zur Navigation springen

Elder Statesman, Publizist,       Gigant

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

STREITBAR: In Hamburg gab es am Montag eine Trauerfeier für einen großen Mann. Ob er ein Gigant war, wird die Zeit zeigen, meint Jan-Philipp Hein.

shz.de von
erstellt am 29.Nov.2015 | 10:14 Uhr

Ein „Gigant“ sei Helmut Schmidt gewesen, sagte Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz vor knapp einer Woche im Michel beim Staatsakt für den Altkanzler, den Innensenator a.D. und den Herausgeber der „Zeit“. Der daneben im Sarg Liegende drehte sich bei diesen Worten nicht um.

Schmidt machte sowieso nie den Eindruck, als seien ihm Bewunderung und Verehrung unangenehm, gar peinlich oder irgendwie unheimlich. Eher dachte man, er würde das alles geradezu erwarten. Er genoss es, schon zu Lebzeiten als „Lotse“ und „Welterklärer“ verklärt worden zu sein. Mit Lust nahm er folglich an der eigenen Inszenierung teil und erfreute sich an seinen Auftritten in Fernsehstudios oder auf Podien. Jeden Zigarettenzug kostete er dort aus. Weil er wusste, dass das Rauchen für jeden verboten ist. Nur nicht für ihn. Nach Fragen hüllte er sich in Rauch und es vergingen Sekunden, in denen sich das Publikum auf die Wucht der Bedeutung des anschließenden Monologs vorbereiten konnte.

Was das Orakel dann oft antwortete, lässt sich so zusammenfassen: Die heutigen Generationen und ihre Politiker können es nicht, übersehen die Weltlage nicht und haben sowieso wenig Ahnung von irgendwas. Dazu noch etwas als Verständnis getarnte Bewunderung für autoritäre Knochen wie Putin, Leute also, die mehr als nur Rauchverbote brechen können.


Der preußische Flegel


So entstand eine Mixtur, nach der das Publikum schließlich süchtig war, weil es in ihm einen erkannte, der sich zwar preußisch gab, aber dabei doch wie ein Flegel aufführte. Einer von uns also. Was er schrieb, wurde gekauft, wenn er irgendwo auftrat, hing die Nation an seinen Lippen.

Natürlich war Schmidt schlau. Wenn man näher hinsieht, erkennt man, dass er sich eben nicht nur für Inszenierungen zur Verfügung stellte, sondern dass er selbst der Regisseur der Schmidt-Show war. Nicht nur die Details seines Staatsaktes mit viel Musik von Bach, sondern seine gesamte Karriere als Altkanzler plante der „Steuermann“. Mit Talkmasterin Sandra Maischberger und „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo, denen er regelmäßige Audienzen gewährte, holte sich Schmidt für ihn wertvolle Stichwortgeber an seine Seite. Ihre Popularität und Massenkompatibilität färbten auf ihn ab und er konnte sicher sein, dass sie kaum eine kritische Nachfrage stellen würden und zufrieden sind, wenn er die Erweiterung der EU etwa als „Blödsinn“ oder „Kinderei“ abtat oder konstatierte, „heutige Politiker wollen wiedergewählt werden“.

Mit solchen demokratischen Petitessen hatte der Überkanzler natürlich niemals zu tun, und praktischerweise hatte er als Regierungschef a.D. auch keine Entscheidungen oder Festlegungen mehr zu treffen. Sein einziger Versuch der vergangenen Jahre, ins Tagesgeschäft der SPD einzugreifen, ging dann auch voll in die Hose. Doch seine Empfehlung, Peer Steinbrück zum Kanzlerkandidaten zu machen – „Er kann es“, sagte Schmidt dem „Spiegel“ im gemeinsamen Interview mit Steinbrück – wurde ihm auch nie wieder vorgehalten, obwohl Schmidts Favorit dann eines der schlechtesten SPD-Ergebnisse der Nachkriegsgeschichte einfuhr.

Profitiert hat der Altkanzler hingegen davon, dass er acht Jahre als Regierungschef amtierte und anschließend 33 Jahre als „Elder Statesman“ pontifizierte. Vielmehr aber noch davon, dass er mit wachsendem zeitlichem Abstand zum Amt einen Posten bekleidete, den es im Organigramm der Bundesrepublik gar nicht gibt: den des Königs in einer parlamentarischen Monarchie – natürlich auf Lebenszeit.


Maskottchen der alten Bundesrepublik


Schmidt hat sich in seiner Kanzlerschaft mit dem Nato-Doppelbeschluss, seinem konsequenten Vorgehen gegen die RAF und den linken Terrorismus durchaus Feinde gemacht. Jutta Ditfurth konnte sich dieser Tage sogar noch an „seinen Umbau der Hamburger Polizei“ – was zu Beginn der 60er Jahre gewesen sein muss – erinnern und sich herzlich darüber aufregen. Doch im Gegensatz zu ihr werden die meisten von den 300  000 Menschen, die im Bonner Hofgarten gegen ihn und seine Politik demonstrierten, ihren Frieden mit Schmidt gemacht haben. So wurde er irgendwann zum Maskottchen der alten Bundesrepublik, einem Idyll mit wenig Arbeitslosen, einer fetten Mittelschicht und besten Zukunftsperspektiven.

Da England mit der Queen ein solches Maskottchen schon im regulären Stellenplan hat, konnte sich Margaret Thatcher nie mit einer Strategie wie Schmidt den späten Ruhm sichern und die Bewunderung des Volkes erobern. Als die ehemalige britische Premierministerin im April 2013 starb, kamen noch einmal blanker Hass und tiefe Verachtung auf und für die „Eiserne Lady“ zum Vorschein. Ein Hass-Lied auf Thatcher stürmte sogar die Charts.

Dabei hatten der „Elder Statesman“ beziehungsweise die „Elder Stateswoman“ beim Aussscheiden aus ihren Ämtern vergleichbare Startvoraussetzungen: Beide gingen nicht aus freien Stücken, sondern wurden Opfer von Intrigen. Schmidt ging der Koalitionspartner FDP von der Fahne, Thatcher verlor den Machtkampf in ihrer eigenen Partei. So wie Schmidt mit dem Doppelbeschluss einen wesentlichen Beitrag zur Wiedervereinigung Deutschlands leistete, legte Thatcher die Grundlagen für die Modernisierung Großbritanniens. So wie Schmidt viele Deutsche gegen sich aufbrachte, verdiente Thatcher sich den Zorn vieler Briten.

Anders als bei Schmidt und seiner Opposition, versöhnten sich die Gegner Thatchers meist nie mit ihr. Vielleicht hatte sie auch kein so intensives Bedürfnis danach wie der durchaus eitle Altkanzler. Und sie hatte auch nicht seine Möglichkeiten. Schmidt konnte in seiner Rolle als Herausgeber einer bedeutenden Wochenzeitung erheblich besser am Bild von sich mitzeichnen, als es der demenzkranken Iron Lady vergönnt war.


Der Schattenkämpfer


Wird es eine Figur wie Schmidt noch einmal geben? Kann man sich vorstellen, dass irgendwann Angela Merkel mit derart viel Pomp und Gloria verabschiedet wird? Merkel kann man sich jedenfalls kaum als Regisseurin ihrer eigenen fast barock anmutenden Trauerfeier vorstellen. Dafür ist sie zu preußisch.

Vielleicht war Schmidts permanente Medienpräsenz auch eine Form der Selbstvergewisserung, dass es ihn überhaupt noch gibt. Bei Licht betrachtet verhält sich Schmidt zu seinem Vorgänger Willy Brandt nämlich so wie Ludwig Erhardt zu seinem Vorgänger Konrad Adenauer. Erhardt lebte zwar als Vater des Wirtschaftswunders weiter, doch als Kanzler ist er nicht in Erinnerung. Er war eine Art Nachlassverwalter Adenauers und füllte nie dessen Fußstapfen aus. Zwar hat der Kanzler Schmidt mehr erreicht als der Kanzler Erhardt und er war auch mehr als doppelt so lang im Amt. Doch auch er schaffte es nie so recht, aus dem eigenen Schatten des Bezwingers der Hamburger Sturmflut hervorzutreten. Und erst recht nicht aus dem Schatten Brandts. Der hatte mit der Ostpolitik und als Friedensnobelpreisträger gewaltige Pflöcke eingerammt und so auch Schmidts Komplexe gefördert. Nicht von ungefähr dürfte dessen berühmter Ausspruch kommen, dass wer Visionen habe, zum Arzt gehen solle.

In Hamburg gab es am Montag eine Trauerfeier für einen großen Mann. Ob dieser Mann ein Gigant war, werden wir erst nach einem oder zwei Jahrzehnten wissen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen