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Einbruch, Brandstiftung, Leichenfund : Eine Nacht mit dem Kriminaldauerdienst in Kiel

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Immer die ersten Ermittler am Tatort: die Beamten des KDD. Wir waren bei einer Nachtschicht dabei.

shz.de von
erstellt am 21.Mai.2017 | 11:20 Uhr

Kiel | „Wir fahren den ersten Angriff, treffen alle Maßnahmen, die bei Straftaten erforderlich sind“, sagt Kriminalhauptkommissar Thomas Vosgerau (49). Er ist Dienstgruppenleiter der C-Schicht, deren Arbeit an diesem Freitag um 19 Uhr beginnt und am Sonnabend um sechs Uhr morgens enden soll. Es wird allerdings später werden. „Wir sichern Spuren, befragen Zeugen und verfolgen Ermittlungsansätze, um den Täter möglichst noch zeitnah zu fassen. Unsere Ermittlungsergebnisse geben wir an die Fachkommissariate weiter“, erklärt Vosgerau. Dann klingelt sein Telefon. „Es gibt eine Leiche“, sagt er, nachdem er aufgelegt hat.

Leichenfund

Der Tote ist Herr L. aus Plön, 60 Jahre alt. Nachbarn hatten ihn einige Tage lang nicht mehr husten und telefonieren gehört, was er beides sehr laut tat. Mit einem Schlüssel, den sie verwahren, öffneten sie seine Wohnungstür.

Um 21.30 Uhr schaltet die Leitstelle den Kriminaldauerdienst ein – weil der Arzt sich weigere, die Leichenschau vorzunehmen. „Ungewöhnlich“, sagt Thomas Vosgerau auf der Fahrt. Vor grauen Wohnblöcken unterhalb der Bundesstraße nach Lütjenburg warten Beamte der Schutzpolizei. „Vor zwei Jahren ist Herr L. wegen Trunkenheit aufgefallen, sprach damals von einer Leberzirrhose, die er habe“, sagt einer.

Die KDD-Beamten ziehen Einweghandschuhe und Überschuhe an, Dann erst gehen sie in die Wohnung im ersten Obergeschoss. Herr L. liegt in seinem Bett, die Knie leicht angewinkelt. Er hat ein verwittertes Seemannsgesicht mit grauem Bart. Im Wohnzimmer, vollgestellt mit Umzugskartons, liegen nur seine Pfeifen in Reih und Glied. Die Fenster sind gelb vom Nikotin, die vielen Spinnweben staubig.

<p>Der Tote liegt in seinem Bett, ein Beamter macht Fotos; die Ermittler suchen nach Spuren, die auf eine Straftat hindeuten.</p>

Der Tote liegt in seinem Bett, ein Beamter macht Fotos; die Ermittler suchen nach Spuren, die auf eine Straftat hindeuten.

Foto: Staudt
 

Ein Beamter spricht in ein Diktiergerät, hält fest, was er sieht. Er überprüft die Wohnungstür auf Einbruchsspuren, sichtet jeden Raum, öffnet sogar den Kühlschrank. Vosgerau stellt einen LED-Strahler im Schlafzimmer auf, Licht für Fotos. Dann hört er den Anrufbeantworter ab. „Ich kann dich nicht erreichen, du wolltest doch zum Arzt oder ins Krankenhaus, geht es dir besser?“, fragt eine Frauenstimme. Danach ist eine Arzthelferin zu hören, die Herrn L. bittet, dringend seine Medikamente abzuholen.

Die genaue Liegezeit des Toten ist unklar, vielleicht sind es sechs, vielleicht acht Tage. Eine Weigerung des Arztes, die Leichenschau vorzunehmen, gab es nicht, wie sich vor Ort herausstellt. „Es war ihm schlicht nicht möglich, die Leiche wie vorgeschrieben vollständig zu entkleiden“, erklärt Vosgerau. „Weil sich Haut ablöste und Flüssigkeit austrat.“

Bestatter transportieren die Leiche ab.

Bestatter transportieren die Leiche ab.

Foto: Staudt
 

Ob ein natürlicher Tod zweifelsfrei vorliegt, konnte der Arzt deshalb nicht bestimmen. „Jetzt wird der Verstorbene in die Leichenhalle des Bestatters gebracht, und die Kripo Plön kann am Montag nach Rücksprache mit der Staatsanwaltschaft entscheiden, ob eine Obduktion sinnvoll ist“, sagt Vosgerau. „Wir gehen nach derzeitigem Stand von einem natürlichen Tod aus.“ Um 23 Uhr rücken die Beamten ab.

Kinderporno-Verdacht

Zurück in Kiel muss ein Beschuldigter erkennungsdienstlich behandelt werden. Herr S. lag um 16.53 Uhr mit 3,99 Promille in einer Filiale der Volksbank in Gaarden. Auf dem Boden neben ihm sein Smartphone, ein nackter Junge mit gespreizten Beinen als Hintergrundbild. Polizisten, die daraufhin durch die Bildergalerie blätterten, entdeckten weitere kinderpornografische Aufnahmen. Eine Beamtin des K 11, zuständig für Sexualdelikte, vernahm Herrn S., anschließend kam er in eine Gewahrsamzelle, weil er aggressiv war. Dort liegt er nun bäuchlings auf einer Gummimatratze und hebt benommen den Kopf, als aufgeschlossen wird. „Sie dürfen nach Hause“, ruft Vosgerau.

„Wie spät ist es?“, will Herr S. wissen.

„Halb eins.“

„In der Nacht?“

„Ja.“

Umständlich bindet Herr S. seine Schuhe zu, die vor der Zelle stehen, und wird durch Gewölbegänge zur „ED-Behandlung“ begleitet. Seine Größe wird gemessen, er wird gewogen und fotografiert. „Mein Ausweis wurde mir gestohlen, ich hab’ nur eine Kopie“, erklärt er. „Für einen neuen brauche ich eine Geburtsurkunde. Aber ich habe keine Eltern, wo soll ich die herkriegen?“

Als mit dem Scanner neben Finger- auch noch Handflächenabdrücke genommen werden sollen, protestiert Herr S.: „Ich bin doch kein Terrorist.“ „Hat keiner gesagt, steht hier auch nicht“, antwortet Vosgerau. Er spricht mit ruhiger Stimme; es scheint, als wirke das auf sein Gegenüber. Plötzlich fragt Herr S.: „Hab ich was Schlimmes angestellt?“

„Gegen Sie wird wegen Verdachts der Kinderpornografie ermittelt.“ Der Dienstgruppenleiter händigt dem Beschuldigten eine Papiertüte mit dessen Habseligkeiten aus. Herr S. wühlt darin, bellt dann: „Wo ist denn mein Handy, was soll denn der Scheiß?“ Das Smartphone ist beschlagnahmt, was Herr S. nicht verstehen kann. „Da waren keine Kinderpornos drauf, nur richtige Pornos“, poltert er. Wieder spricht Vosgerau mit ruhiger Stimme: „Fragen Sie doch bitte am Montag beim K11 nach, ob das Handy bereits ausgelesen wurde und zurückgegeben werden kann.“

Einbruch

Während der Dienstgruppenleiter Herrn S. noch erklärt, wo er nun noch unterschreiben muss, rücken zwei Teams aus. Eines zu einem brennenden Wohnmobil in Schwentinental, das zweite zu einem Einbruch in Kiel-Elmschenhagen. Zwei schwere Steine sind dort in die Frontscheibe eines Kiosks geflogen. Die Splitter knirschen und den Füßen der beiden Ermittlerinnen und ihres Kollegen, während sie mit ihren Taschenlampen prüfen, an welchen Fragmenten der Scheibe die besten Fingerabdrücke genommen werden können. Mit Puder und Pinsel machen sie sich an die Arbeit. Und entdecken eine frische Blutspur, die mit einem Wattestäbchen gesichert wird. Zwei Personen seien weggelaufen, berichten Streifenbeamte. Der Augenzeuge habe sich allerdings erst fünf Minuten nach der Flucht der Verdächtigen entschieden, die Polizei zu rufen.

<p>Mit einer Taschenlampe leuchtet ein Beamter des Kriminaldauerdienstes in die Auslage, entdeckt eine frische Blutspur.</p>

Mit einer Taschenlampe leuchtet ein Beamter des Kriminaldauerdienstes in die Auslage, entdeckt eine frische Blutspur.

Foto: Staudt

Besitzer Heinz Preuß (77), der aus dem Bett geklingelt worden ist, greift zu Lakritz aus seinem Sortiment, während Kriminalkommissarin Jana Otte (27, Name geändert) mit ihm klärt, was gestohlen wurde. Das Wechselgeld ist da, aber eine Reihe Zigaretten fehlt. Heinz Preuß bekommt ein Opferschutzblatt und ein Infoblatt, auf dem steht, mit wem er gesprochen hat. „Kriminaldauerdienst bedeutet, wir sind immer erreichbar, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche“, erklärt Otte. Und: „Sie und ihre Mitarbeiter müssen Vergleichsspuren abgeben, damit wir die gefundenen Fingerabdrücke auswerten können.“

Um 2.14 Uhr ruft Heinz Preuß den Glasernotdienst an, ebenfalls 24 Stunden erreichbar. „Die Scheibe ist vier mal zwei Meter groß“, gibt er durch. Dann sagt er: „Ich hatte schon zehn Einbrüche, den letzten vor zwei Jahren. Dabei wurde ein kleines Loch in die Drahtglasscheibe am Hintereingang geschnitten, wohl ein Kind durchgeschoben, das hier ausräumte.“ Der Schadn: 6000 Euro, Täter wurden nie ermittelt.

An diesem Tatort machen die Ermittler keine Fotos. „Bei der großen Zahl der Einbrüche ist das nicht sinnvoll“, erklärt Kriminalkommissar Johannes Harder (24). „Wir arbeiten hier mit dem Diktiergerät, beschreiben für die Sachbearbeiter genau, was wir vorgefunden haben.“ Die Beamten sind mit der Spurenausbeute zufrieden, es gibt die Fingerabdrücke, das Blut und einen Schuhabdruck.

<p>Mit einer Taschenlampe prüft eine Beamtin, welche Fingerabdrücke auf der Klebefolie gesichert werden können.</p>

Mit einer Taschenlampe prüft eine Beamtin, welche Fingerabdrücke auf der Klebefolie gesichert werden können.

Foto: Staudt
 

Kioskbetreiber Heinz Preuß denkt ans Aufhören. „Ich bin fast 80 Jahre, habe zehn Jahre keinen Urlaub mehr gemacht.“ Wo soll es hingehen? „Nach Österreich. Dort wurden wir als Kinder während des Krieges hingeschickt. Zu einer Familie mit einer Frau, die fast besser war als meine Mutter. Es war meine schönste Zeit.“

Streife, Einbruch und Brandstiftung

Auf dem Rückweg fahren die KDD-Beamten Streife durch Kiel, auch das gehört zur Schicht. Bergstraße, Traumfabrik, Max, vor den Clubs und Diskotheken ist es ruhig. Zurück auf der Wache ist Zeit für einen Kaffee und Papierkram. Um 4.30 Uhr steigen drei Beamte noch einmal in ihren Zivilwagen. Sie sind kaum zehn Minuten unterwegs, als ein brennender Pkw im Kronshagener Weg gemeldet wird. Die Polizisten setzen das Blaulicht aufs Dach, geben Gas.

<p>In den Morgenstunden steht ein Seat in Flammen.</p>

In den Morgenstunden steht ein Seat in Flammen.

Foto: Staudt
 

Der Motorblock eines Seat Ibiza steht in Flammen. In der Ferne ist bereits die Feuerwehr zu hören. Die Beamten sind noch nicht ganz aus dem Wagen, als sie plötzlich umdelegiert werden: „Einbruch, Täter ist noch im Gebäude.“

In der Morgendämmerung geht es nach Hasseldieksdamm. Vor der Bar „Treffpunkt“ stehen Freunde des Besitzers, diskutieren aufgeregt. Streifenpolizisten sichern einen offenen Kellerschacht. Er ist 3,50 Meter tief. Etwa einen Meter unterhalb des Gehwegs ist ein Fenster mit Metallgitter aufgehebelt. Das Gebäude wird umstellt. In die Bar hinein kommen die Beamten jedoch nicht. Weil der Einbrecher den Strom abgestellt hat, lässt sich der schwere elektrische Rollladen vor der Eingangstür nicht öffnen. Schließlich kappen die Freunde die Aufhängung an der obersten Lamelle und ziehen den ganzen Rollladen über die Stahlwelle, bis man darunter kriechen kann. Sie schließen die Tür auf. Ein Polizeihund wird vorgeschickt, dicht dahinter die Beamten des Kriminaldauerdienstes.

<p>Einbruch in eine Bar: Der Täter hat den Strom abgeschaltet und die Polizei ausgesperrt. Jetzt wird der Rollladen gewaltsam geöffnet.</p>

Einbruch in eine Bar: Der Täter hat den Strom abgeschaltet und die Polizei ausgesperrt. Jetzt wird der Rollladen gewaltsam geöffnet.

Foto: Staudt
 

„Ich wünsche mir so sehr, dass sie ihn schnappen“, sagt einer der Freunde. „Er muss noch drin sein, hinten kann er ja nicht raus.“ Tatsächlich ist die Rückseite des Gebäudes extrem gesichert. Im Abstand von jeweils 20 Zentimetern sind zwanzig Meter lange Streben mit der Hauswand verdübelt, die alle Fenster vergittern.

Es gibt viel Enttäuschung in den Gesichtern, als die Polizisten wieder herauskommen. Der Einbrecher ist nicht mehr da. Er muss allerdings Probleme gehabt haben, den Tatort zu verlassen. Davon zeugt der Versuch, im Keller Steine um ein Fenster wegzustemmen. Vermutlich zwängte er sich dann doch wieder durch das Fenster im Lichtschacht.

In der Bar sind zwei Geldspielautomaten aufgebrochen, alles ist mit Alkohol überschüttet worden. „Um Spuren zu verwischen“, sagt ein Beamter. Von zwei Flaschen werden mit Wattestäbchen Abstiche gemacht, um DNA-Spuren zu sichern. Und wieder beginnt die Suche nach Fingerabdrücken, wird ins Diktiergerät gesprochen. Die Freunde berichten, der Besitzer habe sie gebeten, auf dem Rückweg von einer Feier noch mal bei seinem Laden vorbeizuschauen – weil schon drei Mal eingebrochen worden sei. Da hätten sie dann den offenen Schacht entdeckt. Die Männer stöpseln ein Diagnosegerät an einen der Automaten. Auf dem ausgedruckten Protokoll ist zu sehen, dass er um 3.12 Uhr unbefugt geöffnet wurde. Die Beute: mehrere hundert Euro.

Bis 6.30 Uhr dauert die Aufnahme des Tatorts, dann geht es wieder zur Dienststelle. Dort sitzt im Flur ein Mann mit zerschlissener Strickmütze, der den Blick rasch zur Seite wendet. Kurz nachdem der Seat in Flammen aufgegangen war, brannte nur wenige hundert Meter entfernt auch ein BMW. Nicht weit davon entfernt hockte der Mann im Gebüsch, Streichhölzer in der Tasche, aber keine Zigaretten. Die nächste Schicht wird ihn vernehmen.

In Schleswig-Holstein unterhalten nur die Polizeidirektionen Kiel und Lübeck einen Kriminaldauerdienst, in der Hansestadt heißt er Zentraler Kriminaldauerdienst (ZKD). In Kiel sind 24 Beamte im Wechselschichtdienst tätig, mindestens jeweils vier Ermittler besetzen rotierend die Früh-, die Spät- und die Nachtschicht sowie den Wochenenddienst, der zwölf Stunden dauert. Bei schweren Straftaten wie Mord werden auch nach Dienstschluss der Fachkommissariate deren Mitarbeiter informiert. Bei den übrigen Kripo-Dienststellen im Norden werden die KDD-typischen Aufgaben von einem Bereitschaftsdienst übernommen, der bei Bedarf gerufen wird. Der Bund Deutscher Kriminalbeamter fordert die Einführung von landesweiten Kriminaldauerdiensten.

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