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Ungeklärte Mordfälle in SH : Fahrt in den Tod

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Rund 7000 Taxifahrer gibt es in Deutschland. Mehr als 200 werden jedes Jahr bei Überfällen verletzt. Zwei besonders brutale Mordfälle in Schleswig-Holstein lassen der Kieler Kripo bis heute keine Ruhe.

Trotz moderner GPS-Technik und Kameraüberwachung ist kaum ein Job so gefährlich wie ihrer: Rund 7000 Taxifahrer in Deutschland sind in den letzten zehn Jahren Opfer von gewaltsamen Übergriffen geworden, die Dunkelziffer liegt deutlich höher. 50 Männer und Frauen bezahlten ihren Taxi-Job mit dem Leben – sie wurden erschossen, erstochen, erdrosselt oder erschlagen, nicht selten wegen eines zweistelligen Geldbetrags.

Zwei besonders brutale Mordfälle in Schleswig-Holstein lassen der Kieler Kripo bis heute keine Ruhe – der ungeklärte Tod des Taxiunternehmers Helmut Weerda aus Neumünster und der Mord an Taxifahrer Horst Gnegel aus Henstedt-Ulzburg. Weerda starb am 30. Oktober 1975 nach einer Messer-Attacke in Wattenbek bei Bordesholm, Gnegel wurde am 24. Februar 1995 auf der B404 bei Henstedt-Ulzburg in seinem Wagen hinterrücks erschossen.

„Auch wenn die Aussicht auf den entscheidenden Hinweis nach so vielen Jahren gering ist – wir legen keinen dieser Fälle zu den Akten“, sagt der Chef der Kieler Mordkommission, Stefan Winkler. Mord verjährt nie. Die Hoffnung der Ermittler: Die Täter in beiden Mordfällen dürften heute zwischen 50 und 65 Jahre alt sein. „Und damit steigt in einem gewissen Maß die Wahrscheinlichkeit, dass sich einer von Ihnen in den letzten Jahren irgendwann offenbart oder auch nur durch Andeutungen verraten haben könnte – sei es im Familien- oder Bekanntenkreis“, so Winkler.

Als der 39 Jahre alte Taxiunternehmer Helmut Weerda sterben musste, gab es in Neumünster auf dem Großflecken noch viel Autoverkehr und ein buntes Nachtleben. Aus den Musikboxen der Kneipen dröhnten die Hits von Abba, die Männer trugen Schlaghosen, die Frauen karierte Röcke mit breiten Gürteln und für Gesprächsstoff sorgte in den Tagen vor der Tat vor allem der legendäre Sieg von Box-Legende Mohamed Ali über Joe Frazier.

In der Nacht zum 30. Oktober 1975 stand Weerda mit seinem Taxi am „Droschkenplatz“ vor dem Neumünsteraner Rathaus, als gegen zwei Uhr früh ein junger Mann an seinen Wagen trat und offensichtlich über den Fahrpreis verhandelte. Der Unbekannte wollte nach Bordesholm, scheinbar aber ohne ein konkretes Ziel in dem Ort zu nennen. Eine halbe Stunde später beobachtete ein Bäckergeselle in Bordesholm auf dem Weg zur Arbeit, wie Weerdas weißer Peugeot 504 mit dem unbekannten Fahrgast in eine Seitenstraße bog, dann aber wieder langsam herausfuhr.

Wenige Minuten später kam es in der Straße „Am Bogen“ in Wattenbek bei Bordesholm dann zur tödlichen Auseinandersetzung. Als der 20 bis 25 Jahre alte Fahrgast ohne zu zahlen das Taxi verließ und von Weerda aufgehalten wurde, rammte er dem Unternehmer ein rasierklingenscharfes Campingmesser in die Brust und flüchtete. Weerda schaffte es, über Funk Hilfe zu rufen und auf seine Kollegen zu warten, doch es war zu spät.

Zwar brachte ein Taxi ihn sofort ins Krankenhaus, doch als Weerdas Frau Edith später in der Klinik eintraf, war ihr Mann bereits an seiner elf Zentimeter tiefen Wunde im Brustkorb gestorben. Besonders dramatisch: Erst Tage zuvor hatte Weerda bei der Wartung seines Wagens die Alarmanlage aus- und versehentlich nicht wieder angestellt.

Eine Beschreibung des Täters hatte der Taxiunternehmer, der den Betrieb fünf Jahre zuvor mit seiner Frau aufgebaut hatte, noch selbst abgeben können: „Der sah aus wie ein Dressman“, hatte er seinen Kollegen gesagt. Der schlanke, dunkelhaarige Täter trug eine eng geschnittene Art Fliegerjacke sowie graue Lederhandschuhe. Er hatte mit hoher Wahrscheinlichkeit zuvor eine der Gaststätten am Großflecken in Neumünster besucht.

Große Hoffnungen hatten die Fahnder zunächst auf die Tatwaffe gesetzt: Das in Deutschland nur selten verkaufte hochwertige norwegische Messer mit braunem Holzgriff war möglicherweise dasselbe Campingmesser, das einen Monat zuvor bei der Kölner Fachmesse für Sport-, Garten- und Campinggeräte von einem Aussteller-Stand gestohlen wurde. Doch der Diebstahl wurde nie aufgeklärt.

Auch im Fall des 20 Jahre später ermordeten Taxifahrers Horst Gnegel sind Tatwaffe und Munition bis heute die konkretesten „Anfasser“ für die Suche nach den Mördern. Der 29-Jährige ledige Aushilfsfahrer war am späten Abend des 24. Februar 1995 auf der Bundesstraße 404 bei Henstedt-Ulzburg in der Nähe der damaligen Großdiskothek „Traffic“ erschossen worden.

Der Täter – der das Taxi gemeinsam mit einem Komplizen in Henstedt-Ulzburg bestiegen hatte – feuerte vom Rücksitz aus fünf Schüsse auf den Fahrer. Ein Projektil hatte das Seitenfenster des Passats durchschlagen. Gnegel, der nach einer langwierigen Krankheit gerade wieder Fuß gefasst hatte und sich neben seinem Hauptberuf als Kraftfahrer für eine Klinik ein Zubrot als Taxifahrer verdiente, starb noch am Tatort. Es war das sechste Opfer von insgesamt zehn Morden an Taxifahrern im Jahr 1995.

Kriminalistisch interessant ist für Kommissar Winkler und seine Kollegen bis heute die verwendete Munition, die aus einer kroatischen Pistole der Marke „PHP“ abgefeuert wurde. Es handelt sich um Vollmantel-Rundkopf-Geschosse vom Kaliber 9 Millimeter Luger, die in Argentinien hergestellt wurden und in Deutschland nie erhältlich waren.

Die Bodenprägung der Hülsen trägt die Bezeichnung „9 x 19 FLB 93“. Die gleiche Munition war im November 1994 bei einer Schießerei unter Kosovo-Albanern in München und ein halbes Jahr später bei einem Mordversuch in einer Gaststätte in Kassel verwendet worden. Doch beide zunächst heißen Spuren verliefen im Sande.

Nach den eher vagen Zeugenhinweisen handelte es sich bei dem Täter-Duo mit einiger Wahrscheinlichkeit um Männer südländischer Herkunft. Doch weder eine damals sofort eingeleitete Großfahndung noch eine Razzia in der Diskothek „Traffic“ erbrachten verwertbare Spuren.

Die einzigen Zeugen des Überfalls waren zwei junge Männer aus Henstedt-Ulzburg, die zu Fuß auf dem Weg in die Diskothek waren. Als sie die Schüsse hörten und sahen, wie die Täter am AKN-Bahnübergang Kisdorf-Feld aus dem Taxi stiegen und flüchteten, ergriffen auch sie in Panik die Flucht und meldeten sich erst am nächsten Tag bei der Polizei.

Gnegel war – ebenso wie Weerda – bei seinen nächtlichen Fahrten stets mit einer Gaspistole bewaffnet. Während Weerda die Waffe nicht eingesetzt hatte, ist bis heute unklar, ob Gnegel noch versucht haben könnte, sich mit der Pistole zur Wehr zu setzen. Fest steht nur: Während die Täter die Geldbörse des 29-Jährigen im Wagen zurückließen, nahmen sie die Gaspistole offenbar mit. „Es handelt sich um eine schwarze Pistole mit braunen Holzgriffen der italienischen Marke ‚General‘ im Kaliber 8 Millimeter“, sagt Hauptkommissar Winkler. „Vielleicht ist diese Waffe in den letzten Jahren irgendwo wieder aufgetaucht und könnte uns einen neuen Ansatz für Ermittlungen geben“, hofft der Chef der Mordkommission.

Anlass zur Hoffnung bietet auch die jüngste Statistik des deutschen Taxi- und Mietwagenverbandes: Zwar gab es in den vergangenen drei Jahren noch jährlich weit über 200 verletzte Fahrer durch gewaltsame Übergriffe – getötet wurde dabei allerdings niemand mehr.

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erstellt am 01.Feb.2015 | 11:01 Uhr

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