Marktbeherrschende Stellung : Fachärzte verkaufen ihre Praxen an Klinik-Konzerne

Kapitalstarke Ketten kaufen Arztpraxen auf – junge Ärzte haben das Nachsehen.
Kapitalstarke Ketten kaufen Arztpraxen auf – junge Ärzte haben das Nachsehen.

Kritiker sprechen von einem „Saugrüssel“, der Krankenhäusern die Betten füllt.

Margret Kiosz von
08. Juli 2018, 14:44 Uhr

Kiel | Mit dem Aufkauf von Arztsitzen drängen kapitalstarke Klinik-Konzerne auch im Norden in den ambulanten Versorgungsbereich. In Schleswig-Holstein gehören ihnen über die Hälfte der Medizinischen Versorgungszentren (MVZ), das ist der höchste Wert in den alten Bundesländern. Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) in Bad Segeberg verkaufen immer mehr Fachärzte ihre Praxen kurz vor dem Ruhestand an Klinik-MVZ. Binnen fünf Jahren hat sich dort die Zahl der Facharztstellen von 272 auf 350 erhöht.

Was sich für niedergelassene Ärzte als praktische Nachfolgeregelung erweist, bereitet jedoch auch Sorgen. Denn die KV, die die Versorgung der Patienten überall im Land sicherstellen muss, kann bei der Nachbesetzung der Praxen nicht mehr ihre Steuerungsfunktion übernehmen. Ein Arztsitz, der ans MVZ gegen Anstellung verkauft wird, muss nicht mehr offiziell ausgeschrieben werden. Das MVZ kann beispielsweise so einen ausscheidenden Rheumatologen durch einen Darmspezialisten ersetzen.

Der Chef des Sachverständigenrates, Ferdinand Gerlach, warnte am Wochenende vor einer Fehlentwicklung, weil einzelne Klinik-Ketten inzwischen eine marktbeherrschende Stellung erreichen. „Es hat im Laborbereich und in der Radiologie angefangen, setzte sich bei den Augenärzten fort und beginnt gerade bei den HNO-Ärzten, da werden im großen Stil zum Teil auch von Risiko-Kapital-Unternehmen Arztsitze aufgekauft“, sagt Gerlach.

Junge Ärzte haben weniger Chancen auf Praxis

Die KV Schleswig-Holstein sieht die Entwicklung ebenfalls kritisch. Weil es nicht gelungen ist, Investoren ohne ärztlichen Hintergrund fernzuhalten, fordert sie eine Obergrenze für überörtliche MVZ-Strukturen. „Wir würden eine gesetzliche Klarstellung begrüßen, dass nur aus der Ärzteschaft heraus – von Ärzten und in bestimmten Fällen auch von Kassenärztlichen Vereinigungen – MVZs gegründet werden dürfen“, sagte KV-Sprecher Delf Kröger. Damit könnte erreicht werden, „fremdfinanzierte Konzernstrukturen in der ambulanten Versorgung zu verhindern und so eine ärztlich geprägte und regional verankerte Versorgung zu erhalten“.

Junge Ärzte haben laut Gerlach heute „kaum eine Chance, zu vernünftigen Sachwertpreisen in den Städten eine Praxis zu übernehmen, weil Ketten sie mit Höchstpreisen überbieten. In keinem anderen Bundesland ist die Konzentration so weit fortgeschritten wie im Norden. Allein die Augenklinik Rendsburg unterhält elf Praxen über ganz Schleswig-Holstein verteilt. Das Augenzentrum Nordblick – mit der ehemaligen Uthoff-Klinik in Kiel im Hintergrund – hat sogar zwölf Praxen von Flensburg bis Fehmarn und Pinneberg aufgekauft.

Indem die Ketten in den ambulanten Sektor vordringen, sichern sie sich durch die Zuweisungen über die eigenen Praxen stationäre Patienten. Kritiker sprechen von einen „Saugrüssel“, mit dem Krankenhäuser ihre Betten füllen.

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