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Letzter Ausweg Babyklappe : "Es sind Frauen aus bürgerlichem Haus"

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Leila Moysich, beim Hamburger Sternipark verantwortlich für das Projekt "Findelbaby" berichtet von ihrer Arbeit.

Frau Moysich, warum der Standort in Satrupholm?
Die Babyklappe in Satrupholm ist die einzige im nördlichen Schleswig-Holstein. Wir wissen, dass Frauen die Kinder ausgesetzt haben, lange Wege auf sich nehmen. Wer zu einer Tankstelle in Tönnig fahren kann, findet auch den Weg nach Satrupholm, wenn sie denn davon weiß. Leider war das in diesem Fall nicht so. Der ursprüngliche Auslöser waren zwei tot aufgefundene Kinder 2006 und 2007 von derselben Mutter. Daraufhin haben wir uns entschlossen, unsere Mutter-Kind-Einrichtung in Satrupholm um eine Babyklappe zu erweitern.

Was sind das für Frauen, die Ihnen ihre Neugeborenen anvertrauen?
Die Frauen stammen aus allen Teilen der Gesellschaft. Auch solche die man nicht erwartet hätte. Es ist die Studentin, die Abiturientin, die Auszubildende, die Berufstätige - es sind Frauen, die mit beiden Beinen im Leben stehen. Meist sind sie zwischen 20 und 25 Jahren alt, haben vielleicht schon ein oder auch zwei Kinder. Natürlich ist es auch die Frau die vergewaltigt worden ist oder die muslimische Frau, die um ihr Leben fürchtet.

Wovor fürchten sich diese schwangeren Frauen?
Sie schämen sich zur Unzeit schwanger geworden zu sein und geraten in einen Kreislauf von Schweigen, Verdrängen und der Angst davor, dass es jemand erfährt. Sie haben Angst vor Ablehnung, davor allein zu sein, nicht mehr arbeiten zu können, davor, dass der Mann sie verlässt, die Familie sich abwendet oder sie mit der Situation überfordert sind. Sie haben Angst, für ihr Kind nicht gut genug zu sein. Sie haben auch Angst davor, durch das Kind an die Vergewaltigung erinnert und davor von ihrer Familie ausgestoßen zu werden.

Kritiker behaupten, bei dem Angebot der Babyklappe bleibe die Beratung der Mütter auf der Strecke. Was entgegnen sie?
Beratung ist entscheidend und beginnt schon mit unserem Notruftelefon. Auch die Babyklappe selbst ist ja ein Hilfsangebot. Hier ist ein Brief an die Mutter hinterlegt, in dem der Frau Hilfe angeboten wird. Wir haben im direkten Kontakt über 400 Frauen betreut, 60 Prozent haben sich durch die Beratung in den ersten acht Wochen nach der Geburt, für ihr Kind entschieden. Von den 39 Frauen, die ihr Kind in die Babyklappe gelegt haben, haben sich über die Hälfte wieder gemeldet. 16 Kinder leben bei ihren Müttern. Die Babyklappe ist also eingebettet in ein umfangreiches Hilfs- und Beratungsangebot. Über dieses kann sich auch die Mama des Kindes aus Tönning jederzeit melden.

Notruftelefon: 0800 456 0 789

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erstellt am 11.Sep.2010 | 06:22 Uhr

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