neuerungen gibt es allenfalls im Bereich der Strafzumessung – vielleicht aber auch nicht.

Das Presseecho war schlecht, die Opposition ätzte vermutlich wider besseres Wissen, demnächst könnten Mörder wohl mit milderen Strafen rechnen. Im Bundesjustizministerium arbeitet man nun wohl mit gebremstem Eifer am neuen Gesetz. Aus Kiel heißt es dazu bedauernd: „Eine Prognose, wann mit einem Entwurf zu rechnen ist, können wir nicht abgeben – leider.“ Immerhin – der Versuch war es wert.

 

Das Drama im Gerichtssaal

Das Magazin war leer. Acht Schüsse waren gefallen. Schüsse, die Schlagzeilen machten. Schüsse, die für lange, erbitterte Diskussionen sorgten, weil sie die Öffentlichkeit spalteten. Die einen sagten: „Diese Frau verstehe ich, ich hätte auch so gehandelt“. Die anderen hielten vehement dagegen: „Nein, es darf keine Selbstjustiz geben!“ Diese Frau – das war Marianne Bachmeier. Vor 35 Jahren erschoss die damals 30jährige Wirtin im Landgericht Lübeck den Mörder ihrer Tochter Anna.

6. März 1981

Der dritte Prozesstag gegen den Fleischer Klaus Grabowski (35), einen vorbestraften Sexualstraftäter, verurteilt wegen Missbrauchs zweier Mädchen. In der Haft ließ er sich kastrieren, um freizukommen. Nun war er angeklagt wegen des Mordes an Anna Bachmeier (7).

Laut Staatsanwalt war am 5. Mai 1980 folgendes geschehen: Der Angeklagte griff Anna auf, hielt sie stundenlang in seiner Wohnung fest, belästigte sie sexuell und erdrosselte sie mit einer Strumpfhose. Im Verhör gab er an, das Mädchen habe gedroht: „Ich erzähle meiner Mama, dass du mich gestreichelt hast.“ Die Kleine habe 5 Mark erpressen wollen. Da sei er in Panik geraten.

Nun also dieser dritte Prozesstag, der 6. März 1981. Ein trüber Freitag. Um 10 Uhr sollte der Prozess fortgesetzt werden. „Es war lausig kalt,  und es nieselte“, erinnert sich Barbara Kotte (80), die damals als freie Gerichtsreporterin für mehrere Zeitungen arbeitete. Für den Grabowski-Prozess fand sie seinerzeit kaum Abnehmer. „Das galt bei vielen Medien vor 35 Jahren als schmuddelig, als Tabu-Thema.“ Um 9.55 Uhr öffnete ein Justizbeamter den Schwurgerichtssaal. „Das Publikum durfte noch nicht rein“, erzählt Barbara Kotte, „aber ich legte drinnen schon mal Mantel und meine Schreibsachen ab, als Grabowski durch einen Neben-Eingang zur Anklagebank geführt wurde und Frau Bachmeier, die den Prozess verfolgte, durch den normalen Saal-Eingang mit den Worten hereinkam: ‚Ach Gott, es ist ja noch ganz leer hier!’ Plötzlich sah ich im Augenwinkel, dass sie in ihre Manteltasche griff und etwas Dunkles herauszog. Und dann krachten schon die acht Schüsse.“ Zwei trafen die Bank, sechs trafen Grabowski – er war sofort tot.

Sie hat es wirklich getan

„Frau Bachmeier wirkte total ruhig“, sagt Barbara Kotte. „Sie legte ihre Waffe auf den Boden, ließ sich ungerührt von den Wachtmeistern festhalten. Auf dem Flur stand Annas Vater, ein Ex von Marianne Bachmeier. Er stammelte immer wieder: ‚Sie hat es getan, sie hat es wirklich getan!’“

Wenige Meter neben ihm stand Grabowskis Verlobte, sie bekam einen Weinkrampf. Da ging eine Prozessbesucherin auf sie zu und meinte verächtlich: „Da heulst du noch über dieses Schwein? Das geschieht dem doch recht!“

Barbara Kotte lief in ein nahes Café, weil das einzige öffentliche Telefon im Gericht besetzt ist. Mit zitternder Hand schrieb sie rasch das Erlebte nieder – für die 10-Uhr-Nachrichten des NDR. „Die Wirtin sah, wie fertig ich war und brachte mir ein Glas Cognac!“ Um 10.01 Uhr schilderte die Reporterin vom Kneipentelefon aus den Radio-Hörern, was soeben im Gericht passiert war. Die Mutter eines ermordeten kleinen Mädchens hatte geurteilt. Und ihr Urteil gleich vollstreckt.

Mordvorwurf wurde fallengelassen

Im November 1982 wurde Marianne Bachmeier wegen Mordes angeklagt, später wurde der Vorwurf aber fallengelassen. Inzwischen lagen auf einem von Sympathisanten eingerichteten Spendenkonto, mit dem die Kosten ihrer Verteidigung getragen werden sollten, über 100 000 Mark. Am 2. März 1983, nach 28 Prozesstagen, lautete das Urteil: „Sechs Jahre Haft wegen Totschlags und unerlaubtem Waffenbesitz“. Weil sie suizidgefährdet war, kam sie 1986 frei. Sie verliebte sich in einen Lehrer und wanderte mit ihm nach Nigeria aus. Aber die Beziehung scheiterte. Nach der Scheidung 1990 zog sie nach Palermo (Sizilien), wo sie in einem Hospiz arbeitete. Als sie bei einem Arztbesuch die Schock-Diagnose Bauchspeicheldrüsen-Krebs bekam, ging sie nach Lübeck zurück. Hier starb sie am 21. September 1996 mit nur 46 Jahren. Sie wurde neben ihrer Tochter Anna beigesetzt.

Späte Zweifel am Affekt

Barbara Kotte blättert in ihren 35 Jahre alten Notizen. „Bekannte berichten, dass Frau Bachmeier im schalldichten Keller ihrer Kneipe schon länger Schießübungen gemacht hat“, steht da. „Ihre anfängliche Darstellung, sie habe im Affekt gehandelt, war also vom Tisch. Sie hat sich vorbereitet, sie hat es geplant, es war klarer Vorsatz.“

Eine andere Notiz: „Anna war ein Straßenkind. Ihre Mutter, eine Wirtin, die bis mittags schlief, plante bereits, sie an Pflege-Eltern wegzugeben.“ Marianne Bachmeier hatte schon ihre ersten beiden Kinder zur Adoption freigegeben. Noch eine Notiz: „Die kleine Anna kannte Grabowski. Er hatte eine Katze. Mit der hatte Anna, die kaum zur Schule ging, oft gespielt.“

Und dann ist da noch dieser damals notierte Satz, den Frau Kotte heute kopfschüttelnd vorliest: „Ein Gutachter sagt aus. Grabrowski hat unter der Kastration gelitten, er bat einen Urologen um Hilfe. Der pumpte ihn deshalb mit Hormonspritzen voll. Ohne diese Behandlung könnte Anna vermutlich noch leben.“

1995, ein Jahr vor ihrem Tod, sagte Marianne Bachmeier, auf die Bluttat damals im Lübecker Gericht angesprochen, in einer TV-Talkshow: „Grabowski hatte schlecht über Anna gesprochen. Da klang sogar an, dass Anna eine Mitschuld trage an dem, was passiert sei. Das wollte ich nicht nochmal hören. Ich wollte nicht, dass er Anna öffentlich weiter beschmutzt.“ Und dann sagte sie mit fester Stimme: „ICH wollte Recht über ihn sprechen!“ Dabei betonte sie das erste Wort.

 

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erstellt am 28.Feb.2016 | 11:00 Uhr

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