Mit Kommentar : Erntebilanz für SH: Bringt Abwechslung in der Fruchtfolge mehr Erträge?

20 Prozent kleinere Anbaufläche wegen Nässe bei der Aussaat: Landwirte bei der Weizenernte im Kreis Stormarn.
20 Prozent kleinere Anbaufläche wegen Nässe bei der Aussaat: Landwirte bei der Weizenernte im Kreis Stormarn.

Landwirte glauben, dass diese Gleichung aufgeht – zum Beispiel angesichts der überraschenden Kehrtwende beim Raps.

fju_maj_0203 von
25. August 2020, 10:04 Uhr

neudorf-bornstein | „Es ist ein Moment des Durchatmens“: So charakterisiert Landwirtschaftsminister Jan Philipp Albrecht (Grüne) die neue Ernte.

Eine gemeinsame Pressekonferenz des Ressort-Chefs mit Landwirtschaftskammer und Bauernverband auf Gut Behrenbrook in Neudorf-Bornstein (Kreis Rendsburg-Eckernförde) machte deutlich: Nach zwei schwierigen Jahren zeigen die Mundwinkel der meisten Ackerbauern in Schleswig-Holstein diesmal wieder nach oben. Das Getreide erreichte durchschnittliche Erträge. Und der Raps überrascht nach längerer Durststrecke mit einer bemerkenswert guten Saison.

„Wir setzen auf sechs bis acht Karten“

Vor ein paar Jahren noch war auch auf Gut Behrenbrook alles ganz klassisch: Raps, Weizen und Gerste baute der Betrieb in Neudorf-Bornstein nördlich von Gettorf an. „Inzwischen setzen wir auf sechs bis acht Karten, denn mindestens eine Frucht davon wird schon laufen“, sagt Inhaber Richard Bonse.

Dass sich damit die Fläche für den Raps zwangsläufig verkleinert hat, hat sich trotzdem ausgezahlt: „Der Rückbau hat einen positiven Einfluss auf die Erträge“, resümiert Bonse. 41 Doppelzentner pro Hektar vom „Gold des Nordens“ hat er diesmal eingefahren. Damit hat der Landwirt zum landesweiten, unerwartet hohen Durchschnitt beim Raps aufgeschlossen.

Weiterlesen: Stabile Preise, gute Ernte: Landwirte in SH können 2020 zufrieden sein

Bessere Leistung der Böden

Gleich zwei Trends also, weswegen Landwirtschaftsministerium und Landwirtschaftskammer das Gut für die Ernte-Pressekonferenz ausgesucht hatten. Eine abwechslungsreichere Fruchtfolge sieht Minister Jan Philipp Albrecht (Grüne) als „zentrale Stellschraube“, um die Leistung der Böden zu verbessern und zugleich das Risiko zu minimieren, wenn eine Pflanzenart mal nicht so mitspielt, ob nun durch Wetter- und Klimaveränderungen oder durch Schädlingsbefall.

„Viele Landwirte haben sich da aus Eigeninteresse auf den Weg gemacht“, beobachtet Landwirtschaftskammer-Präsidentin Ute Volquardsen. Sie vermutet in der vielseitigeren Fruchtfolge unter anderem „einen Gesundungseffekt“ für das Comeback des Rapses. Den hebt Volquardsen als große Überraschung der diesjährigen Ernte hervor:

Da erleben wir eine Kehrtwende. Ute Volquardsen, Landwirtschaftskammer-Präsidentin
 

Die besten Erträge seit vier Jahren bedeutet der landesweite Mittelwert von 41 Dezitonnen pro Hektar. Allerdings können sich weniger Bauern als früher daran freuen – wurde doch die Anbaufläche allein gegenüber dem letzten Jahr um zehn Prozent verkleinert, weil die Frucht zum Sorgenkind geworden war.

Auf 67.400 Hektar stand in der aktuellen Saison Raps. Unter anderem das Verbot von Pestiziden machen Landwirte für eine schlechte Entwicklung der Pflanze über Jahre verantwortlich. Der Raps habe diesmal „von der guten Entwicklung der Wurzel im Winter profitiert“, so Volquardsen. Bis zu 50 Zentimeter hätten sie es in die Tiefe geschafft. „Dadurch kamen die Pflanzen später gut durch die Trockenheit.“

Volquardsen rechnet mit guter Mais-Saison

Dass jetzt Niederschläge zurückgekehrt sind, lässt nach den Worten von Volquardsen zudem auf eine gute Mais-Saison schließen. Die Energie- und Futterpflanze steht noch einige Wochen auf den Feldern. Auch an Stroh und Heu, stellte Volquardsen heraus, gebe es in diesem Jahr so gar keine Knappheit. Die Preise liegen laut Landwirtschaftskammer bisher leicht über dem Vorjahresniveau. Allerdings könnten die Märkte in Folge des Brexits und des Handelsstreits zwischen China und den USA in Turbulenzen geraten.

Die wichtigste Marktfrucht auf den Äckern bleibt mit 137.200 Hektar Anbaufläche der Winterweizen. Das sind jedoch 20 Prozent weniger als im Vorjahr. Grund sind schlechte Aussaatbedingungen durch zu große Nässe im Herbst. Die Erträge übersteigen die des Vorjahres um zwei Prozent.

Gute Ernte ist kein Ruhekissen

Ein Kommentar von Frank Jung

Im Norden leben die Landwirte bei der Ernte ausnahmsweise mal auf einer Insel der Glückseligkeit. Der gebeutelte Berufsstand hat es mehr als verdient und allen Grund, seine Freude darüber zu genießen. Wie knapp Regenverteilung und Wasserspeicher im Boden gereicht haben, zeigt zugleich einmal mehr, wie sehr Landwirtschaft Lotterie unter dem Diktat der Naturgewalten ist.

Die Abhängigkeit vom Zufall wird in diesem Erwerbsfeld nie verschwinden. Minimieren immerhin lässt sie sich, und Anlass dazu gibt es, weil die Lotterie in Zeiten zunehmender Wetter- Und Klimaextreme oft genug schlecht ausgegangen ist. Kreativität und Know-how seitens der Bauern sind das eine, um mit diesen neuen Herausforderungen umzugehen. Erste Ansätze haben schon zum Erfolg beigetragen.

Das andere sind auskömmliche Rahmenbedingungen, um Innovation finanzieren zu können. Eine gute Ernte entlässt Verbraucher nicht aus der Verantwortung, Nein zu Ramschpreisen zu sagen. Und die Politik nicht aus dem Auftrag, beim Verteilen der EU-Agrarmilliarden für die nächsten sieben Jahre zum Winter hin die Weichen richtig zu stellen. Anreize für Diversifizierung auf den Höfen und einen schonenden Umgang mit der Umwelt sind gefragt. Beides trüge bei zur Risikominimierung gegen Trockenheit, Starkregen, Hitze, Kältewellen & Co.

Vegane Ernährung lässt Hafer-Nachfrage steigen

Viele Bauern haben alternativ auf Hafer umgesattelt. Vegane Ernährung beflügelt die Nachfrage nach Hafermilch und Schälhafer. Hafer wuchs auf doppelt so vielen Feldern wie 2019, blieb aber mit 16.200 Hektar von untergeordneter Bedeutung. Roggen kam mit 28.300 Hektar auf einen durchaus höheren Anteil, Wintergerste mit 65.700 Hektar auf deutlich mehr.

Felder, die wegen der Nässe in Herbst und Winter frei geblieben waren, nutzten Bauern für Sommergerste, Sommerweizen und Ackerbohne. Bei der Sommergerste gab es gar eine Verdreifachung auf 15.700 Hektar. 1,5 Millionen Tonnen der gesamten Erntemenge sind Brot- und 0,8 Millionen Tonnen Futtergetreide.

Sorgt Corona für ein Überangebot an Kartoffeln?

Von guten Erträgen geht die Landwirtschaftskammer auch bei Kartoffeln aus. Durch die Wärme sind die – auf 40 Prozent der Felder beregneten – Knollen gut gewachsen. Es zeichnet sich bereits ein Überangebot ab: Weil es durch Corona kaum Veranstaltungen gibt, werden deutlich weniger Pommes Frites verkauft.

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