Oksbøl/Varde : Erinnerung an deutsche Flüchtlinge

Qualvolle Enge prägte das Lagerleben.
Qualvolle Enge prägte das Lagerleben.

35 000 Menschen hinter Stacheldraht / Dänisches Projekt will eines der großen Lager zeigen / Initiatoren suchen Partner in Deutschland

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11. Mai 2011, 05:52 Uhr

Oksbøl/Varde | Ein Flüchtlingsmuseum, integriert in eine Jugendherberge, ist Teil eines ambitionierten Tourismus-Planes, den eine Arbeitsgruppe in Oksbøl bei Esbjerg vorstellte. Die Initiatoren wollen das ehemalige Rathaus architektonisch an die Jugendherberge anschließen, den Herbergsbetrieb ins Rathaus verlagern und das Herbergsgebäude in ein Flüchtlingmuseum umwandeln. Auch die benachbarte Fortbildungsstätte "Ragu-Ku" soll wie das Rathaus durch verglaste Gänge an die Jugendherberge angebunden werden.

Henrik Slot Hansen, Vorsitzender des Entwicklungsrates und Mitinitiator, hält die Pläne für realistisch, besonders wenn auch deutsche Organisationen mit eingebunden werden. Das könne beträchtliche EU-Fördergelder generieren. Allerdings: "Wir haben noch keinen deutschen Zusammenarbeitspartner gefunden", so Henrik Slot Hansen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg sind zahlreiche deutsche Flüchtlinge aus Ostpreußen, Schlesien und Pommern nach Dänemark gelangt und unter anderem im Flüchtlingslager in Oksbøl untergekommen, bis die meisten von ihnen sich schließlich in Schleswig-Holstein niederließen. Das ehemalige Übungslager der deutschen Wehrmacht, bestehend aus Baracken, Pferdeställen und wenigen Backsteingebäuden, nahm schon im Februar 1945 die ersten Flüchtlinge auf und wuchs schnell zum sechstgrößten Lager Dänemarks an. Auf dem von Stacheldraht umzäunten Gelände kamen damals bis zu 35 000 Deutsche unter.

Chefredakteur Siegfried Matlok vom Nordschleswiger, der deutschsprachigen Tageszeitung in Dänemark, sagte zu den Vorschlägen, dass die Pläne eines Flüchtlingsmuseums in Oksbøl sicherlich "großes Interesse in Norddeutschland" wecken würden. Das Thema sei in Deutschland "kein Tabu mehr".

Auch wenn viele Flüchtlinge in Oksbøl verstarben, zeigt der vielbesuchte Kriegsfriedhof dort doch das große Interesse der Nachfahren an der Zeit von 1945 bis 1949, als das Lager existierte, meint Henrik Slot Hansen, der mit 30 000 Besuchern jährlich für das neue Museum rechnet. Veröffentlichungen während der vergangenen Jahre hätten gezeigt, dass auch über 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges großes Interesse an diesem besonderen Kapitel der dänisch-deutschen Geschichte besteht, dem Aufenthalt von bis zu 245 000 deutschen Flüchtlingen, die ab Ende 1944 vielfach auf dem Seeweg unter schrecklichen Bedingungen aus den deutschen Ostgebieten vor der

heranrückenden Roten Armee nach Schleswig-Holstein und nach Dänemark fliehen mussten .

In Oksbøl bei Varde richtet das "Museum für Varde og Omegn" bereits eine Dauerausstellung zum Thema "Deutsche Flüchtlinge" ein. Unter den Insassen des Lagers waren auch Menschen, die zuvor privat bei deutschen Nordschleswigern Aufnahme gefunden hatten, aber ins Lager mussten, weil die dänischen Behörden die "ungebetenen Gäste" nach dem Ende der deutschen Besatzungszeit isoliert von der dänischen Gesellschaft unterbringen wollten. Die Flüchtlinge konnten erst nach und nach in Richtung Deutschland ausreisen. Die alliierten Besatzer verhinderten deren Ausreise aus Dänemark, das für Unterbringung und Verpflegung der Menschen sorgen musste.

Wer Kirche und Friedhof im Dorf Oksbøl besichtigt, stößt auf Grabsteine aus den Jahren 1945 bis 48, die stutzig machen: Massen deutsch klingender Namen mit Lebensdaten stehen darauf, die oft kaum über den ersten oder zweiten Geburtstag hinausreichen.

Es waren Beobachtungen auf Friedhöfen wie diesem, die Kirsten Lylloff ebenso nachdenklich wie neugierig gemacht haben. "Dafür musste es eine Erklärung geben", sagt die Oberärztin am Krankenhaus von Hillerød nördlich von Kopenhagen. Lylloff hat sie recherchiert - und mit der Veröffentlichung 60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs die dänische Geschichte um ein bisher übersehenes, dunkles Kapitel bereichert: In deutschen Flüchtlingslagern in Dänemark starben 7000 Kinder, die aus Ostpreußen, Danzig-Westpreußen und Pommern . Festgehalten hat Lylloff das Ergebnis in einer Doktorarbeit in Geschichte. Extra, um das Rätsel der Kindstoten wissenschaftlich zu lösen, hatte die Medizinerin parallel zu ihrem Job in der Klinik ein historisches Studium an der Universität von Kopenhagen absolviert.

"Zunächst müssen Sie wissen, dass Sie hier unerwünscht sind!" Mit dieser Bemerkung pflegte der dänische Oberarzt aus Varde, der für die stationäre Aufsicht im Flüchtlingslager Oksbøl zuständig war, jede Visite einzuleiten. Das schreibt unter Berufung auf Zeitzeugen der deutsche Autor Karl-Georg Mix, der im Sommer diesen Jahres ein umfangreiches Buch über das Leben deutscher Flüchtlinge in Dänemark herausgebracht hat.

Am 28. März empfahl das Innenministerium nur eine eingeschränkte Behandlung deutscher Flüchtlinge in dänischen Krankenhäusern. Infektionskrankheiten konnten daher ungeschränkt wüten: Lungenentzündungen, Masern, Magen-Darm-Infektionen, Scharlach und Diphterie waren die häufigste Todesursache bei den deutschen Kleinkindern. "Das alles hätte man behandeln können", sagt Medizinerin Kirsten Lylloff.

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