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Leitwarte in Breklum : Energiewende in Echtzeit

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Hightech hinterm Deich bündelt Windräder aus halb Schleswig-Holstein zu einem grünen Kraftwerk – und erhöht so die Versorgungssicherheit.

shz.de von
erstellt am 12.Jun.2017 | 10:55 Uhr

Breklum | In Rot, Grün, Gelb und Blau leuchten Kurven-, Torten- und Säulendiagramme, so weit das Auge reicht: Sekundengenaue Betriebsdaten in Hülle und Fülle über mehr als 400 Windkraftanlagen bringen die sechs Riesen-Bildschirme zusammen, die altar-ähnlich an der Längswand der Zentrale aufgehängt sind. Hinzu kommen Windvorhersagen für verschiedene Höhenschichten und Prognosen, wie sich auf dem Strommarkt die Preise entwickeln.

So sieht es aus in der Herzkammer des Erneuerbare-Energien-Kraftwerks der Arge Netz im nordfriesischen Breklum. Der Informations-Knotenpunkt soll den Durchbruch bringen für mehr Verlässlichkeit beim Einsatz von Öko-Energien: Er bündelt die Steuerung der weit verstreuten Anlagen in einer Hand und kann nach Überzeugung von Geschäftsführer Martin Grundmann ein konventionelles Großkraftwerk ersetzen.

Voraussetzung für eine Verbindung mit der Leitwarte in Breklum ist, dass sich zu jeder Windkraftanlage eine sichere Datenverbindung aufbauen lässt. Im Idealfall passiert das über einen Glasfaseranschluss. Um das auf dem platten Land voranzubringen, hat sich die Arge Netz überhaupt ursprünglich 2010 gegründet. Aber auch mit Hilfe von Kupferkabel oder über Satellitenfunk übermitteln die Rotoren ihre Daten ans Erneuerbare-Energien-Kraftwerk.

Dass dies alles ins Laufen gekommen ist, liegt auch an der Schützenhilfe des Fraunhofer-Instituts für Windenergie und Energiesystemtechnik in Kassel. Es war an der Entwicklung der nötigen Software und der Installation der Technik beteiligt. 1300 Megawatt fasst die Zentrale hinterm Deich zusammen. Das reicht nahezu an die Leistung des Atomkraftwerks Brokdorf heran. Neben den Rotoren aus Nordfriesland, Dithmarschen, Ostholstein und dem Kreis Rendsburg-Eckernförde sind auch einige wenige Photovoltaik- und Biogasanlagen mit im Boot. 4000 Megawatt könnten in Breklum aufgeschaltet werden, wenn nach und nach alle 2000 Anlagen der rund 320 Gesellschafter der Arge Netz hinzukommen.

„Unsere digitale Betriebsplattform synchronisiert Strom-Erzeugung und Verbrauch in Echtzeit“, hebt Geschäftsführer Grundmann hervor. „So verringern wir die Unsicherheiten bei der Versorgung mit wetterabhängiger Wind- und Solarenergie.“ Deshalb sieht die Arge Netz ihre Leitwarte auch in einer Schlüsselrolle für das Projekt „Energy 4.0“, mit dem die Länder Schleswig-Holstein und Hamburg sich bis 2035 vollständig mit umweltfreundlichem Strom versorgen wollen.

Ein Ziel: Weniger Wegwerf-Strom

Nicht zuletzt geht es darum, Kosten zu vermeiden. Zum Beispiel, indem alle Informationen aus Breklum unmittelbar an die Netzbetreiber weiterfließen. „Die können dadurch genauer einschätzen, wann und auf welchen Netzsträngen mehr Windstrom zu erwarten ist – und somit Abregelungen passgenauer vornehmen“, verdeutlicht Grundmann. Umgekehrt könnten Windmüller durch den bilateralen Informationsaustausch die Spitze bei der Erzeugung herausnehmen, wenn Netzkapazitäten eingeschränkt seien.

Unterm Strich bedeute das weniger „Wegwerf-Strom“ – und damit auch weniger Entschädigungszahlungen an die Produzenten, die den Stromkunden für nicht eingespeiste Kilowattstunden in Rechnung gestellt werden. „Denn durch die Echtzeitdaten werden die Vorhersagen immer besser. Zum Beispiel fließen keine Anlagen mehr in die Prognose ein, die stillstehen und gar nicht produzieren“, hebt der Arge-Netz-Chef hervor. Das Breklumer Kraftwerk bekommt mit, wenn Rotoren aus technischen Gründen gedrosselt werden oder wegen Wartung oder Defekten ausfallen.

Schluss macht die Hightech-Zentrale hinterm Deich auch damit, dass Windräder nach herkömmlicher Betriebsweise nur in relativ starren Schritten zu 30, 60 oder 100 Prozent abgeregelt werden können. „Die Echtzeit-Daten aus unserem Kraftwerk ebnen den Weg dafür, das stufenlos zu tun.“

Und dann ist da noch der Handel mit Öko-Strom an der Börse. Traditionell fußt er auf Mittelwerten, die angeben, wie viel Strom pro Viertelstunde produziert wird. „Innerhalb einer Viertelstunde kann je nach Wetter aber durchaus noch einiges nach oben oder unten passieren“, gibt Grundmann zu bedenken. „Ziel muss es sein, das auch bei den Preisen abzubilden.“ Das Erneuerbare-Energien-Kraftwerk könne es leisten.

Die Vision für die nächste Stufe besteht darin, auch Verbraucher mit ihren genauen Bedarfsmengen auf das Breklumer Kraftwerk aufzuschalten – ob nun Privathaushalte oder Industrieunternehmen. Zudem plant die Arge Netz, mit ihren Echtzeit-Infos zur Erzeugung Stromspeicher zu bedienen. Denn Speichern kommt eine wachsende Bedeutung zu, wenn der Anteil der grünen Energien steigen soll. Sie helfen, bei besonders günstigen Witterungsverhältnissen produzierte große Strommengen aufzubewahren bis zu dem Zeitpunkt, an dem er gebraucht wird. Die Branche selbst spricht dabei von „Systemintegration“. Grundmann: „Wir haben hier die Technologie, damit Schleswig-Holstein auch dabei eine Pionierrolle übernehmen kann, so wie es sie in der Vergangenheit beim Ausbau der erneuerbaren Energien hatte.“

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