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Tattookunst aus Flensburg : Elli - die Frau geht unter die Haut

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Sie kündigte ihren Job im Pflegedienst und fing ein neues Leben an. Als Tätowiererin. Mit ihrer Arbeit schafft sie Erinnerungen, die ein Leben lang bleiben.

shz.de von
erstellt am 20.Sep.2015 | 18:22 Uhr

Manchmal verändert ein einziger Moment das ganze Leben. Bei Elli war dieser Moment ihr 29. Geburtstag. Ihr Freund schenkte ihr eine Tätowiermaschine. Einfach so, „weil er dachte, das wäre vielleicht was für mich“, sagt Elli. Zu dieser Zeit hatte sie ihr Abitur in der Tasche und gerade ein künstlerisches Jahr eingelegt, um ihre Mappe für die Bewerbung an der Kunsthochschule zusammenzustellen. Zeichnen war schon immer ihr Ding. Aber die Tätowiermaschine weckte ihr Interesse.

Das allererste Tattoo stach sie ihrem Freund. Einen Totenkopf. Der sei ihr fürs erste Mal ganz gut gelungen, findet sie, jedenfalls sei ihr Freund auch heute noch bei ihr, „so schlimm kann es also nicht gewesen sein“, scherzt sie. Es blieb nicht das letzte Tattoo. Sie lernte in dem Studio eines Bekannten und zeichnete, zeichnete, zeichnete. Statt auf Schweinehaut, übte sie an Freunden.

Praktische Erfahrung ist für jeden Tätowierer das A und O; eine richtige Ausbildung gibt es nicht. Während eine Kosmetikerin drei Jahre die Schulbank drücken muss, kann jeder ambitionierte Zeichner mit Gewerbeschein und Nadel ein Tattoostudio aufmachen. Die Krux daran: Die Gurkenmaske lässt sich hinterher wieder abwaschen, die Bilder auf der Haut bleiben ein Leben lang.

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Foto: Dewanger
 

Elli hatte Talent. Nach zwei Jahren war sie so gut, dass sie vollzeit tätowierte. Sie entschloss sich, den Sprung in die Selbstständigkeit zu wagen – und machte ihr eigenes Studio auf. Der kleine Laden liegt in einer Seitenstraße der Flensburger Innenstadt.

In der Tattoo-Kajüte sieht es aus wie bei Oma im Wohnzimmer, nur hipper. Im Wartebereich stehen ein Biedermeier-Sofa und eine Stehlampe mit Trotteln, an den Wänden hängen goldverzierete Spiegel, auf einem kleinen Tischchen ist ein altes Tee-Service drapiert.

Bis es soweit war, hatte Elli oft die Richtung gewechselt im Leben. Nach dem Abi fing sie an, Architektur zu studieren, merkte aber schnell, doch: „Das war mir zu theoretisch“, sagt Elli rückblickend. Stattdessen ließ sie sich zur Krankenschwester ausbilden, arbeitete einige Jahre im Pflegedienst.

Sie sammelte Erfahrungen, die ihr heute zugute kommen. Denn oberstes Gebot beim Tätowieren ist Hygiene. In dem kleinen Raum hinter dem Tresen ihres Ladens geht es zu wie in einem OP. Vor jeder Sitzung wird alles in Plastik verpackt, Kabel, Liege, Kissen, selbst die Stehlampe bekommt eine Schicht Folie verpasst. Es riecht nach Desinfektionsmittel.

Ihren richtigen Namen benutzt Elli eher selten. Privatleben und Beruf, findet sie, gehören nicht zusammen. Als sie die Ärmel ihrer Kapuzenjacke nach oben schiebt, um die Nadel anzusetzen, kommen die vielen bunten Tattoos zum Vorschein. Ständig kommen neue dazu, aber genug sind es noch lange nicht. „Da ist noch zu viel nackte Haut“, findet sie. Es ist ihr wichtig, dass ein Tätowierer auch selbst Tattoos hat. „Ich arbeite ja auch als Vegetarier nicht an der Fleischtheke.“

Rund 6,3 Millionen Menschen in Deutschland sind tätowiert. Fünf bis 15 Prozent davon bereuen es jedoch irgendwann – so lautet zumindest das Ergebnis einer Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) aus dem letzten Jahr. Die Gründe dafür sind unterschiedlich – mal ist es eine verflossene Liebe, mal ein aus der Mode gekommenens Arschgeweih und manchmal auch der neue Job in der Bank.

„Tattoos sind in der Gesellschaft immer noch nicht richtig akzeptiert, besonders im Beruf“, weiß auch Elli. Hals, Finger und Hände tätowiert sie deshalb nur in seltenen Ausnahmefällen. „Mir ist wichtig, dass meine Kunden wissen, was sie da tun. Dass ein Tattoo eine Sache fürs Leben ist. Das sollte kein Modeding sein, das man sich nach ein paar Monaten wieder weglasern lässt.“

Das Geschäft läuft gut. Wer einen Termin haben will, muss mehrere Wochen Wartezeit einrechnen. Manchmal hat das vielleicht sogar einen positiven Nebeneffekt. „So hat man Zeit, sich nochmal mit dem Gedanken auseinanderzusetzen.“

Es gibt auch Dinge, die sie gar nicht macht. „Ich tätowiere keine Motive, hinter denen ich aus politischer Sicht nicht stehe.“ Am liebsten sticht sie abwechslungsreiche Sachen, „mal in die abstrakte Richtung, mal in die traditionelle, und Motive mit zarten, feinen Linien.“

So wie den kleinen Anker, dessen Umrisse sie gerade mit der vibrierenden Nadel nachzieht. Sie arbeitet konzentriert, ab und zu zieht sie dabei die Augenbrauen zusammen. Mit einem Zewa wischt sie die überschüssige Farbe weg, guckt, ob alles so ist, wie sie es haben will, setzt erneut an.

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Foto: Dewanger
 

Ihre schärfste Kritikerin ist sie selbst. „Das ist auch eine Sache des Anspruchs. Ich will ja, dass die Leute sich in zehn Jahren noch daran erfreuen.“ Schwierig wird es, wenn Kunden mit Bildern zu ihr kommen, die sich nicht richtig umsetzen lassen. „Einige Motive haben auf lange Sicht keinen Bestand, zum Beispiel wenn die Schriften zu klein gewählt sind. Die kann man nach einigen Jahren nicht mehr richtig lesen.“ In so einem Fall wird umgezeichnet, neu geplant oder nach Alternativen gesucht. Jedes Tattoo ist quasi maßgeschneidert.

Seit Kurzem arbeitet Elli mit einem Kollegen aus Hannover zusammen. „Das ist sehr bereichernd.“ Jeder Tätowierer entwickle mit der Zeit seinen eigenen Stil, seine Handschrift. Man könne meistens sehen, von welchem Künstler ein Tattoo ist. Die Fotos in dem Album mit ihren Arbeitsproben sind vor allem Eines: bunt. Die Motive reichen von Schwalben bis Comicfiguren.

Mit ihren 36 Jahren scheint sie ihren Kurs im Leben gefunden zu haben. Elli wirkt zufrieden. Die Entscheidung, ihren Job im Pflegedienst aufzugeben, hat sie nie bereut. „Tätowieren ist nicht einfach nur ein Beruf, das ist eine Leidenschaft. Ich finde es toll, dieses Gefühl Mensch-arbeitet-an-Mensch. Das macht einfach Spaß. Manchmal sind die Tattoos ja auch wichtige Ereignisse, an die sich jemand erinnern will.“

Im Gegensatz zu ihren früheren Zeichnungen im Skizzenblock, sind ihre jetzigen Arbeiten von Dauer. „Ich schaffe etwas, das bestehen bleibt. Etwas, an dem die Menschen sich ein Leben lang erfreuen.“

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