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Deutsche Bucht : Einbahnstraßen für Schiffe gefordert

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In der Deutsche Bucht wird es für Schiffsrouten durch den Bau von Windparks noch enger. Flensburger Kollisionsforscher fordern Einbahnstraßen auf dem Meer, "bevor was passiert".

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erstellt am 27.Mai.2013 | 04:15 Uhr

Flensburg | Schon jetzt ist es eng. Genauer gesagt: extrem eng. Nirgends auf der Welt drängen sich so viele Frachter, Tanker, Fähren oder Versorgungsschiffe auf so wenigen Seemeilen zusammen, wie vor der Deutschen Bucht. 150.000 große Pötte sind es jedes Jahr, die vielen Sportsegler und Küstenfischer nicht mitgezählt. Und es wird noch enger, genauer gesagt: viel, viel enger.
Grund sind die zahlreichen Baufelder für Offshore-Windparks, die den Hochsee-Schiffen den Raum zum Manövrieren nehmen. "Ein Schiff kann aufgrund von Geschwindigkeit und Masse in einer Gefahrensituation nicht abbremsen wie ein Auto, hier wird in der Regel der Vollkreis geschlagen", so Professor Pawel Ziegler von der Fachhochschule Flensburg. Der Nautik-Wissenschaftler simuliert im Maritimen Zentrum schon heute, was in einigen Jahren auf der Nordsee zu erwarten ist. Ziegler simuliert dabei Situationen, bei denen schwere Hochsee-Schiffe anderen Fahrzeugen bei der Kreuzung von Offshore-Trassen ausweichen müssen.

Havarierte Schiffe könnten in Windparks getrieben werden


Dabei spielen die Wissenschaftler mit verschiedenen Kursen und Geschwindigkeiten, mit unterschiedlichen Windstärken oder auch verzögerten Reaktionszeiten der Brückenbesatzungen durch Müdigkeit sowie dem Ausfall der Maschinen durch. "Dabei haben wir festgestellt, dass sich die Entfernung zu einer Off-Shoreanlage nach einem derartigen Ausweichmanöver auf eine bis anderthalb Seemeilen verkürzt bzw. havarierte Schiffe in die Windparks getrieben werden können." Die Flensburger berechnen so die Kollisionswahrscheinlichkeit von Fahrzeugen mit den Windrädern auf hoher See, die Grundlage für eine Genehmigung der Anlagen ist. Diese sei vergleichbar vorgegeben, wie die Wahrscheinlichkeit eines Flugzeugabsturzes über einem Atomkraftwerk.
Zwischen oder entlang den Energieanlagen auf See sei vorausschauendes Fahren für die Kapitäne nur bedingt möglich, da die Radaranlagen durch die zahlreichen Rotoren gestört würden und auch die Kursaufklärung mit dem Fernglas durch die engstehenden Masten nur bedingt möglich sei, so Ziegler. "Die Schifffahrt benötigt hier klare Regeln, da es sonst gerade im Naturschutzgebiet Wattenmeer zu Unfällen kommen kann", betont der Flensburger Nautiker, der seit zwei Jahren derartige Szenarien erforscht und warnt, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis es zu Kollisionen kommt.

Breitere Trassen und mehr Navigationshilfen


Die Kommunen und Landkreise an der deutschen Nordseeküste wollen Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) deshalb in die Pflicht nehmen. Nordfrieslands Landrat Dieter Harrsen pocht dabei ganz klar auf staatliche Zuständigkeit: "Das Schutzkonzept und das Sicherheitskonzept dürfen wir nicht der privaten Windwirtschaft überlassen. So nach dem Motto: Jeder Windpark muss dann ein Sicherheitskonzept vorlegen. Das passt nachher alles nicht zusammen. Wir brauchen hier eine Überwachung, wie wir das auch beim Luftverkehr haben", so der Kommunalpolitiker, der zugleich Vorsitzender des Interessenverbandes Schutzgemeinschaft Deutsche Nordseeküste ist. "Das Problem liegt darin, dass wir immer erst dann reagieren, wenn etwas passiert ist. Ich gebe Ihnen Brief und Siegel, wenn das erste Schiff in einen Windpark rauscht, dann wird es erst so richtig im Bewusstsein sein."
Die Flensburger Forscher haben auch schon eine Lösung für das Problem. Entlang der Küsten gibt es bereits Einbahnwege für große Schiffe. Für Ziegler steht fest, dass solche Korridore, auf denen es keinen unmittelbaren Gegenverkehr gibt, auf der ganzen Nordsee kommen müssen: "Auf dem Atlantik wäre dies alles ein Problem, da gibt es genügend Platz für freie Fahrt ab Tonne 1. Aber in der Deutschen Bucht fehlt der Platz, deshalb brauchen wir mehr dieser Einbahnwege, breitere Trassen und mehr Navigationshilfen."
Die Flensburger Forscher beschäftigen sich nicht nur mit der Kollisionssimulationen, sondern auch mit der Entwicklung neuer Geräte, die den Kapitänen die entsprechenden Informationen zu einen aussagekräftigen Lagebild zusammenfasst. Deutschland sei Hochburg der Windenergie und deshalb auch führend bei den entsprechenden Forschungen, die bereits Auswirkung auf die nautische Ausbildung zeigen, so Ziegler, der mit seinen Kollegen im ständigen Dialog mit den zuständigen Stellen im Verkehrsministerium und dem Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) steht. In zwei Jahren will der Professor seine Forschungen abgeschlossen haben, rechtzeitig bevor es auf der Deutschen Bucht richtig eng wird. Besser gesagt, noch enger.
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