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Landtagswahl in SH : Ex-Spitzenkandidat Ingbert Liebing: „Es ist jetzt so, wie es ist“

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Vor einem halben Jahr war Ingbert Liebing noch Spitzenkandidat, jetzt ist er nicht mal im Schattenkabinett – ein Besuch bei einem Wahlkämpfer.

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erstellt am 04.Mai.2017 | 17:07 Uhr

Leck | Daniel Günther steht neben Angela Merkel im Hansa-Park (Kreis Ostholstein), Ingbert Liebing steht neben Ann Kristin Hahn bei Edeka in Leck (Kreis Nordfriesland) und gibt ihr einen Kugelschreiber mit seinem Konterfei darauf. „Denken Sie am 7. Mai an uns, machen Sie das Kreuz ganz oben“, sagt der CDU-Direktkandidat im nördlichsten Wahlkreis bei der Landtagswahl. Die junge Frau freut sich, spricht kurz mit Liebing – auch wenn sie ihn nicht wählen wird. „Das hat aber nichts mit seiner Person zu tun, ich wähle nie CDU.“

Ingbert Liebings Rückzug aus der Spitzenkandidatur erfolgte unter anderem wegen schlechter Umfragewerte. Nur neun Prozent der Schleswig-Holsteiner wünschen sich danach den damaligen Spitzenkandidaten der Union als künftigen Ministerpräsidenten. Zum Vergleich: 38 Prozent der Befragten sprachen sich für Torsten Albig als Ministerpräsidenten in Schleswig-Holstein aus, 21 Prozent für Wolfgang Kubicki.

Liebing kann mit solchen Sätzen leben. Der Wahlkampf an der Basis ist das, was ihm geblieben ist, dem einstigen Hoffnungsträger der Nord-CDU. „Klar, unter anderen Bedingungen wäre ich heute woanders“, sagt Liebing und meint den Termin mit der Bundeskanzlerin.

Es ist gerade mal ein halbes Jahr her, dass der 53-Jährige entnervt von seiner Spitzenkandidatur zurücktrat und auch gleich den Parteivorsitz hinschmiss. Da hatte er schon beschlossen, nicht mehr für den Bundestag zu kandidieren und sich statt dessen in Nordfriesland um ein Landtagsmandat zu bewerben. Das hat er nicht aufgegeben, den totalen Ausstieg aus der Politik vermieden, es bleibt sein Beruf. Seit fast 40 Jahren ist Liebing in der CDU, seit 30 Jahren lebt er von oder durch sie: Er ist Ex-Ratsherr, Ex-Mitarbeiter der Landtagsfraktion, Ex-Bürgermeister, bald Ex-Bundestags-Abgeordneter. Bisschen viel Ex für einen Mann im besten Politikeralter. Er habe nun vor allem ein großes Ziel, sagt Liebing: Den für die CDU sichereren Wahlkreis deutlich zu gewinnen.

Und sonst? Die CDU zieht in den Umfragen mächtig an, sein Nachfolger Daniel Günther kann sich mittlerweile reelle Chancen ausrechnen, Ministerpräsident zu werden. Dabei liegen dessen Bekanntheitswerte gar nicht so sehr über denen, die Liebing vor einem halben Jahr vorweisen konnte – allerdings wollen deutlich mehr Menschen Günther als Ministerpräsidenten als damals Liebing.

Und nun? „Es ist jetzt so, wie es ist“, sagt Liebing und zuckt mit den Schultern. Er gibt zu, dass es hin und wieder Momente gebe, in denen er sich frage, wie er in der einen oder anderen Situation als Spitzenkandidat reagiert hätte. „Aber das ist alles müßig“, sagt der Noch-Bundestagsabgeordnete, zückt wieder einen Kugelschreiber und gibt ihm dem nächsten potenziellen Wähler.

Liebing hadert nicht, er tritt auch nicht öffentlich nach gegen die Parteifreunde, die ihn damals nicht mehr unterstützten. Aber er erzählt auch, dass es ihn freut, dass eine Frau ihm nach dem TV-Duell zwischen Torsten Albig und Daniel Günther geschrieben hat, dass er das alles sicher besser gemacht hätte. Über seinen Nachfolger, dessen Bild auf der Rückseite von Liebings Flyer prangt, den er fleißig verteilt, verliert er kein böses Wort. „Ich wünsche Daniel Günther alles Gute, ich habe ihn ja schließlich als meinen Nachfolger vorgeschlagen.“ Dass es in der CDU gar keinen anderen präsentablen Kandidaten mehr gab, lässt Liebing unerwähnt.

Ihm selbst droht jetzt ein Dasein als Hinterbänkler im Landtag. Günther hat ihn nicht für sein Kompetenzteam nominiert. Ist Liebing darüber enttäuscht? „Das ist die Entscheidung des Spitzenkandidaten“, sagt er. So kann man die Frage auch beantworten.

Im Edeka-Markt kennen viele Ingbert Liebing. Manche wissen, dass er an der Spitze der CDU gescheitert ist, aber „es ist doch in Ordnung, dass er es hier nochmal probiert“, sagt ein älterer Mann. Liebing ist in der Region mittlerweile verwurzelt, lebt seit 1996 auf Sylt. Eine Frau, mit der er sich unterhalten hat, möchte ihm sogar einen Kaffee an seinen Stand bringen.

Liebing könnte nach seiner Niederlage den Wahlkampf laufen lassen. In Nordfriesland hat die SPD noch nie viel gerissen. Doch Liebing kniet sich rein, nachdem seine Leute seinen Stand bei Edeka abgebaut haben geht es noch zum Haustürwahlkampf. „Guten Tag, ich bin ihr CDU-Bundestagsabgeordneter und kandidiere jetzt für den Landtag“, sagt Liebing, als die Menschen in der Einfamilienhaussiedlung die Türen öffnen. Er will so viele Wähler wie möglich direkt ansprechen. Das habe er schon immer so gemacht, sagt er, nicht erst, seit die Landespartei das vorgegeben habe. „Kurz ansprechen, mich vorstellen – und dann ist auch gut.“

Die Bundespartei hat eine Potenzialanalyse erstellt, demnach sind die Menschen in der Siedlung in Leck mindestens zur Hälfte für die Ideen der CDU empfänglich. 40 Türen könne er in einer Stunde schaffen, meint Liebing. Meist wird er nett begrüßt, manchmal auch abgewimmelt oder er muss sich von einem Wähler anhören, dass der ja mal 100 Kaninchen hatte – damals als alles besser war.

Liebing versucht, nicht zurückzudenken, er schaut nach vorn. Und wie schätzt er seine Rolle in der künftigen Landtagsfraktion ein? Liebing zuckt mit den Schultern – und sagt dann: „Das wird sich zeigen.“

Mehr zur Landtagswahl am 7. Mai lesen Sie auf shz.de/landtgswahl.

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