Eine etwas andere Haushaltsauflösung

Wertvolle Trinkgläser, ein Senftopf aus Frankreich und Steingut aus dem Rheinland: Archäologe Burkhard Kümmeke ist begeistert von den Funden im Grabungsgebiet an der Beckergrube.  Fotos: Steenbeck
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Wertvolle Trinkgläser, ein Senftopf aus Frankreich und Steingut aus dem Rheinland: Archäologe Burkhard Kümmeke ist begeistert von den Funden im Grabungsgebiet an der Beckergrube. Fotos: Steenbeck

Seit Dezember sind Lübecks Archäologen dabei, die letzte nach dem Zweiten Weltkrieg nicht wieder bebaute Fläche im Herzen der Innenstadt zu untersuchen. Eine Zwischenbilanz.

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24. März 2009, 07:23 Uhr

Lübeck | Die Archäologen arbeiten gegen die Zeit. "Wir haben noch genau drei Monate und müssen noch die andere Hälfte des Areals untersuchen", sagt Archäologe Burkhard Kümmeke. Ab diesem Sommer soll auf der 4000 Quadratmeter großen Brach-Fläche zwischen Becker- und Fischergrube ein Wohn- und Geschäftshauskomplex entstehen (wir berichteten). Und noch bevor die Bagger anrollen dürfen, um zunächst mit dem Bau einer 2000 Quadratmeter großen Tiefgarage zu beginnen, machten sich die Archäologen ans Werk, konnten sich tief in die Erde graben. Bereits in 30 Zentimetern Tiefe stieß das 20 Mann starke Team auf Reste von mittelalterlichen und neuzeitlichen Gebäudereste.

Begeistert waren die Fachleute über das große Spektrum an Fundstücken: So stießen sie auf hölzerne Wasserleitungen, auf eingegrabene Drainage-Fässer und Kloaken. In letzteren fanden sich wiederum Trinkgläser, Schmuck aus unterschiedlichen Materialien und sogenannte Daubengefäße, das Alltagsgeschirr des Mittelalters, sowie Textilreste, Teile von Schuhwerk und sogar ein ganzer Kinderschuh - und diese Funde ließen Rückschlüsse auf die Haushaltsführung der vergangenen Jahrhunderte zu, so Kümmeke. Das Gelände ist für die Archäologen aber besonders wegen seiner Lage interessant: Heute mitten in der Altstadt, lag das Grabungsgebiet noch bis ins 13. Jahrhundert zum Niederungsgebiet der Trave. Da Lübecks Einwohnerzahl stetig wuchs, musste neuer Wohnraum her. Dazu befestigten die damaligen Bewohner das sumpfige Gelände durch ein Gitternetz aus Holzbalken und verfüllten die Zwischenräume mit Erde und Schutt. Darauf wurden Häuser gebaut - bis heute.

Die jetzt geplante Neubebauung öffnet also gewissermaßen ein Fenster in die Vergangenheit. Bereits 1992 war die gesamte Fläche vorsorglich aufgrund des im Boden konservierten historischen Erbes unter Denkmalschutz gestellt worden. Denn der Bereich hat es - archäologisch gesehen - in sich: Insgesamt vier Phasen der Besiedlung seit dem 14. Jahrhundert können Lübecks Stadtforscher nun anschaulich dokumentieren. Aufgrund der Funde steht fest: "Der Bereich rund um die Fischer- und Beckergrube war kein Armenviertel", sagt Burkhard Kümmeke. Die vielen Funde aus wertvollen, teilweise importiertem, Glas würden dies belegen.

Und auch wenn es angesichts der vielen Fund-Fragmente so aussieht: Viel Porzellan musste nicht zerschlagen werden, damit die Archäologen hier graben durften. Prof. Dr. Manfred Gläser, Leiter des Bereichs Archäologie und Denkmalpflege, lobte das Engagement der Bauherren, sein Team hier forschen zu lassen - und finanziell dabei zu unterstützen. Ottar Schulz und Matthias Reuner von der beim Neubau federführenden BIG-Gewerbebau GmbH nickten zustimmend und sprachen von einer "angenehmen Zusammenarbeit".

Und die Fundstücke? Nicht alle Relikte aus Lübecks Geschichte wandern in die bereits reich gefüllten Depots der Archäologen: "Einige Fundstücke sollen später im Eingangsbereich des Neubaus in Vitrinen ausgestellt werden", sagt Gläser.

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