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Dominic Schmitz: „Ich war ein Salafist “ : Einmal Salafismus – und zurück

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Im Salafismus fand Dominic Schmitz vor Jahren eine Heimat. Der Aussteiger hat ein Buch über diese Zeit geschrieben.

shz.de von
erstellt am 23.Feb.2016 | 20:48 Uhr

Die Visitenkarte ist rosa und altertümlich verschnörkelt. Dominic Schmitz hat sich mit einem Online-Handel für orientalische Parfüm-Öle selbstständig gemacht, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Neben dem gerade erschienenen Buch eine weitere Säule, auf der das neue Leben des 28-Jährigen stehen soll – vom alten ist nichts mehr übrig.

In Mönchengladbach beginnt vor mehr als zehn Jahren sein Weg ins Netzwerk des Salafismus. Schmitz lebt bei der Mutter, seine Eltern, katholisch, aber nicht praktizierend, hatten sich getrennt, als er fünf Jahre alt war. Die Mutter habe wenig Interesse an ihm gezeigt, das Verhältnis sei eher schlecht gewesen, sagt Schmitz. Zum Vater hat er irgendwann gar keinen Kontakt mehr. „Seit ich 13 Jahre alt war, habe ich mein eigenes Ding gemacht, es gab keine Grenzen“, erinnert sich Schmitz. In der Schule gilt er als Mitläufer, die 10. Klasse besteht er trotz 200 Fehlstunden – sein Fachabitur bricht er ab. „Mir war alles egal. Ich hätte jemanden gebraucht, der mir sagt, du kannst was, du bist schlau“, erzählt Schmitz. Liebe und Anerkennung hätten ihm immer gefehlt. Schmitz lebt in den Tag hinein, steht erst mittags auf, kifft, hört viel Musik, hat „Spaß mit Frauen“. „Ich war nicht depressiv, aber ich war auch nicht glücklich, ich fühlte mich leer.“

Über sieben Jahre Anhänger des Salafismus: Dominic Schmitz.
Über sieben Jahre Anhänger des Salafismus: Dominic Schmitz. Foto: scherhaufer

Und dann steht irgendwann dieser alte Bekannte vor ihm. „Früher war das ein Hallodri, jetzt hatte er einen langen Bart, erzählte, dass er sein Leben ohne Drogen und Sex ganz nach dem Koran ausrichtet.“ Weitere Gespräche folgen – und Schmitz hat zum ersten Mal das Gefühl, dass er mit jemandem über alles reden kann. „Gerechtigkeit, das Schicksal, der Sinn des Lebens. Ich habe nach Spiritualität gesucht, und er hat meine Empfangsbereitschaft gespürt.“ Schmitz, der vorher nie ein Buch in die Hand genommen hatte, verschlingt alles an einschlägiger Literatur, was ihm in die Hände fällt, geht fünfmal am Tag in die Moschee, taucht über seinen Bekannten ein in eine für ihn neue Welt. „Da war jeder ein Bruder, es gab Gemeinschaft, klare Regeln, es gab immer Hilfe, auch finanziell. Die Leute waren sehr gastfreundlich, haben Tee gemacht, das war genau die kleine Hanni-und-Nanni-Welt, die ich mir immer gewünscht habe, ein Familienersatz.“

Schmitz’ Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung und sein Hoffen auf ein Leben nach dem Tod scheinen sich zu erfüllen. Mit 17 konvertiert er zum Islam. „Als ich das meiner Mutter gesagt habe, hat sie nur geantwortet: Du sprengst dich aber nicht in die Luft.“ Dominic Schmitz, der sich jetzt Musa Almani nennt, zieht zu Hause aus. Er findet die Reaktionen der Leute spannend, wenn er in Gewand und mit Turban auf der Straße unterwegs ist. „Irgendwann hatte ich dann den Wunsch, meine Wahrheit den Mitmenschen mitzugeben.“ Schmitz verteilt Flyer an Infoständen, betreut das Internet-Portal des Islamisten-Führers Sven Lau, macht seinen eigenen Youtube-Kanal auf. „Es tat so gut, eine Aufgabe zu haben. Es war ein tolles Gefühl, wenn ein neues Video in zwei Nächten über 50  000 Klicks bekam.“ 2007 pilgert er mit dem bekannten Salafisten-Prediger Pierre Vogel zusammen nach Mekka, macht danach noch zwei weitere Pilgerreisen. „Dabei war Vogel menschlich nie mein Fall. Ich habe sehr schnell gemerkt, dass er Wasser predigte und Wein trank.“

Im Oktober 2007 heiratet Schmitz – auf Vorschlag des Imams. Vor der Trauung sieht er seine Zukünftige nur zweimal für wenige Minuten. „Aber nach zwei Jahren ohne Sexualität war Heirat die einzige Möglichkeit mich auszuleben“, sagt Schmitz. Selbstbefriedigung ist im Salafismus verboten. „Ich bereue keine Entscheidung so sehr, wie diese. Sie fiel auf Grundlage der Ideologie. Ich dachte, irgendwie wird Gott es richten.“

Zwei Kinder entstehen aus der arrangierten Ehe, die 2010 zerbricht. Für Schmitz ein entscheidendes Jahr, geht die Trennung doch einher mit wachsenden Zweifeln an der Richtigkeit seines Tuns. „Ich habe mich gefragt, was das alles noch mit Gott zu tun hat? Es geht doch nur um Politik und Machtansprüche.“ Gedanklich entfernt er sich von der Gruppe. „Ich konnte nicht akzeptieren, dass Christen keine gleichen Rechte haben sollen wie Muslime, dass es für Frauen keine Gleichberechtigung gibt, dass Israel, die USA und der Westen pauschal böse sein sollen. Das ist für mich faschistisches Denken.“ Doch die Lehre fordert blinden Gehorsam, Zweifel gelten als Unglaube. „Meine Vernunft und meine Gefühle waren abgeschaltet. Es war wie ein Gefängnis.“ Er sei manipuliert und zu keiner selbstständigen Entscheidung fähig gewesen. „Und es war schwer für mich, mir einzugestehen, dass ich sieben Jahre lang Unrecht hatte. Für die Gesellschaft bist du ein Spinner, für deine ehemaligen Brüder bist du ein Heuchler. Du fängst bei Null an.“ Trotzdem steigt er schließlich aus – ohne Hilfe von außen. „2014 konnte ich sagen: Ich bin kein Salafist mehr.“ Schmitz will sich das Erlebte von der Seele schreiben, findet einen Verlag, ein Ghostwriter wird ihm zur Seite gestellt. Es folgen viele Medienberichte, Live-Sendungen. Für das Theaterstück „Glaubenskrieger“, das unter seiner Mitwirkung entstanden ist, steht er ab Ende Februar im Schauspiel Köln sogar selbst auf der Bühne.

Die dritte Säule seines heutigen Lebens ist die Präventionsarbeit an Schulen. Allein im Januar hatte er 15 Auftritte. Schmitz setzt auf Denkanstöße. „Es ist nicht mein Ziel, Leute mit salafistischen Tendenzen zur Umkehr zu bewegen. Es geht darum, einen Samen des Zweifels ins Herz zu pflanzen.“ Schmitz arbeitet regelmäßig mit einem Ex-Nazi und einem ehemaligen „Grauen Wolf“ zusammen, wie Mitglieder einer türkischen rechtsextremen Partei genannt werden. „Es gibt so viele Parallelen bei uns, etwa eine fehlende Vaterfigur. Und die Ideologien basieren alle auf der Einteilung der Welt in schwarz und weiß, auf Größenwahn, Menschenverachtung, auf das Einnehmen einer Opferrolle.“ Punks oder Nazis wären nie seine Sache gewesen, weil er nach Spiritualität gesucht habe, so Schmitz. „Aber unter anderen Umständen wäre ich vielleicht auch Scientologe, Mormone oder Zeuge Jehovas geworden.“

Kontakte zur Szene gibt es nicht mehr, nach massiven Drohungen musste Dominic Schmitz Mönchengladbach verlassen. Heute glaubt er an die Gerechtigkeit und immer noch an einen Gott, der für ihn in allen Religionen derselbe ist, Paradies und Hölle gibt es für ihn nicht. „Und ich akzeptiere, dass Menschen unterschiedliche Meinungen und Wege haben, ich bin mit mir und meiner Umwelt im Einklang.“ Ob er für seine früheren Überzeugungen in den Krieg gezogen wäre? „Das war nie mein Ziel“, sagt Schmitz. Aber er habe sich als Salafist verändert, sei aggressiver geworden. „Fünf bis zehn Jahre weiter – ich weiß nicht, was dann passiert wäre. Mein bester Freund innerhalb der Gruppe ist heute IS-Kommandant in Syrien.“ 

Dominic Musa Schmitz, „Ich war ein Salafist “, Econ Verlag, 18 Euro

 

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