Mit Blaulicht unterwegs : "Fahren wie die Henker"

Die Gefahr bei einem Unfall schwer verletzt zu werden ist achtmal so hoch wie bei einer normalen Fahrt, die Gefahr eines schweren Sachschadens siebzehn Mal so hoch, die Gefahr, dass jemand bei einem Unfall ums Leben kommt, viermal so hoch. Foto: Ruff
Die Gefahr bei einem Unfall schwer verletzt zu werden ist achtmal so hoch wie bei einer normalen Fahrt, die Gefahr eines schweren Sachschadens siebzehn Mal so hoch, die Gefahr, dass jemand bei einem Unfall ums Leben kommt, viermal so hoch. Foto: Ruff

Ihr Risiko sich schwer zu verletzen, ist achtmal höher als bei anderen Verkehrsteilnehmern: Ein Fahrsicherheitstraining mit Rettungsassistenten.

shz.de von
19. Juni 2012, 08:47 Uhr

Hohenlockstedt | Sie hält das Lenkrad fest umklammert, aber bei Tempo 30 ist Schluss - zumindest für Gesche Klinck. "Wenn man so wie hier einen Kreisel passieren soll, beginnt der Rettungswagen auszubrechen", sagt die 22-jährige Meldorferin als sie aus dem ausrangierten Wagen steigt, mit dem die Retter am Flugplatz Hungriger Wolf bei Hohenlockstedt (Kreis Steinburg) trainieren. Die angehende Rettungsassistentin, die in Trennewurth (Kreis Dithmarschen) arbeitet, ist froh, dass sie an diesem Tag an ihre Grenzen herangeführt wird. "Ich fahre eher vorsichtiger und langsamer und komme dann auch beim Patienten an." Bei einer Einsatzfahrt denke sie zunächst an die Fahrt und dann an den Patienten, zu dem sie gerufen wird.
Das sehen nicht alle so, die ein Blaulicht auf dem Autodach haben. "Es gibt immer noch welche, die fahren wie die Henker", sagt Helmut Siebert. Der 57-Jährige muss es wissen, er fährt seit 33 Jahren Rettungsdienst, beim Fahrsicherheitstraining ist er bereits das siebte Mal. "Die meisten, die hier her kommen, überschätzen sich selbst. Fast jeder denkt, er hat das Auto gut im Griff", sagt Sven Göttsche, der das Training leitet.

Deswegen veranstaltet die Rettungsdienst Kooperation in Schleswig-Holstein (RKISH), die die Retter in den Kreisen Rendsburg-Eckernförde, Steinburg, Dithmarschen und Pinneberg organisiert, zusammen mit dem Verkehrsinstitut Nord die Fahrübungen. "Unser Ziel ist es, dass alle unsere rund 530 Rettungsassistenten in diesem Jahr diese Fortbildung durchlaufen", sagt RKISH-Sprecher Christian Mandel, der sich auch selbst ans Steuer setzt. So wolle man Unfälle minimieren, Schäden vermeiden und langfristig Kosten sparen.
Denn die Unfallgefahr wachse, so bald ein Rettungswagen mit Blaulicht unterwegs ist. Die Gefahr bei einem Unfall schwer verletzt zu werden sei achtmal so hoch wie bei einer normalen Fahrt, die Gefahr eines schweren Sachschadens siebzehn Mal so hoch, die Gefahr, dass jemand bei einem Unfall ums Leben kommt, viermal so hoch, sagt Fahrtrainer Göttsche. Immer wieder geraten die Retter in brenzlige Situationen, erst kürzlich rammte ein Autofahrer in Hamburg einen Rettungswagen und wurde dabei schwer verletzt.
Überschlag im Sicherheitstraining
Sicherheit hat Priorität - das ist es was Fahrtrainer Göttsche den Rettungsassistenten vermitteln will. Die Fahrer haften schließlich selbst für ihr Verhalten. Einmal habe er in einem Training gesehen, wie sich ein Rettungswagen überschlagen habe - "das sah nicht so lustig aus. Da ist einer der Teilnehmer einfach zu schnell gefahren."
Damit das nicht mehr passiert, sollen die Teilnehmer des Fahrtrainings sich und die Autos besser kennenlernen. An diesem Tag üben die Retter das Bremsen aus hohen Geschwindigkeiten und auf verschiedenen Untergründen. Am Ende machen sie Ausweichübungen, dazu gibt es einen theoretischen Teil.
"Na ja, so 150 Sachen werden es wohl gewesen sein"
"Es ist wichtig, dass man an seine Grenze kommt", sagt Göttsche. Deswegen übt er mit den Teilnehmern erstmal das Fahren im Kreis, wie an einer Autobahnabfahrt oder im Kreisel. Die meisten glauben, dass der Rettungswagen es mit Tempo 40 schaffen könnte. Sitzen sie dann aber hinter dem Steuer, ist bei vielen spätestens bei 30 Schluss. "Ab 35 km/h geht nichts mehr, dann können die Reifen den Kontakt zum Boden verlieren", sagt Trainer Göttsche. Er empfiehlt den Rettern, auch mit Blaulicht auf keinen Fall schneller als mit 70 durch die Stadt zu fahren. Und die Rettungswagen der RKISH sind ohnehin technisch auf Tempo 120 begrenzt.
Viele Teilnehmer des Seminars erzählen von Kollegen, die sich nicht an die Ratschläge halten und etwa mit Tempo 60 über rote Ampeln rasen. "Manche glauben, sie sind unbesiegbar. Die denken, die anderen sehen und hören mich doch", sagt eine junge Auszubildende. Manche seien mit Tempo 80 und schneller in geschlossenen Ortschaften unterwegs. Wenn jemand ein Notarzteinsatzfahrzeug steuere, seien die Geschwindigkeiten noch höher, sagt ein anderer.
Früher habe es keine Sicherheitstrainings gegeben, erzählt Helmut Siebert. Er habe Ende der 80er Jahre das erste besucht. "Vorher habe ich das Fahren mit Blaulicht eben von Kollegen gelernt." Einmal wäre das fast schief gegangen - als er von Itzehoe auf der Bundesstraße 5 Richtung Brunsbüttel mit Blaulicht in einem Notarzteinsatzfahrzeug unterwegs war. "Alle haben vor mir Platz gemacht, auch die, die mir entgegen kamen. Nur ein Lastwagenfahrer aus der Gegenrichtung meinte, alle vor ihm überholen zu müssen, der hat wohl geschlafen." Siebert machte eine Vollbremsung, der Lastwagen auch. "Wir blieben ein paar Zentimeter voneinander entfernt stehen", sagt Siebert. Wie schnell er damals war, in dem BMW X 5 mit dem er heute trainiert? Siebert: "Na ja, so 150 Sachen werden es wohl gewesen sein. Aber das würde ich heute nicht mehr machen, bei Tempo 120 ist definitiv Schluss."

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen