Prozess gegen 30-Jährigen in Lübeck : „Es ist eine große Familientragödie“

Mit einem Bauchgurt, an dem die Handschellen fixiert werden können, wird André K. in Saal 315 geführt. Er trägt Anstaltskluft.
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Mit einem Bauchgurt, an dem die Handschellen fixiert werden können, wird André K. in Saal 315 geführt. Er trägt Anstaltskluft.

Mutter mit Geflügelschere erstochen, Oma schwer verletzt – und den Prozess vor dem Lübecker Landgericht lässt der Angeklagte platzen.

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09. Januar 2018, 21:26 Uhr

Lübeck | Es ist unschwer zu erkennen, dass der Angeklagte die Macht genießt, die ihm so unvermittelt in die Hände fällt. André K. (30) lehnt sich zurück und sagt: „Nein.“ Damit ist der Prozess gegen ihn geplatzt – vorerst zumindest. Sein Rechtsanwalt schüttelt müde den Kopf, auf der Stirn der Vorsitzenden Richterin bilden sich deutlich sichtbar Zornesfalten. Und wohl jeder Zuschauer fragt sich, wie dem Lübecker Landgericht eine so gravierende Panne unterlaufen konnte.

André K., gelernter Dachdecker aus Lübeck, soll seine Mutter mit einer Geflügelschere erstochen haben. Und er hätte vermutlich auch seine Oma damit getötet, wenn die ihn nicht mit einer Bratpfanne kampfunfähig geschlagen hätte. Das Familiendrama war damit aber noch nicht vorbei, sondern forderte ein weiteres Todesopfer – der bettlägerige Vater des Angeklagten kam nach der Bluttat in ein Pflegeheim, erstickte dort zwei Monate später. Und ohne Frage wurden viele Seelen zerstört: Die drei Kinder von André K. können nicht fassen, dass ihr Papa ein Mörder ist.

Doch jetzt lässt André K. das Gericht erst einmal nach seiner Pfeife tanzen. Ihm ist die Ladung zum Prozess nicht fristgerecht zugestellt worden. Er bekam sie erst sechs Tage vorher – sieben hätten es sein müssen. Die Vorsitzende Richterin Helga von Lukowicz erklärt: „Die Kammer ist wegen des neuen Geschäftsverteilungsplans erst seit dem 1. Januar zuständig, die Ladung konnte also frühestens am 2. Januar rausgehen.“ Der Prozess könne trotzdem fortgesetzt werden, wenn der Angeklagte damit einverstanden sei.

Aber das ist er nicht, auch nicht nach Beratung mit seinem Rechtsanwalt. „Glücklich bin ich mit der Situation nicht“, sagt Hans-Jürgen Wolter auf dem Gerichtsflur. Und fügt dann hinzu: „Es ist eine große Familientragödie, für meinen Mandanten geht es um viel. Deshalb will er Zeit für ein Gespräch mit einem weiteren Sachverständigen. Denn er war durch Drogen und seine psychischen Probleme so beeinträchtigt, dass er keine konkrete Erinnerung mehr an diesen Abend hat.“

Dieser Abend, das war der 14. Juli 2017. André K. hatte Mutter Iris K. (51) besucht. Warum es mit ihr zum Streit kam, ist unklar. Freunde der Familie sagen, André K. habe Geld gebraucht, um zu seiner Lebensgefährtin nach Riga (Lettland) zu fahren. Doch der Rechtsanwalt betont, sein Mandant habe den pflegebedürftigen Vater wohl grob behandelt. Bodenleger Andreas K. (53) war nach einem Herzinfarkt vor zehn Jahren reanimiert worden, litt seitdem an einer irreparablen Hirnschädigung.

14. Juli 2017: Bestatter tragen die Leiche von Iris K. aus dem Einfamilienhaus in der Straße Am Teichberg in Lübeck.
Foto: Holger Kröger
14. Juli 2017: Bestatter tragen die Leiche von Iris K. aus dem Einfamilienhaus in der Straße Am Teichberg in Lübeck.
 

Im Streit mit der Mutter habe der Angeklagte zunächst mit den Fäusten auf sie eingeschlagen, heißt es in der Anklage wegen Totschlags und versuchten Totschlags, die noch vor dem Konflikt um den Formfehler verlesen wurde. „Dann holte er aus der Küche eine Geflügelschere und stach auf Kopf, Brust, Bauch und Rücken der Mutter ein“, sagt Staatsanwalt Nils-Broder Greve. Iris K. starb durch einen Stich ins Herz. Als die Großmutter, die im selben Haus lebte, aufwachte und ihrer Tochter zur Hilfe eilte, soll André K. auch sie zu Boden geschlagen und dann 20 mal mit der Geflügelschere auf sie eingestochen haben. Der Staatsanwalt: „Danach wendete sich der Angeklagte wieder der bereits toten Mutter zu. Diese Gelegenheit nutzte die Großmutter, um ihrem Enkel eine Bratpfanne auf den Kopf zu schlagen.“

André K. sackte bewusstlos zusammen. Oma Christina W. (78) soll trotz ihrer schweren Verletzungen die Nachbarn alarmiert haben, die dann die Polizei riefen. Die alte Dame lag nach der Tat sechs Tage auf der Intensivstation, überlebte, auf einem Auge durch die Stiche mit der Geflügelschere erblindet. Sie ist nun Nebenklägerin und hätte am Dienstag als Zeugin aussagen sollen. Ihr Rechtsanwalt, Frank-Eckhard Brand, erklärte: „Für sie ist die Aussetzung der Hauptverhandlung ein Desaster. Sie hat sich auf diesen Tag vorbereitet, was ihr nicht leicht gefallen ist, denn die Aussicht, noch einmal über diesen Abend reden und ihren Enkel sehen zu müssen, belastet sie sehr.“

Die Verlesung der Anklage verfolgte André K. ohne Regung, strich sich nur ab und zu durch seinen Bart. Er ist der Alleinerbe des Familienvermögens, wurde aber wegen seiner psychischen Auffälligkeit unter Betreuung gestellt. Er hat zwar Dachdecker gelernt, aber nie in dem Beruf gearbeitet, bezog Hartz IV. Allenfalls half er mal am Marktstand seiner zweiten Großmutter. „Eine latente Aggressivität war schon immer in ihm“, sagt eine Bekannte. „Warum sie sich gegen seine Mutter gerichtet hat, können wir alle nicht verstehen. Sie hat ihn immer aus allem rausgeholt, stand immer an seiner Seite.“ Der Prozess soll am 24. Januar neu beginnen.

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