Experimente : Eltern kämpfen für Dorfschulen in SH

Experimentierfeld Zwergschule: 48 Schulen  im Norden sind bei weiter sinkender Schülerzahl von Schließung bedroht.
Experimentierfeld Zwergschule: 48 Schulen im Norden sind bei weiter sinkender Schülerzahl von Schließung bedroht.

Ein Bündnis fordert ungewöhnliche Lösungen, um Schulstandorte in Schleswig-Holstein vor der Schließung zu bewahren.

shz.de von
27. November 2013, 13:48 Uhr

Kurze Beine, kurze Wege – diese Devise bei der Schulplanung hat jahrelang Bestand gehabt und wird jetzt durch den demografischen Wandel ausgehebelt. Die Zahl der Grundschüler schrumpft seit Jahren und wird auch in Zukunft weiter abnehmen. Dadurch geraten immer mehr Schulstandorte in Gefahr. Die kurzen Beine müssen immer längere Schulwege zurücklegen und werden mitunter morgens und mittags mehr als eine Stunde lang im Bus über die Dörfer geschaukelt.

Das „Netzwerk Dorfschulen Schleswig-Holstein“ fordert deshalb gemeinsam mit dem Landeselternbeirat und dem schleswig-holsteinischen Gemeindetag ungewöhnliche Lösungen für ungewöhnliche Situationen. Ins Schulgesetz soll eine Experimentierklausel, um flexible Konzepte entwickeln und umsetzen zu können – das wird die Netzwerk-Vorsitzende Sandra Neukamm aus Hochdonn (Kreis Dithmarschen) heute vor dem Bildungsausschuss des Landtages fordern.

Und so könnte ein Experiment aussehen: Die Kinder von Klasse eins bis vier werden in einer Lerngruppe zusammengefasst und gemeinsam unterrichtet. „Warum nicht, wenn dann die Schule überlebt?“, meint Neukamm. Oder: Zumindest die Sechs- und Siebenjährigen in Zwergschulen unterrichten – bevor sie in der dritten und vierten Klasse auf größere Grundschulen wechseln. „Auch das ist denkbar“, so Neukamm.

Ein Dorn im Auge ist der Mutter von zwei Kindern genauso wie dem Vorsitzenden der Grundschulelternbeiräte, Kurt Scherbarth, die so genannte Mindestgrößenverordnung. Sie schreibt vor, dass Grundschulen mindestens 80 Kinder haben müssen, um als eigenständige Einrichtung zu überleben. Für Außenstellen kursiert die magische Zahl 44, die allerdings nirgends schwarz auf weiß festgeschrieben ist. Aktuell reißen fünf Schulen die 80er-Messlatte, 48 kommen der „Todeszone“ verdächtig nahe, und eine gutes Dutzend der Außenstellen hat derzeit weniger als elf Kinder pro Klassenstufe. Fachleute vermuten, dass jede dritte Außenstelle „unterhalb des pädagogisch haltbaren Limits arbeitet“.

Scherbarth fordert nun: „Wir brauchen keine Mindestgrößenverordnung, sondern eine Mindestqualitätsverordnung.“ Stimme die Qualität, spiele die Schülerzahl keine Rolle. Häufig rechne es sich sogar für die Gemeinde, auf eigene Kosten eine pädagogische Assistenzkraft einzustellen, die etwa bei Stillarbeit in der Klasse aufpasst.

„Wenn Dörfer gut erhaltene Schulgebäude aufgeben und Schulkostenbeiträge an andere Gemeinden überweisen müssen, wird das oft teurer“, sagt Gemeindetagschef Jörg Bülow. Die Bürgermeister hätten oft viel Geld in die Schulen gesteckt, „nicht zuletzt, weil sie kultureller Mittelpunkt des Dorfes sind“. Bülow fordert für die Kommunen ein stärkeres Mitspracherecht. Es könne nicht angehen, dass Schulschließungen allein vom Schulrat ohne Anhörung des Schulträgers über die Bühne gehen. Wichtig sei die gesamtwirtschaftliche Betrachtung. Zwar spare das Land womöglich einige Lehrerstunden, wenn kleine Standorte aufgegeben werden, aber Kommunen und Eltern blieben auf Schülertransportkosten sitzen. „Allein der Kreis Rendsburg-Eckernförde hat wegen der Schließung von Schulen 1,1 Millionen Euro Mehrausgaben für die Schülerbeförderung eingeplant“, so Bülow. Was Elternvertreter Scherbarth so kommentiert: „Wir wollen nicht längeres gemeinsames Busfahren, sondern längeres gemeinsames Lernen.“

Auch bei der Bestellung von Schulleitern drängen die Kommunen mit an den Tisch. Derzeit sind landesweit 28 Rektorenstellen nicht besetzt. „Für Grundschulen, die um jeden Schüler kämpfen müssen, ist das ein schlechtes Signal nach draußen“, warnt Neukamm.

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