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Untergang der „Condor“ : Experten warnen: „Alle Fischkutter müssen auf den Prüfstand“

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Nach dem Ostsee-Unglück vor Fehmarn forderte die Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung umfangreiche Neuuntersuchungen.

shz.de von
erstellt am 06.Okt.2017 | 07:54 Uhr

Fehmarn/Hamburg | Am 6. Februar ging der Fischkutter „Condor“ von Fehmarn aus auf Fangfahrt – und kehrte nie wieder zurück. Am Abend entdeckten Seenotretter 3,5 Seemeilen östlich der Insel die treibenden Leichen des Kapitäns und seines Bootsmannes. Ihr Schiff lag fast unbeschädigt in 20 Metern Tiefe auf dem Meeresgrund. Der Untergang der „Condor“ war ein Rätsel.

Jetzt hat die Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung (BSU) rekonstruiert, welche Tragödie sich an Bord abgespielt hat. Die „Condor“ sank, weil der Fisch nicht im Laderaum gelagert wurde, sondern an Deck. Außerdem hing der letzte Fang noch in den eingeholten Netzen. Ulf Kaspera, Direktor der BSU: „Durch den veränderten Schwerpunkt hatte das Schiff Stabilitätsprobleme.“ Sie seien so groß gewesen, dass die „Condor“ bei einer harten Wende kenterte.

Experten untersuchten in Rostock unter anderem, ob in dem gesunkenen Kutter der Vorwärts- oder Rückwärtsgang eingelegt war.

Experten untersuchten in Rostock unter anderem, ob in dem gesunkenen Kutter der Vorwärts- oder Rückwärtsgang eingelegt war.

Foto: Bernd Wüstneck
 

Der 143 Seiten lange Abschlussbericht wirft auch brisante Fragen zur Sicherheit aller Fischkutter auf Nord- und Ostsee auf. Denn er enthüllt, dass bei der gesetzlich vorgeschriebenen Berechnung der Stabilität die individuelle Bauform der „Condor“ nicht ausreichend berücksichtigt worden war. So wurde dem Kutter per Gutachten eine trügerische Sicherheit bescheinigt, die er gar nicht hatte.

Die BSU empfiehlt der Berufsgenossenschaft Verkehr daher, sämtliche Stabilitätsgutachten aller deutschen Fischkutter in der Klasse unter 24 Metern Länge auf mögliche Berechnungsfehler zu überprüfen, um eine weitere Tragödie zu verhindern. BSU-Direktor Kaspera: „Etwa 730 Fischkutter sind davon betroffen.“

Protokoll eines Unglücks

Und so ist das „Condor“-Unglück nach den Ermittlungen der BSU-Experten abgelaufen: Morgens um 6.47 Uhr legte das Schiff im Heimathafen Burgstaaken zu einer Tagesfangfahrt ab. An Bord waren der Kapitän (52), der den Kutter seit 20 Jahren fuhr, und sein Decksmann (45), ebenfalls ein erfahrener Fischer. Gegen 11.30 Uhr rief der Kapitän bei seinen Kollegen der Fischereigenossenschaft an, berichtete von einem Fang von über drei Tonnen und bat um Hilfe beim Entladen und Verarbeiten.

Gegen 11.35 Uhr nahm die „Condor“ Fahrt auf und drehte in Richtung Fehmarn. Bei diesem Manöver kenterte der Kutter über die Backbordseite und versank schlagartig. Für die beiden Besatzungsmitglieder, die keine Rettungswesten trugen, sei keine Zeit geblieben, einen Notruf abzusetzen, heißt es in dem BSU-Bericht. Die Männer stürzten in die drei Grad kalte Ostsee und ertranken. Die Seenotfunkbake, die sich bei Kontakt mit Wasser vom Schiff lösen und automatisch ein Signal senden soll, wurde von dem sinkenden Kutter in die Tiefe gerissen – ebenso wie die automatisch aufblasbare Rettungsinsel. Die öffnete sich nicht, weil die Reißleine bei einer Wartung falsch gepackt worden war. Der Hersteller hat der dafür verantwortlichen Service-Station in Dänemark die Zulassung entzogen. Und alle Rettungsinseln, die dort gewartet wurden, zurückgerufen.

Der Laderaum des Wracks war leer

Als das Wrack der „Condor“ gehoben wurde waren zwei Netze voller Dorsch noch mit dem Mast verbunden, der Laderaum aber war leer. Die BSU-Ermittler gehen deshalb davon aus, dass der Fang an Deck gelagert wurde, was den Kutter instabil machte. Weil zudem der Treibstofftank fast leer war, fehlte ein wichtiges Gegengewicht im Rumpf. „Es ist menschlich verständlich, den Fisch nicht im Laderaum zu lagern, damit man beim Entladen nicht so viel Arbeit hat“, sagt Kaspera. „Das ist vielleicht 20 Jahre immer gut gegangen, nur in diesem einen Fall leider nicht.“

Für die „Condor“ war zuletzt 2005 ein Stabilitätsgutachten erstellt worden. Im Hafen maß ein Aufsichtsbeamter des Germanischen Lloyd, wie gut sich das Schiff nach einer Neigung wieder aufrichtete. Die mathematische Auswertung nahm er jedoch an einem Modell vor, dass nicht der tatsächlichen Form der „Condor“ entsprach. Wäre ein passendes Modell angewendet worden, wäre der Kapitän möglicherweise gewarnt gewesen und hätte durch Ballast im Rumpf den Schwerpunkt verändern können.

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