Schluss mit langen Wartezeiten? : Erleichterung für Patienten in SH – Ärzte wollen die Krankschreibung per Telefon

Telefonsprechstunde: In Schleswig-Holstein muss man sich vielleicht schon bald nicht mehr für jede Krankschreibung ins Wartezimmer schleppen.

Telefonsprechstunde: In Schleswig-Holstein muss man sich vielleicht schon bald nicht mehr für jede Krankschreibung ins Wartezimmer schleppen.

Mediziner dürfen Patienten bei Erstkontakt nicht aus der Ferne beraten – das könnte sich in Schleswig-Holstein noch 2018 ändern.

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22. März 2018, 06:20 Uhr

Kiel | Die Nase dicht, der Hals schmerzt, der Kopf dröhnt, man ist schwach und abgeschlagen – eine klassische Erkältung. Und trotzdem müssen sich viele Menschen aufraffen, dick einpacken und den Gang zum Hausarzt machen. Eine Krankschreibung für den Arbeitgeber muss her. Damit könnte in Schleswig-Holstein bald schon Schluss sein. Wenn es nach der Ärztekammer geht, soll auch eine Erstberatung telefonisch möglich sein. Dafür soll das Fernbehandlungsgesetz gelockert werden.

Was besagt das Fernbehandlungsverbot?

Das sogenannte Fernbehandlungsverbot ist in Deutschland Bestandteil der ärztlichen Musterberufsordnung. Ärzte dürfen zwar auch beraten und therapieren, ohne dass sie den Patienten physisch vor sich haben – jedoch nur dann, wenn dieser bereits bekannt ist und dessen Leiden von dem Arzt vorher in persönlichem Kontakt diagnostiziert wurde. Untersagt sind Erstdiagnosen und Beratung nicht vorstellig gewordener Patienten per Telefon oder Videoschalte.

 
 

„Uns ist daran gelegen, für Rechtsklarheit zu sorgen“, sagte Dr. Franz Bartmann, Präsident der Ärztekammer Schleswig-Holstein, gegenüber shz.de. In erster Linie profitierten jedoch die Patienten. „Ein vierstündiger Virenaustausch im Wartezimmer ist der Gesundheit nicht unbedingt förderlich.“ Wenn es um kurzzeitige Krankschreibungen oder um eine erste Orientierung gehe, sei eine Telefon- oder Videosprechstunde deshalb eine große Entlastung.

Dr. Franz Bartmann
Privat

Dr. Franz Bartmann

Dass Menschen, die nicht krank sind, sich so zukünftig leichter ein Attest verschaffen könnten, glaubt er nicht. „Ein Arzt kann anhand der Schilderungen oft schon eine Diagnose stellen. Den sterbenden Schwan kann man letztlich auch in der Praxis markieren.“ Es gehe zudem auch um Fragen wie „muss ich überhaupt zum Arzt’“ oder „zu welchem Arzt“, so der Experte, der außerdem betont: „Auch bei einer Telefonsprechstunde gilt natürlich die Sorgfaltspflicht.“

In Baden-Württemberg habe man bereits einen vorsichtigen Modellversuch gewagt. „Dabei hat sich gezeigt, dass die Bereitschaft der Ärzte für die telefonische Sprechstunde bundesweit größer ist als erwartet“, so Bartmann. Deshalb stehe das Thema auch auf dem Ärztetag im Mai auf der Agenda.

Noch im April tagt in Schleswig-Holstein die Kammerversammlung. Dort soll bereits eine grundsätzliche Entscheidung getroffen werden. „Die Signale stehen bei uns auf Lockerung. Wahrscheinlich schon in diesem Jahr.“ Das Ergebnis des Ärztetages wolle man dennoch abwarten, sagte der Experte. „Ist es positiv, schließen wir uns an, ansonsten würden wir wohl eine eigene Regelung formulieren.“

Eine Satzungsänderung müsste noch durch das Gesundheitsministerium in Kiel genehmigt werden. Die Chancen dafür stehen aber gut. „Ohne dem Beschluss der Ärztekammer vorgreifen zu wollen: die Vorteile einer Änderung liegen auf der Hand“, sagte Minister Heiner Garg auf Nachfrage. „Telemedizin kann sowohl eine Brücke zwischen ambulantem und stationärem Sektor als auch zwischen dem ländlichen Raum und Spezialisten in Ballungsgebieten schlagen. Gerade in einem Flächenland wie Schleswig-Holstein kann Telemedizin eine sinnvolle Ergänzung für die Behandlung der Patienten sein.“

Wenn es um kurzzeitige Krankschreibungen oder um eine erste Orientierung geht, könnte eine Telefonsprechstunde eine große Entlastung für die Patienten sein.
imago/Paul von Strohheim

Wenn es um kurzzeitige Krankschreibungen oder um eine erste Orientierung geht, könnte eine Telefonsprechstunde eine große Entlastung für die Patienten sein.

In dieselbe Kerbe schlagen deshalb auch die Krankenkassen. Die Techniker Krankenkasse etwa habe schon länger für eine Lockerung der Regelungen plädiert, teilte Dr. Johann Brunkhorst, Leiter der TK-Landesvertretung Schleswig-Holstein mit.

Wie eine Telefonsprechstunde in den Praxisalltag integriert werden kann, müsse jeweils vor Ort organisiert werden, so Bartmann. „Die Veränderung der Berufsordnung würde ja erstmal nur die Möglichkeit eröffnen. Ob man diese nutzt, steht jedem Arzt frei.“ Und eines sei auch klar: „In den überwiegenden Fällen wird ein persönlicher Kontakt weiter nötig sein.“

 
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