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Erfolgsgeschichte aus Nordschleswig: Vom Schiffsführer zum Industriekapitän

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erstellt am 14.Mai.2013 | 03:59 Uhr

Apenrade | Globalisierung - ein Schlagwort, das heute tagtäglich durch die Medien und öffentlichen Diskurse geistert. Einer, der frühzeitig global dachte und vor allem auch danach handelte, war der deutsche Reichstagsabgeordnete und Schifffahrts- und Wirtschaftspionier Michael Jebsen (1835-1899), der vom nordschleswigschen Apenrade aus die Fundamente legte für den Aufbau weltweit operierender Unternehmungen - Fundamente, die bis heute tragen. Er war der Urgroßvater des heutigen Firmenchefs Hans Michael Jebsen (Text oben).

Diesem kreativen Unternehmer Jebsen, einem - wie man heute sagen würde - "Global-Player", hat der 1960 in Witten an der Ruhr geborene und in Hongkong moderne europäische Geschichte lehrende Historiker Bert Becker eine wahrhaft fulminante Biografie gewidmet, die Seite um Seite Staunen macht: Was für ein pralles Leben wird hier dokumentiert!

Als Spross einer alteingesessenen Schifferfamilie war sein Lebensweg vorgezeichnet: Auch Michael Jepsen sollte Schiffsführer werden. Sein Aufstieg zum internationalen Wirtschaftskapitän begann 1856, als er - nach Jahren als Matrose und nach dem Besuch einer Navigationsschule - erstmals in eigener Verantwortung eine peruanische Bark führte. Sein Engagement in der asiatisch-pazifischen Küstenschifffahrt führte ihn bis in die damalige britische Kronkolonie Hongkong, die den Mittelpunkt der ausländischen und chinesischen Handels- und Finanznetzwerke in Asien bildete. Die dort gesammelten Erfahrungen sollten ihm später als selbstständigem Reeder von großem Nutzen sein.

1874 trat Jebsen in die Dienste des deutschen Industriemagnaten Alfred Krupp ein und dirigierte von den Niederlanden aus als Flottenmanager und Spediteur für das expandierende Großunternehmen die Eisenerztransporte und die Exporte von Stahlerzeugnissen, darunter Eisenbahnschienen und Kanonen. Doch diese Bürotätigkeit stellte ihn auf Dauer nicht zufrieden, so dass er 1878 in Apenrade eine Partenreederei gründete. Innerhalb von 20 Jahren wuchs die Jebsen-Flotte auf 14 Schiffe an, die ausnahmslos im Fernen Osten im Einsatz waren - mit zentralem Stützpunkt in Hongkong und mit namhaftem wirtschaftlichem Erfolg. Als besonders vorteilhaft für ein Familienunternehmen wie dieses wertet der Jebsen-Biograf Becker, dass der Sohn Jacob in die Firma eintrat, der zusammen mit seinem Vetter Heinrich Jessen 1895 ein bald prosperierendes Unternehmen mit Sitz in Hongkong gründete. Daraus entstand eine international vernetzte Firmengruppe mit heute etwa 5000 Mitarbeitern in Asien, Australien und Europa. Bemerkenswert war auch Jebsens gesellschaftlich-politischer Einsatz auf verschiedenen Ebenen: So amtierte er als Erster Senator und stellvertretender Bürgermeister von Apenrade, er saß als Abgeordneter im preußischen Landtag und gehörte der nationalliberalen Fraktion des Deutschen Reichstages an. Nachhaltig setzte er sich für die Interessen der deutschen Minderheit in Nordschleswig ein. Er zählte zu den Mitbegründern der Knivsberg-Gesellschaft und Initiatoren des Bismarckdenkmals auf dem Knivsberg. Doch die Einweihung des Monuments 1901 erlebte er nicht mehr. Er war 1899 in Berlin an den Folgen einer schweren Krankheit gestorben. Die Apenrader Lokalzeitung gab aus diesem Anlass ein Extrablatt heraus. Auch namhafte ausländische Zeitungen würdigten Jebsens Wirken.

Der in diesem faktenreichen Buch beschriebene Lebensweg von Michael Jebsen fasziniert auch den Leser von heute, der einen zusätzlichen Erkenntnisgewinn daraus zieht, dass der Autor die einzelnen Schaffensphasen des Unternehmers und Politikers in einen globalen Kontext stellt. Ein Musterbeispiel historischer Unternehmerforschung.

Bert Becker: Michael Jebsen 1835 - 1899. Reeder und Politiker. 856 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. 49,90 Euro, Verlag Ludwig, Kiel.

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